Das Zwischenmenschliche lebt von Verbindlichkeit - Bibel einfach erklärt (SN)

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Verena Hubmann (Foto: Bibelkolumne)
Unsere individualisierte Gesellschaft hält wenig von Verbindlichkeit. Eine Sprachnachricht genügt: habe mich umentschieden, komme doch nicht. Damit verschwindet der Kitt, der uns Menschen zusammenhält.
2. KORINTHERBRIEF, KAPITEL 12, VERSE 9 BIS 10:
«Wir haben genug an der Gnade, denn die Kraft findet ihre Vollendung am Ort der Schwachheit. So rühme ich mich lieber meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir Wohnung nehme. Darum freue ich mich über alle Schwachheit … um Christi Willen. Denn wenn ich schwach bin, bin ich stark»

Paulus stimmt das Lob auf die Schwachheit an. Das wirkt befremdlich, ja, anachronistisch. Auf der Bühne der Weltpolitik haben Grossmäuler das Sagen. Technokraten und die Hochfinanz verfolgen eigene Interessen. Die Macht in den Händen weniger ohne Verantwortungsgefühl und Menschlichkeit versetzt uns weltweit in Angst und Schrecken. Ohnmacht resultiert als vorherrschendes Gefühl. Als die „ohne Macht“ können wir eh nichts tun.
In unserer auf Leistung getrimmten Gesellschaft gilt überdies, dass stark sein muss, wer bestehen will. Dazu kommt die Individualisierung. Es ist uns selbst überlassen, wie weit es uns gelingt (oder nicht), uns selbst zu verwirklichen. Und natürlich ist es nie genug, nein, wir müssen uns selbst und alles in unserem Leben ständig weiter optimieren. Das Hamsterrad dreht sich. Pech, wer nicht mithalten kann.
Das Problem haben die Schwächsten in unserer Gesellschaft: die Alten und Gebrechlichen, die Kranken und die mit einer Einschränkung, alleinerziehende Frauen, überhaupt die Mütter und die Kinder und die Randständigen, die ganz aus dem System kippen.
Eine Gesellschaft, die so funktioniert, verkennt, dass sie ein Problem hat. Ihre Qualität bemisst sich an ihrem Umgang mit den schwächsten Mitgliedern. Es steht die (Zwischen-)Menschlichkeit auf dem Spiel.
Höchste Zeit, dass wir uns mit unserem Schwachsein auseinandersetzen. Erlauben wir uns Gefühle wie Schwäche, Ohnmacht, Verletzlichkeit, so merken wir erst, wie viel Kraft es kostet, nach aussen immer stark zu sein. Und es ist ein Trugschluss: stark ist nicht, wer äusserlich Stärke zeigt, stark ist, wer sich die eigene Schwäche eingesteht und einen gelösten Umgang damit findet. Menschen, die ihre Schwächen und Schattenseiten integriert haben, verfügen über eine innere Stärke. Sie sind authentisch, und das überzeugt.
Unsere Verletzlichkeit wirkt verbindend. Wir brauchen einander und dass wir uns verbindlich aufeinander einlassen. Verbindlichkeit stärkt das Zwischenmenschliche. Gemeinsam sind wir am stärksten!

Verena Hubmann, Pfarrerin zu St. Johann-Münster in Schaffhausen
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