Peter Vogelsanger

zum Nachdenken:

Plädoyer für öffentliche Abdankung



"In aller Stille" ist zu leise!

Immer häufiger nimmt man Abschied nur im engsten Familien- und Freundeskreis. Doch es gibt gute Gründe, für die Öffentlichkeit der Abdankungsfeiern einzustehen.

Ist es Ihnen auch schon so gegangen? Sie lesen in der Zeitung, dass jemand aus Ihrem Bekanntenkreis gestorben ist - und die Bestattung hat bereits stattgefunden. "In aller Stille oder im engsten Familienkreis haben wir Abschied genommen", heisst es da. Die Angehörigen haben sich dabei nicht überlegt, dass sie Sie - und vermutlich noch eine ganze Anzahl weiterer ehemaliger Bekannter und Weggefährten - um die Möglichkeit des Abschiednehmens gebracht haben.

Abschiednehmen ist wichtig

"Denen, die es wissen müssen, sagen wir es; die Anderen geht es nichts an." So argumentieren Trauerfamilien, die auf eine Todesanzeige mit Bekanntgabe des Beerdigungsortes und -datums verzichten. Doch Hand aufs Herz: Wer kennt den Bekanntenkreis seiner Mutter, die Jugendkameraden seines Vaters oder die ehemaligen Arbeitskollegen seines Partners wirklich? Es ist eine glatte Überforderung, in den wenigen Tagen zwischen Todesfall und Beerdigung den richtigen Entscheid zu fällen, wer "es wissen muss" und wer nicht. Eine Anzeige in der Zeitung ist deshalb nach wie vor sinnvoll, auch wenn sie ein paar Hundert Franken kostet. Das Abschiednehmen ist eine wichtige Sache, und wir sollten es nicht zunehmend eingrenzen und verunmöglichen. Auch weiter entfernte - oder den Angehörigen nicht bekannte - Weggefährten sollen dem Verstorbenen diesen Liebesdienst tun dürfen. Im Abschiedsgottesdienst kann sich zudem manches, was vielleicht beim einen und andern noch unerledigt war, klären oder lösen.

Lernen durch Erfahrung

Es ist eine eigenartige Entwicklung: Auf der einen Seite beklagen wir, dass Sterben, Tod und Trauer in unserer modernen westlichen Gesellschaft tabuisiert und ausgegrenzt werden. Wir stellen eine grosse Hilflosigkeit im Umgang mit diesen Themen fest. Doch auf der andern Seite machen wir - vorab in städtischen Gebieten - den Trend zu stillen Bestattungen munter mit. Wo sollen wir denn den Umgang mit dem Tod lernen, wenn die Abschiedsfeiern immer privater werden?

Die öffentlichen Beerdigungen und Abdankungen sind ja nicht zuletzt Gelegenheiten, uns ins Sterben einzuüben. Wir werden als Teilnehmende an unsere eigene Endlichkeit erinnert. Wir werden als Zuhörende und Zuschauende dazu gezwungen, uns unsere eigenen Gedanken zu machen. Gerade auch als etwas entfernter stehende Teilnehmer können wir Lernende sein. Wir bekommen mit, wie es auf dem Friedhof, in der Abdankungshalle oder beim Gottesdienst in der Kirche zugeht. Wir sammeln Erfahrungen. So stehen wir nicht erst dann zum ersten Mal an einem Grab oder betreten zum ersten Mal die Abdankungshalle, wenn wir als Direktbetroffene von einem unserer Allernächsten Abschied nehmen müssen.

Die stille Bestattung im Kreis der Familie mag im Einzelfall aus der Sicht der Angehörigen verständlich sein. Angehörige haben im ersten Schock oder Schmerz das Bedürfnis nach möglichst wenig Öffentlichkeit. Doch auf weitere Sicht und gesamtgesellschaftlich betrachtet, ist die stille Bestattung kein guter Trend. Er macht uns im Umgang mit dem schwierigen Thema Tod nicht stärker, sondern schwächer.

Margrit Balscheit, Pfarrerin
Bereitgestellt: 08.02.2013     
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