Er hat sich eingemischt

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Podium zur Buchvernissage: v.l. Luca Baschera, Andreas Berger, Bruce Gordon, Roland Diethelm (Foto: Daniel Zulauf)
Zwingli als Prophet, Politiker und widersprüchlicher Erneuerer stand im Mittelpunkt eines Festgottesdienstes und eines Podiumsgesprächs in der Stadtkirche St. Johann. Anlass war das Erscheinen der deutschen Übersetzung von Bruce Gordons Biografie «Zwingli. Gottes bewaffneter Prophet».
Pfarrer Roland Diethelm eröffnete den Gottesdienst mit dem Wunsch, dass Gottes Wort nicht äusserlich bleibe, sondern Menschen berühre und ihre Gegenwart bestimme. Angela Maria Christen las aus dem Buch Ezechiel von der Berufung des Propheten: Ezechiel soll eine Schriftrolle essen, die in seinem Mund süss wie Honig wird, und danach Gottes Wort zum Volk tragen.

Das Wort wurde Musik

Schon die musikalische Eröffnung nahm diese Bitte um Gottes Wort und Hilfe auf. Tino Brütsch und Alexander Giontsis sangen, begleitet von Andreas Jud an der Orgel, Heinrich Schütz’ «Eile mich, Gott, zu erretten». Der eindringliche Hilferuf aus Psalm 70 eröffnete den Gottesdienst nicht nur musikalisch, sondern auch theologisch.

Die weiteren Werke aus Schütz’ «Kleinen geistlichen Konzerten» begleiteten den Weg durch den Gottesdienst. Diese in den Jahren des Dreissigjährigen Krieges für kleine Besetzung entstandenen Kompositionen rücken die Sprache der Bibel mit besonderer Unmittelbarkeit ins Zentrum. Nach der Lesung erklang «Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet»: Aus Müdigkeit und Vergeblichkeit wächst bei den Worten «aber auf dein Wort» neues Vertrauen. Später folgten das innige Christus-Bekenntnis «O süsser, o freundlicher, o gütiger Herr Jesu Christe» und die Psalmvertonung «Eins bitte ich vom Herren».

Die konzentrierte Gestaltung durch die beiden Sänger und Andreas Jud an der Orgel wurde von vielen Gottesdienstteilnehmerinnen und -Teilnehmern besonders gewürdigt. Mit der Fuge aus Felix Mendelssohn Bartholdys zweiter Orgelsonate führte Jud die Gemeinde am Ende kraftvoll aus dem Gottesdienst hinaus.

Die Worte durchkneten

Gastpredigerin Kathrin Oxen von der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin erinnerte an den Zürcher Gelehrtenkreis, der sich täglich traf, um gemeinsam die Bibel aus den Ursprachen zu übersetzen und um ihre Bedeutung zu ringen. Diese gemeinsame Bibelarbeit wurde «Prophezei» genannt.

Oxen beschrieb sie so: «Sie kneten die Worte durch, bis sie ihnen süss im Mund werden. Danach geben sie das nun verdauliche und nährende Wort weiter.» Sie fragte, wann es heute wieder Zeit für eine solche Prophezei sei – auch in Erinnerung an die Bekennende Kirche, die sich einst in dem Pfarrhaus traf, in dem sie heute in Berlin wohnt. Zwingli, so ihre Pointe, habe sich eingemischt.

Grussworte von Stadt und Kirche

Stadtarchivar Cyril Schiendorfer überbrachte die Grüsse des Stadtrats. Die Reformation sei ein vielschichtiger und keineswegs geradliniger Prozess gewesen. Die Beschäftigung mit ihr ermögliche Vergleiche und eröffne neue Perspektiven auf Fragen der Gegenwart.

Kirchenratspräsident Wolfram Kötter nahm Bezug auf eine aktuelle Debatte in der Synode der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz. Dort sei kritisiert worden, die Kirche äussere sich zu wenig zu politischen Fragen. Es könne nicht um vorschnelle Parolen gehen, wohl aber um eine erkennbare Wertehaltung. Statt nur zu fragen, wie politisch Kirche sein dürfe, stellte Kötter die Frage: «Wie sehr treibt uns die Liebe Gottes an?»

Prophet, Visionär und bewaffneter Erneuerer

Nach Gottesdienst und Apéro moderierte Roland Diethelm ein Podiumsgespräch mit Bruce Gordon, Historiker an der Yale University und Autor der Biografie, Andreas Berger von der Universität Bern, der das Buch ins Deutsche übersetzt hat, und Luca Baschera vom Institut für Schweizerische Reformationsgeschichte der Universität Zürich.

Im Zentrum stand das widersprüchliche Zwingli-Bild des Buches. Gordon zeichnet den Reformator weder als protestantischen Helden noch einfach als religiösen Fanatiker. Zwingli erscheint als charismatischer Prediger und Exeget, als politischer Stratege und als Mittelpunkt eines weitgespannten theologischen Netzwerks – zugleich aber als ein Mann, dessen Gewissheit zunehmend auch Zwang und bewaffnete Auseinandersetzung einschloss.

Roland Diethelm fragte, ob Zwingli am Ende von dem Strom mitgerissen worden sei, den er selbst ausgelöst hatte. Gerade das Widersprüchliche mache ihn menschlich, hiess es im Gespräch. Diese Ambivalenz dürfe nicht aufgelöst werden.

Für Andreas Berger wurde die Übersetzung zu einer Auseinandersetzung mit dem eigenen Geschichts- und Weltbild. Er schlug vor, die übliche Frage nach Zwingli umzukehren: Was war das für eine Gesellschaft, die Zwingli attraktiv fand? Es war eine Gesellschaft, die zu Experimenten bereit war und daran glaubte, sie auch verwirklichen zu können. Luca Baschera präzisierte: Nicht die ganze Gesellschaft stand hinter Zwingli, wohl aber einflussreiche Teile von ihr.

Fragen aus dem Publikum öffneten weitere Perspektiven: Zwinglis Freundeskreis und sein reformatorisches Netzwerk, seine Verbundenheit mit der Landbevölkerung, die wirtschaftlichen Folgen der Aufhebung der Klöster, die Rolle der Frauen und schliesslich die Verfolgung und Hinrichtung von Täufern durch den Zürcher Rat.

Dank dem Büchertisch von Sibylle Eggstein, Geschäftsführerin des Bücher-Fass, konnte die Neuerscheinung im Anschluss erworben und von Bruce Gordon signiert werden.

Doris Brodbeck
2026-06-21 Zwingli Vernissage
22.06.2026
11 Bilder
Fotograf/-in
Daniel Zulauf