Sich ans Seil klammern, das Gott zuwarf

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Wie Sophie Scholl, die vor 100 Jahren geboren wurde, vom Hitlermädchen zur Nazi-Gegnerin wurde.

Im Jahr als Adolf Hitlers Aufstieg zum Diktator begann – 1921 – wurde Sophie Scholl am 9. Mai geboren. Von ihrer Mutter, die ihren christlichen Glauben im Alltag lebte, bekamen Sophie und ihre Geschwister Gottvertrauen und Hingabe vermittelt, von ihrem Vater, der der Kirche kritisch gegenüber stand, politisches Bewusstsein und offenes Denken.

Familienwerte

In der Familie Scholl waren Werte wichtig wie Gerechtigkeit, Gewissenhaftigkeit, Friedfertigkeit, Nächstenliebe, Verantwortungsbewusstsein, Selbstdisziplin und Opferbereitschaft. Ähnliche Werte galten auch in der national-sozialistischen Bewegung als Tugenden. So traten Sophie und ihre Geschwister in die Hitlerjugend ein und setzten sich begeistert für den Aufbau eines neuen Deutschlands ein.

Den Eltern bereitete dieser Weg ihrer Kinder Sorgen, doch sie liessen ihnen die Freiheit dazu. Mit 13 Jahren wurde Sophie ein Hitlermädchen und blieb es, bis sie 20 Jahre alt wurde. Erst spät erkannte sie, dass ihre Ideale verraten worden waren.

Aufwachen

Sophie wurde klar, dass die Nazi-Ideologie die geistige Freiheit des Menschen einschränkte und nicht mit dem christlichen Glauben vereinbar war, der ihr von Kindheit an viel bedeutete. Und da der christliche Mensch Gott mehr verantwortlich ist als dem Staat, stellte sie sich innerlich immer mehr gegen das Nazi-Regime.

«Habe ich geträumt bisher? Manchmal vielleicht. Aber ich glaube, ich bin aufgewacht.», schrieb sie in einem Brief.

«Weisse Rose»

Mittlerweile war Sophie ausgebildete Kindergärtnerin und begann Naturwissenschaft und Philosophie zu studieren an der Universität in München. Dort war schon ihr älterer Bruder Hans im Medizin-Studium. Im Sommer 1942 begann er, aktiv Widerstand zu leisten.

Zusammen mit einem Freund verfasste er vier Flugblätter, die zur Abschüttelung des Hitler-Regimes aufriefen und zur Beendigung des Krieges mit dem sinnlosen Blutvergiessen. Diese «Flugblätter der Weissen Rose» – wie die zwei Studenten und Soldaten sie überschrieben – schickten sie an ausgewählte Personen.

Rettungsseil

Ab Herbst 1942 beteiligte sich Sophie aktiv an der Vorbereitung der zweiten Flugblatt-Aktion. Sie ahnte, dass es dabei um Leben und Tod ging, denn das Hitler-Regime duldete keinen Widerspruch.

Ihrem Freund, Offizier der Wehrmacht bei Stalingrad, schrieb sie, dass sie im Meer der Angst, der Gottesferne, des Nichts zu versinken drohte und wie sie dagegen kämpfte: «…Doch hilft dagegen nur das Gebet, und wenn in mir noch so viele Teufel rasen, ich will mich an das Seil klammern, das mir Gott in Jesus Christus zugeworfen hat, und wenn ich es nicht mehr in meinen erstarrten Händen fühle.»

Jesus Christus war für Sophie das Rettungsseil, das Gott ihr zuwarf, damit sie nicht ertrank in den Wogen von Gedanken und Gefühlen, die über ihr zusammenschlugen. An Ihm wollte sie sich mit aller Kraft festhalten.

«Freiheit»

Als Sophie und ihr Bruder Hans am 18. Februar 1943 Flugblätter in der Universität verteilten, wurden sie entdeckt, verhaftet und dann getrennt verhört. Am Schluss des Verhörs sagte Sophie: «Ich bin nach wie vor der Meinung, das Beste getan zu haben, was ich gerade jetzt für mein Volk tun konnte. Ich bereue deshalb meine Handlungsweise nicht und will die Folgen, die mir aus meiner Handlungsweise erwachsen, auf mich nehmen.»

In Windeseile verfasste das Räderwerk der Nazi-Justiz eine Anklageschrift mit Vorladung zum Gerichtstermin und händigte diese den inhaftierten Angeklagten aus. Nachdem Sophie das Dokument durchgelesen hatte, schrieb sie unbemerkt zwei Mal das Wort «Freiheit» auf die Rückseite. Erst Jahrzehnte später wurde ihre Botschaft entdeckt.

Jesus

Am 22. Februar 1943 wurden Sophie und ihr Bruder Hans in einem Schauprozess wegen Hochverrat zum Tod verurteilt und noch am gleichen Tag hingerichtet.

In der Todeszelle, kurz vor der Vollstreckung des Urteils, machte Sophies Mutter ihrer Tochter Mut, sich an Jesus Christus festzuhalten. Sie sagte zu ihr: «Aber, gelt, Jesus!» Sophie bejahte dies und forderte ihre Mutter auf, dasselbe zu tun. Sie antwortete ihr: «Ja, aber du auch!»

Pfr. Urs Wegmüller
Urs Wegmüller,