Gottesdienst

So. 08.11.2015, 10.15 Uhr
Münster, Münsterplatz, 8200 Schaffhausen
"Der Herz und Nieren prüft"
"Alle Gemeinden werden erkennen, dass ich es bin, der Herz und Nieren erforscht; und ich werde euch vergelten, einem jeden nach seinen Taten".

Liebe Gottesdienstgemeinde,
Gott, der Herr, schaut nicht auf das, was vor Augen liegt, er schaut in die Tiefe.
Es ist es gut, dass sein Geist Herz und Gewissen erforscht, denn es motiviert uns, das Schöne und Gute zu suchen und zu entfalten, das seit Anfang der Schöpfung in uns gelegt ist.
Dazu eine kleine jüdische Geschichte:

RABBI SCHALOM BÄR PRIES EINMAL DIE ARMEN UND GEWÖHNLICHEN LEUTE.
MUNIA, EIN CHASSID, DER NEBEN IHM SASS, FRAGTE ÜBERRASCHT, WAS ER DENN AN IHNEN FÄNDE.
SIE HABEN VIELE VORZÜGE, ERWIEDERTE DER RABBI.
SO? NUN, ICH KANN NICHTS BESONDERES AN IHNEN FINDEN, SAGTE MUNIA. DA SCHWIEG DER RABBI.
DANN WANDTE ER SICH AN DEN CHASSIDEN UND MEINTE:
DU BIST DIAMANTENHÄNDLER, NICHT WAHR?
DARF ICH EINMAL EINEN DEINER STEINE SEHEN?
SOFORT ZOG MUNIA EIN BEUTELCHEN AUS SEINER TASCHE UND SCHÜTTELTE DEN INHALT VOR RABBI SHALOM BÄR AUS, DER IHN MIT MÄSSIGEM INTERESSE BETRACHTETE.

DIESER HIER IST EIN WUNDERBARER STEIN, SAGTE MUNIA UND ZEIGTE AUF EINEN DER DIAMANTEN: EIN JUWEL VON SELTENER SCHÖNHEIT.
DER RABBI BLIEB UNBEEINDRUCKT UND SAGTE, ER KÖNNE NICHTS BESONDERES AN DIESEM STEIN FINDEN.
OH, SAGT MUNIA, MAN MUSS EBEN FACHMANN SEIN, UM DIE SCHÖNHEIT EINES STEINES WIRKLICH SCHÄTZEN ZU KÖNNEN.
DER RABBI LÄCHELTE.
MUNIA, MUNIA, SAGTE ER. AUCH UM DIE SCHÖNHEIT DER SEELE EINES EINFACHEN MENSCHEN SCHÄTZEN ZU KÖNNEN, MUSS MAN FACHMANN SEIN!

Liebe Gemeinde,
in der eben gehörten Geschichte wird die Seele oder das Herz eines Menschen mit einem Edelstein verglichen -
einem ungeschliffenen Diamanten, dessen Schönheit nur erkennen und wertschätzen kann, wer sozusagen „vom Fach“ ist –
vielleicht ein weiser Mensch mit viel Wissen, Gespür und Erfahrung.

Auch Jesus war in diesem Sinne ein Fachmann, der das Innere eines Menschen intuitiv erfassen und verstehen konnte.
Wie Rabbi Schalom Bär liebte er die „normalen“, einfachen und gewöhnlichen Leute, denn gerade in ihnen liegt oftmals ein wertvoller Schatz und ein erstaunlicher Reichtum verborgen.

Es braucht manchmal Mut, „gewöhnlich“ und einfach zu sein und vor der Mitwelt „nichts Besonderes“ darstellen zu wollen.
Selbst dem bescheiden auftretenden David wird zwar nachgesagt, er habe „schöne Augen und eine schöne Gestalt“ gehabt, doch das Wesentliche –
die SCHÖNHEIT DER SEELE EINES EINFACHEN MENSCHEN- ist unsichtbar.
Darum das Bibelwort:

"Der Mensch urteilt nach den Augen, der HERR aber urteilt nach dem Herzen."

Den Mut aufzubringen, einfach, gewöhnlich, scheinbar unbedeutend zu sein:
vielleicht, liebe Gemeinde,gilt dieser Aufruf für uns als einzelne Menschen, die wir oft meinen, wir müssten etwas Besonderes tun oder leisten, um wertvoll zu sein.
Vielleicht gilt er auch für die Kirche als Ganze, für uns als Kirchgemeinde oder für eine christliche Gemeinde wie die Gemeinde in Thyatira, aus deren Sendschreiben wir gehört haben.

In der Offenbarung des Johannes sind sieben Briefe oder „Sendschreiben“ an verschiedene Gemeinden der damaligen Christenheit zu finden.
Jedes dieser Schreiben hat einen eigenen Charakter und geht konkret auf die jeweilige Situation vor Ort ein, richtet sich jedoch stets an die ganze Kirche - also auch an uns.
Den Christinnen und Christen von Thyatira, das heute übrigens AKHISSAR heisst und in der Türkei liegt, wird im Sendschreiben gesagt:

"Ich kenne deine Werke - die Liebe, den Glauben, die Hilfsbereitschaft - und deine Beharrlichkeit, und ich weiss, dass deine letzten Werke zahlreicher sind als die ersten."

Wie wunderbar: Ein grosses Lob erhalten da die Menschen der Gemeinde!
Ihre Liebe, ihr Gottvertrauen, ihre Hilfsbereitschaft werden ausdrücklich gerühmt.
Vergessen wir nicht, es ist der Auferstandene, Christus, der hier durch das Wort des Johannes spricht, "der Sohn Gottes, der Augen hat wie Feuerflammen und dessen Füsse dem Golderz gleichen."

Jesus weiss um die Sorgen, Wünsche und Motivationen, Widerstände und Nöte, welche die Leute in Thyatira beschäftigen.
Er mahnt zu Geduld und Beharrlichkeit und verspricht denen Lohn, die sich bemühend auf dem Weg des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe gehen:
"Wer meine Werke bis ans Ende hält, dem werde ich den Morgenstern geben."

Der Morgenstern bedeutet: Teilnahme am Heil, Anteil am Licht, das hier schon im Verborgenen leuchtet und in der neuen, kommenden Welt vollends offenbar wird.
Die wesentlichen Punkte, die hervorgehoben werden, sind: Gute Werke, rechtes Tun und Verhalten, Liebe, Dienst am nächsten Mitmenschen und Geduld.

Was dies konkret bedeutet, könnte zum Beispiel auch unser Umgang mit den Flüchtlingen zeigen, die Europa zurzeit beschäftigen und nun auch in der Region Schaffhausen angekommen sind.
Ihnen gilt es – unvoreingenommen, aber auch ohne sich vereinnahmen zu lassen – mit Herz und Verstand im richtigen Mass Liebe, Geduld, Humanität und Hilfsbereitschaft entgegenzubringen.

"Ich kenne deine Werke - die Liebe, den Glauben, die Hilfsbereitschaft - und deine Beharrlichkeit, und ich weiss, dass deine letzten Werke zahlreicher sind als die ersten."

Liebe Gemeinde, so sehr die Christinnen und Christen in Thyatira gelobt werden – sie müssen auch Kritik einstecken, denn der Auferstandene sagt:
"Ich habe gegen dich, dass du die Prophetin Isebel gewähren lässt, die meine Mägde und Knechte verführt."

Offenbar gab es auch zweifelhafte Tendenzen im frühen Christentum.
Es ist nicht leicht, in wenigen Worten zu erklären, wer mit der „Prophetin Isebel“ gemeint sei.
Ähnlich wie heute gab es auch damals innerhalb der Kirche verschiedene Meinungen und Strömungen, und nicht alle entsprachen dem, was Jesus und was die Apostel wie Paulus, Petrus oder Johannes als Evangelium und "gesunde Lehre" vertraten.
Manche dieser Strömungen – zu ihnen schien auch „Isebel“ zu gehören, deren Name für die Entfremdung vom Gott der Bibel steht – wollten vielleicht etwas sehr Aussergewöhnliches und Besonderes sein und gingen gerade so am Kern der Sache vorbei!

Im Umfeld der damaligen Welt war die Kirche in Thyatira ein kleines, armseliges Häuflein.
Dennoch wird ihr – und mit ihr auch uns – Mut zugesprochen und die Aussicht auf Belohnung zugesagt.
Die Schönheit des Lebens, die im Kleinen bereits überall da ist, wird sich auch im Grossen durchsetzen.
Zuletzt wird es einen neuen Himmel und eine neue Erde geben, lautet die Botschaft der Offenbarung.
Vertrauen wir diesem Wort und handeln wir danach!
Üben wir Liebe, Geduld und Hilfsbereitschaft,
bemühen wir uns um ein einfaches, bescheidenes Herz, und tragen wir Sorge dafür, dass durch uns menschliche Wärme, Frieden, Vertrauen und Hoffnung zum Ausdruck kommen!
Amen.



Predigttext: Offb 2, 18-23
Musik: Peter Leu
Kollekte: Blaues Kreuz Schaffhausen
Kontakt: Pfr. Heinz Brauchart