Ein Lied, das hilft, aufzustehen

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Aktueller Inhalt in alten Worten: Paul Gerhardts Morgenlied «Die güldne Sonne».

Eine Alltagserfahrung, ein Sonnenaufgang steht am Anfang: «Die güldne Sonne voll Freud und Wonne bringt unsern Grenzen mit ihrem Glänzen ein herzerquickendes, liebliches Licht. Mein Haupt und Glieder, die lagen darnieder; aber nun steh ich, bin munter und fröhlich, schaue den Himmel mit meinem Gesicht.»

Für den Dichter ist die «güldne Sonne» nicht nur ein Himmelskörper, sondern auch ein Symbol. In einem anderen Lied sagt er ausdrücklich: «Die Sonne, die mir lachet, ist mein Herr Jesus Christ».

Die aufgehende Sonne steht also auch für die Auferstehung Jesu Christi von den Toten und für das damit verbundene Geschenk: Gottes Barmherzigkeit unseren menschlichen Grenzen gegenüber und die christliche Auferstehungshoffnung. Auf diese deutet auch das Aufstehen am Morgen.

Zweideutiger Himmel

«Mein Auge schauet, was Gott gebauet zu seinen Ehren und uns zu lehren, wie sein Vermögen sei mächtig und gross und wo die Frommen dann sollen hinkommen, wann sie mit Frieden von hinnen geschieden aus dieser Erde vergänglichem Schoss.»

«Himmel» meint einerseits den sichtbaren Raum über der Erde. Dieser weist uns auf Gott, den Schöpfer, hin. «Himmel» meint andererseits auch den unsichtbaren Raum der Wirklichkeit Gottes. Dazu haben wir von uns aus keinen Zugang.

Dadurch, dass Jesus Christus am Kreuz für unsere Schuld bezahlte und von den Toten auferstand, machte Er uns den Weg frei zu diesem Himmel – und damit zur ewigen vollendeten Gemeinschaft mit Gott.

«Lasset uns singen!»

«Lasset uns singen, dem Schöpfer bringen Güter und Gaben; was wir nur haben, alles sei Gotte zum Opfer gesetzt. Die besten Güter sind unsre Gemüter; vor ihn zu treten mit Danken und Beten, das ist ein Opfer, dran er sich ergötzt.»

Gott zu singen, Ihm zu danken und Ihn zu bitten, fällt nicht immer leicht. Je nach Lebensumständen ist es eine riesige Herausforderung, vielleicht sogar ein «Opfer».

Paul Gerhardt, 1607 im heutigen Deutschland geboren, durchlitt tiefes menschliches Leid. Als er 11 Jahre alt war, brach ein Krieg aus, der 30 Jahre dauerte und Europa verwüstete und entvölkerte. Mit 12 Jahren verlor er seinen Vater, mit 14 Jahren seine Mutter. Als der Pfarrer, Seelsorger und Dichter mit 59 Jahren «Die güldne Sonne» schrieb, waren vier seiner fünf Kinder bereits tot.

Doch er vertraute weiter auf Gott: «Abend und Morgen sind seine Sorgen; segnen und mehren, Unglück verwehren sind seine Werke und Taten allein. Wenn wir uns legen, so ist er zugegen; wenn wir aufstehen, so lässt er aufgehen über uns seiner Barmherzigkeit Schein.»

Weder Neid noch Geiz

Da wir auf Gottes Hilfe angewiesen sind, um unser Leben zu meistern, bittet Paul Gerhardt: «Ich hab erhoben zu dir hoch droben all meine Sinnen; lass mein Beginnen ohn allen Anstoss und glücklich ergehn. Laster und Schande, der Finsternis Bande, Fallen und Tücke treib ferne zurücke; lass mich auf deinen Geboten bestehn.»

Und besonders bittet er um Bewahrung vor Neid und Geiz: «Lass mich mit Freuden ohn alles Neiden sehen den Segen, den du wirst legen in meines Bruders und Nähesten Haus. Geiziges Brennen, unchristliches Rennen nach Gut mit Sünde, das tilge geschwinde von meinem Herzen und wirf es hinaus.»

«Alles vergehet»

«Menschliches Wesen, was ist’s gewesen? In einer Stunde geht es zugrunde, sobald die Lüfte des Todes dreinwehn. Alles in allen muss brechen und fallen; Himmel und Erden die müssen das werden, was sie gewesen vor ihrem Bestehn.»

Als das Lied entstand, war der Tod in Europa allgegenwärtig. Corona setzt den weitgehend an den Rand gedrängten Tod auch heute wieder auf die Tagesordnung.

Paul Gerhardt konnte unserer irdischen Vergänglichkeit die Ewigkeit Gottes entgegensetzen: «Alles vergehet, Gott aber stehet ohn alles Wanken; seine Gedanken, sein Wort und Wille hat ewigen Grund. Sein Heil und Gnaden, die nehmen nicht Schaden, heilen im Herzen die tödlichen Schmerzen, halten uns zeitlich und ewig gesund.»

Gott, sein Heil, das Er uns durch Jesus Christus erwirkte, und seine Barmherzigkeit bleiben ewig. Darum konnte der Dichter zuversichtlich um Vergebung bitten und sich vertrauensvoll Gottes Führung überlassen: «Gott, meine Krone, vergib und schone, lass meine Schulden in Gnad und Hulden aus deinen Augen sein ferne gewandt. Sonsten regiere mich, lenke und führe, wie dir’s gefället; ich habe gestellet alles in deine Beliebung und Hand.»

Aufstehen zum Leben

Weil Paul Gerhardt mit Gott lebte, war der Tod für ihn auch ein Anfang: «Kreuz und Elende, das nimmt ein Ende; nach Meeresbrausen und Windessausen leuchtet der Sonne erwünschtes Gesicht. Freude die Fülle und selige Stille darf ich erwarten im himmlischen Garten; dahin sind meine Gedanken gericht’.»

Er vertraute darauf, dass das Gesicht des auferstandenen Jesus Christus ihm in Gottes Ewigkeit leuchtet. Darauf richtete er sich aus. So nährte er seine Auferstehungshoffnung, dass sie in ihm lebendig blieb.

Diese Auferstehungshoffnung gab ihm Kraft, immer wieder aufzustehen und seinen oft schwierigen Alltag zu meistern. Und sie gab ihm als Seelsorger Kraft, seine Mitmenschen in entbehrungsreicher Zeit zu trösten, ihnen Mut zu machen, sie hilfreich zu begleiten. Seine Lieder tun dies auch heute noch.

Pfr. Urs Wegmüller
Urs Wegmüller,