Kraftquellen zwischen Klettgau und Kantonsspital - Bibel einfach erklärt (SN)

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Sebastian von Paledzki: Katholischer Spitalseelsorger (Foto: zvg)
Wer tief verwurzelt ist, findet Kraft, um auch in den schweren Stürmen des Lebens irgendwann "zur rechten Zeit" wieder zarte neue Blätter zu treiben.
PSALM, KAPITEL 1, VERS 3:
«Selig der Mensch, der ist wie ein Baum: gepflanzt an Bächen voll Wasser, der zur rechten Zeit seine Frucht bringt und dessen Blätter nicht welken. Alles, was er tut, es wird ihm gelingen.»

Der Weg von Hallau nach Schaffhausen ist für mich mehr als nur Pendeln. Wenn ich im Zug sitze, gleitet die Landschaft des Klettgaus an mir vorbei - ein grünes Band, das sich im April von Tag zu Tag verändert. Ich geniesse die Bahnfahrt. Sie ist der Puffer zwischen meinem Zuhause und meiner Arbeit als Seelsorger im Kantonsspital. Während draussen die Reben ausschlagen, bereite ich mich innerlich auf die Begegnungen vor, die mich erwarten.

Im Spital treffe ich Menschen, deren Lebensbaum gerade keine Früchte oder grüne Blätter trägt. Krankheit und Schmerz fühlen sich oft wie ein harter Winter an. In den Spitalzimmern geht es selten um das schnelle Wachstum, eher um das Überdauern. Als Seelsorger frage ich die Patientinnen und Patienten oft: "Was gibt Ihnen Halt? Wer gibt Ihnen Kraft? Wo sind Ihre Wurzeln?" Psalm 1 beschreibt den Menschen als Baum, gepflanzt an Bächen voll Wasser. Das ist ein starkes Bild für den Genesungsprozess - nicht nur im Kantonsspital. Wir alle brauchen eine Quelle, die uns speist, besonders wenn die äusseren Umstände dürr werden.

Die Natur im Klettgau macht es uns in diesen Wochen vor: Kraft kommt aus der Tiefe, aus der Verwurzelung. Wenn ich später durch die Korridore des Spitals gehe, versuche ich, etwas von dieser Zuversicht aus dem Klettgau mitzubringen. Heilung bedeutet oft, sich wieder mit den eigenen Lebensquellen zu verbinden und darauf zu vertrauen, auch in schweren Zeiten von ihnen gespeist zu werden. Und: Heilung braucht Zeit. Zeit und Geduld. Sie kommt nicht auf Knopfdruck, selten wie erwartet, aber oft zu ihrer, "zur rechten Zeit".

Die erwachende Natur vor unseren Zugfenstern ist ein sichtbares Zeichen dafür. Wenn ich abends wieder Richtung Hallau fahre, sehe ich die Weite der Felder und weiss: Wahres Wachstum braucht viel Zeit und guten Boden. Eigentlich sind wir mit beidem reich beschenkt.

Sebastian von Paledzki, röm.-kath. Diakon, Spital- und Gefängnisseelsorger, Kantonsspital Schaffhausen
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