Mit Gott befreundet sein? Bibel einfach erklärt (SN)

Bild wird geladen...
Klaus Gross, christkatholischer Pfarrer (Foto: Doris Brodbeck)
Was Freundschaft mit Gott bedeuten kann, hat Margot Käßmann, Landesbischöfin der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers 2010 in ihrer Rücktrittserklärung zum Ausdruck gebracht: «Du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand.»
JOHANNES, KAPITEL 15, VERS 15:
«Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe.»

Diesen Vers finden wir in den Abschiedsreden des Johannesevangeliums. Abschiedsreden gehören zur Gattung eines literarischen Testaments, in dem Mahnungen, Empfehlungen und Segenssprüche eines Abschiednehmenden zusammengefasst werden.
Bei Johannes wendet sich Jesus damit vor seinem Tod an seine Jünger und spendet Trost. Doch was bedeutet die Freundschaft, von der Jesus spricht?
Es mag überraschen, dass das Hebräische kein spezielles Nomen besitzt, das dem deutschen Wort „Freund“ bzw. dem griechischen φίλος (philos) „Freund“ entspricht. Ob darum im Alten Testament von Freundschaft die Rede ist oder ob der Freund bzw. die Freundin gemeint ist, entscheidet sich am Kontext.
Der Sache nach bezeichnet Freundschaft im Alten Testament eine persönliche Bindung zwischen Menschen, die durch Treue und Zuneigung wechselseitig begründet ist. Sie zeichnet sich in besonderer Weise dadurch aus, dass einer seinen Freund liebt wie sich selbst bzw. wie sein eigenes Leben.

Betrachtet man die Sozialstruktur im alten Orient, ist der Einzelne fest eingebunden in die Familie, die ihrerseits in eine Sippe sowie einen Stamm eingegliedert und in diesem organisiert ist. Freundschaftliche Bindungen unter Nichtverwandten spielen daher kaum eine Rolle.
Trotzdem ist das Phänomen der Freundschaft in den altorientalischen Kulturen bekannt und findet auch in der Bibel eindrucksvolle Bezeugungen. Wir denken an David und Jonatan, zwei junge Männer, oder die Frauen Rut und Noomi.

Die Distanz zwischen Gott und Mensch lässt eigentlich den Begriff Freundschaft nicht zu. So ist es ein "Umsturz der Werte", wenn Jesus im Johannesevangelium die Jünger zu seinen Freunden macht. Denn in einer Freundesbeziehung gibt es kein unten und oben, man sieht sich von Angesicht zu Angesicht, begegnet sich auf gleicher Augenhöhe.
Durch Jesus als Sohn Gottes haben die Jünger – und zwar ausnahmslos alle – teil an seiner Gemeinschaft mit Gott. So kann es nun keine Knechte oder Sklaven mehr geben, denn ein Knecht bleibt in untergeordneter Stellung.

Jesus nennt uns Freunde – etwas ganz Besonderes etwas ganz Wertvolles, etwas sehr Schönes.

Klaus Gross
christkatholischer Pfarrer in Schaffhausen.


Kolumne in den Schaffhauser Nachrichten
» Archiv der Bibelkolumnen