Den Sturm verschlafen - Bibel einfach erklärt (SN)

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Nyree Heckmann (Foto: SN Bibelkolumne)
Wenn mir das Leben den Boden unter den Füssen wegzieht, brauche ich irgendetwas, das mit dennoch Halt gibt. Wenn nichts mehr zu machen ist, brauche ich Zugang zu einem Ruhepol. Das gilt auch für die inneren Stürme, wenn es draussen ruhig ist. Vertrauen in der Angst, etwas, das mir Weite schenkt, wenn es mir eng ums Herz wird. Der schlafende Jesus im Sturm.
Nyree Heckmann,
DEN STURM VERSCHLAFEN – ODER WIE ICH HALT IM CHAOS FINDE

MARKUS, KAPITEL 4, VERS 39
«Da stand er auf, drohte dem Wind und sagte zu dem See: Schweig, sei still!»

Ich sehe ihn noch vor mir, den kleinen Knirps aus der zweiten Klasse. Wie er aufsteht, seine Arme weit nach oben ausbreitet und mit aller Kraft spricht: Schweig, sei still! So hat das Jesus gemacht, erklärte er felsenfest überzeugt. Und ich hatte Gänsehaut. Und nicht nur ich. Auch die Prüfer vom Religionspädagogischen Amt, die kamen, um meinen Religionsunterricht anzuschauen, als ich noch in Ausbildung war.

Diese Szene hat sich tief in meiner Seele verankert. Ich bin heute noch davon beeindruckt. Und von daher ist es nicht von ungefähr, dass mir beim Wetter dieses Sommers – in dem es wie aus Kübeln von oben herableerte -, diese Bibelgeschichte wieder in den Sinn kam.
Der See Genezareth liegt mehr als 200 Meter unter dem Meeresspiegel. Die Bergflanken des auslaufenden Libanon-Gebirges und die Höhenzüge Syriens nehmen ihn in ihre Mitte. Zumeist liegt der See still da. Wenn aber Fallwinde auf das Unterdruckgebiet treffen, dann schäumen die Wellen. Ist man dann auf einem Boot, ist die Situation gefährlich und beängstigend.
Gott mit Naturkatastrophen in eins zu setzen, geht nicht auf. Was für ein Gott sollte das sein?

Wer diese Erzählung aber zeichenhaft zu verstehen versucht, der entdeckt andere Möglichkeiten, sie zu deuten. So steht das Wasser, der See, das Meer als Sinnbild für unser Leben. Das Meer scheint bodenlos, Boote wirft es wie Nussschalen hin- und her. Wenn der Sturm tobt, ist man dem Wasser ausgeliefert. Von jetzt auf gleich zieht es einem den Boden unter den Füssen weg. Bildlich gesprochen, können wir es kaum vermeiden, dem Wasser zu begegnen. Aber die Frage ist: Wie leben wir damit? Ist es möglich, sich den schlafenden Jesus zu verinnerlichen? Der, den nichts zu erschrecken scheint, während um ihn herum alles zur Panik wird? Der schlafende Jesus. Er nimmt sich mitten im Sturm aus dem Sturm heraus. Mitten im Sturm bewahrt er Ruhe. Dass er sogar schlafen kann, zeugt von grossem Vertrauen. Wie verhalten wir uns, wenn wir nichts „machen“ können. Vielleicht einen Moment die Augen schliessen, tief durchatmen. Den Kontakt zu einem Ruhepunkt herstellen. Ich denke, der schlafende Jesus ist ein gutes Übungsbild.

Pfarrerin Nyree Heckmann,

Kolumne in den Schaffhauser Nachrichten
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