Bibel einfach erklärt (SN): Was ich alles tue, um gut dazustehen

Bild wird geladen... (Foto: Werner Näf)
Jesus hat etwas Entlarvendes an sich. Er bringt mich dazu, mich damit auseinanderzusetzen, was ich alles tue, um gut dazustehen. Und er hat etwas Befreiendes: Er nimmt den Druck, stets gut dastehen zu müssen.
Matthias Koch, reformierter Pfarrer in Neuhausen am Rheinfall,
LUKAS, Kapitel 14, Verse 12-14
«Jesus sprach zu seinem Gastgeber: Wenn du ein Mittags- oder Abendmahl machst, so lade weder deine Freunde noch deine Brüder noch deine Verwandten noch reiche Nachbarn ein, damit sie dich nicht etwa wieder einladen und dir vergolten wird. Sondern wenn du ein Mahl machst, so lade Arme, Verkrüppelte, Lahme und Blinde ein, dann wirst du selig sein, denn sie haben nichts, um es dir zu vergelten; es wird dir aber vergolten werden bei der Auferstehung der Gerechten.»

Wir sind es gewohnt, unsere Sonnenseite zu präsentieren. Unsere innere Marketing-Abteilung lassen wir gerne Überstunden arbeiten – ob Besuch ansteht oder beim zufälligen Schwatz, bei einem Geschäftstermin oder privat. Es ist uns wichtig, in welchem Licht andere uns sehen. Auch wer social media nutzt oder den WhatsApp-Status regelmässig aktualisiert, zeigt mit seinen Fotos, was er Schönes erlebt, Leckeres gegessen und Tolles gemacht hat. Das Teilen solcher Erfahrungen tut gut, es kann jedoch auch anstrengend werden und unter Druck setzen. Denn mein Leben ist mehr und anders als nur das, was ich aufwändig poliert ins Schaufenster stelle.

Das Gleichnis von Jesus steigt bei einer ähnlichen Beobachtung ein. Er sieht, wie sich die Gäste um die besten Plätze bemühen. Alle wollen sich im besten Licht darstellen. Es gibt Gewinner und Enttäuschte. In diesem Gerangel um den Platz an der Sonne wendet sich Jesus an den Gastgeber. Anhand der Gästeauswahl entlarvt er das Berechnende dahinter und hinterfragt die versteckten Absichten. Dabei knüpft Jesus an der alttestamentlichen Tradition der besonderen Fürsorge für die sozial Schwachen an. Diese können kein Gegengeschäft anbieten. Seine Aufforderung die Armen, Verkrüppelten, Lahmen und Blinden einzuladen, ist jedoch mehr als ein Appell zur sozialen Verantwortung. Das Festmahl ist bei Jesus eine Metapher für das Reich Gottes. Waren Menschen mit körperlichen Gebrechen für den Kult tabu, teilweise sogar ganz aus dem Tempel ausgeschlossen, so lädt Jesus diese vorbehaltlos ein. Die Stossrichtung ist klar: Die als unrein, unzulänglich oder verfehlt Geltenden sind willkommen – nicht nur zähneknirschend toleriert, sondern als vollwertige, geladene Gäste akzeptiert!

Wenn ich das Gleichnis so lese, nehme ich zwei Dinge mit. Es zwingt mich, ähnlich dem Gastgeber, mich damit auseinanderzusetzen, was ich alles tue, um gegen aussen in einem guten Licht dazustehen. Und es befreit mich vom Druck, dieses tun zu müssen. Im Licht des Reiches Gottes brauche ich kein Image zu pflegen, das meine blinden Flecken, meine ärmlichen Misserfolge, meine erlahmten und verkrüppelten Dinge in mir wegretuschiert. Da kann ich unverstellt sein, wer ich bin.

portrait_mk_2020-5 <span class="fotografFotoText">(Foto:&nbsp;Selwyn&nbsp;Hoffmann)</span>
Matthias Koch
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