Wo hockt Gott? - Bibel einfach erklärt (SN)

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Ruedi Waldvogel (Foto: SN Bibelkolumne)
Gott und Mensch wohnen und begegnen sich im gemeinsamen Raum des Liedes, des Gebets und des Schweigens.
PSALM 22, VERS 4:
«Du aber, Heiliger, thronst auf den Lobgesängen Israels. »

Da staunen wir! Sitzt Gott auf Lobliedern? Das alttestamentliche Hebräisch benutzt das Wort «sitzen, wohnen» für den Sitz Gottes. Die häufigere Vorstellung war, dass Gott auf dem Kerubenthron sitze oder im Tempelgottesdienst dort erscheine. Das Bild eines Keruben ist eine Mischung aus vierfüssigem Tier mit Flügeln und einem Thronstuhl. Im Psalm 22 thront Gott auf den Lobgesängen: wird hier eine archaische Auffassung vom autonomen Sitz Gottes ersetzt durch eine Erfahrung, dass Gott auf unseren menschlichen Hymnen «sitzt»? Dann wäre Gott abhängig vom menschlichen Gesang, von der menschlichen Annäherung im Loblied. Meister Eckhardt, der deutsche Mystiker, hat um 1300 diesen Gedanken so gepredigt: «wäre ich nicht, so wäre auch Gott nicht: dass Gott Gott ist, dafür bin ich die Ursache.» Ganz schön radikal! Dann wären Gott und Mensch voneinander abhängig. Dann wäre unsere Gotteserfahrung wie ein offener Raum, in welchem wir mit unserer Sehnsucht im Gesang, im Gebet und im Schweigen aufleben, weil gleichzeitig darin auch das Nicht-Fassbare, das Göttliche, lebt. Ist das nicht eine Chance für einen lebendigen Glauben?

Ruedi Waldvogel, Schaffhausen, Pfarrer im Ruhestand
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