Die Zeit verhilft zu Begegnungen - Bibel einfach erklärt (SN)

Bild wird geladen...
Das Wort «Festzeiten» aus der Schöpfungsgeschichte inspiriert dazu, lebensdienliche Aspekte der Zeit zu entdecken.
Andreas Werder, Opfertshofen,
1. MOSE, KAPITEL 1, VERSE 14
«Und Gott sprach: Es sollen Lichter werden an der Feste des Himmels, um den Tag von der Nacht zu scheiden, und sie sollen Zeichen sein für Festzeiten, für Tage und Jahre.»


Wissenschaftlich betrachtet ist die Zeit eine Dimension, welche Veränderungen und Distanzen wahrnehmen lässt, emotional stresst mich eine solcherart verrinnende Zeit gehörig. Aus wirtschaftlicher Sicht ist Zeit Geld, schon zu Jesu Lebzeiten: Tagelöhner, die den ganzen Tag gearbeitet hatten, erwarteten einen höheren Lohn als diejenigen, die nur eine Stunde mitgearbeitet hatten. Allerdings enttäuscht Jesus solche Erwartungen: In seinem Gleichnis erhalten alle denselben Lohn, egal wie lange sie gearbeitet haben. Es stellt sich deshalb die Frage, welchen Zweck die Zeit aus göttlicher Sicht hat. Wozu hat Gott die Lichter am Himmel geschaffen, die Sonne, den Mond und die Sterne, wozu gibt es die gleichmässige Erdbewegung, den regelmässigen Ablauf von Tagen und Jahren? Weshalb macht sich die Kirche zur Botschafterin der Zeit, indem sie die Stundenschläge von ihren Türmen klingen lässt?

Die Bibel gibt meinem Denken einen Anstoss durch ein unerwartete Perspektive auf die Zeit. Ohne einen solchen Anstoss käme es mir im Traum nie in den Sinn, die Zeit als ein Mittel dafür anzusehen, Treffpunkte abzumachen, einander zu begegnen und Feste miteinander zu feiern. Dank dieses Anstosses kommen mir Klöster in den Sinn, in denen durch akustische Signale zum gemeinsamen Gebet, aber auch zu den Mahlzeiten gerufen wird, und ich erinnere mich daran, dass dank dem Phänomen der Zeit Sonntage, Geburtstage, Weihnachten und Ostern gefeiert werden können.

Ich bin dankbar, hält die Bibel einen Anstoss bereit, der das Ticken meiner Uhr und den Ruf der nahen Kirchenglocken in eine freudige Aufforderung zur Begegnung verwandelt. Mittlerweile erinnert mich das Läuten der Kirchenglocken nicht mehr nur an den bald abfahrenden Bus, sondern ruft mich zum Singen und zum Beten, zum Mittagessen und zum Plaudern, zu Begegnungen mit Gott und mit Mitmenschen. Solche Begegnungen empfinde ich als Oasen im Alltag, Oasen, in denen die Zeit für einmal nicht verrinnt und sich nicht zu Geld machen lässt, sondern in denen sie dem Leben dient.

Andreas Werder, Opfertshofen, Pfarrer in Dorf ZH
202006Protrait <span class="fotografFotoText">(Foto:&nbsp;Arnold&nbsp;Steiner)</span>
Andreas Werder
Dorfstrasse 13
8236 Opfertshofen



Kolumne in den Schaffhauser Nachrichten
» Archiv der Bibelkolumnen