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Jesus lässt ein Familientreffen platzen - Bibel einfach erklärt (SN)

Andreas Werder (Foto: Doris Brodbeck)

Andreas Werder (Foto: Doris Brodbeck)

Dass Jesus ein Familientreffen platzen lässt, hat möglichweise mit einer versteckten Agenda seiner Familie zu tun. In dieser Situation erweitert Jesus den Familienbegriff und stärkt damit die Gemeinschaft unter seinen Anhängern, zu der bald auch Familienangehörige gehören.
LUKAS, KAPITEL 8, VERSE 19 BIS 21:
«Es kamen aber seine Mutter und seine Geschwister zu ihm, doch konnten sie wegen des Gedränges nicht zu ihm gelangen. Da wurde ihm gesagt: Deine Mutter und deine Geschwister stehen draussen und wollen dich sehen. Er aber antwortete ihnen: Meine Mutter und meine Brüder und Schwestern, das sind die, die das Wort Gottes hören und danach handeln.»

Dass Jesus seine Familie vor der Tür warten lässt und kurzerhand seine Zuhörerschaft als Familie bezeichnet, wirkt auf den ersten Blick befremdlich. Eine mögliche Erklärung liefert uns der Evangelist Markus im Vers 3,21:
«Und als seine Verwandten davon hörten, machten sie sich auf, um sich seiner zu bemächtigen, denn sie sagten: Er ist von Sinnen.»
Die Angehörigen Jesu scheinen zum Schluss gekommen zu sein, dass Jesus den Verstand verloren habe. Jesus scheint in eine religiöse Verirrung geraten und aus der von ihm gegründeten Sekte wieder herausgeholt werden zu müssen, wenn nötig mit Gewalt. Möglicherweise haben sich besorgte Angehörige von Jesu Jüngern bei seiner Familie gemeldet. Schon seit Wochen sind diese jungen Leute nicht mehr zu Hause aufgetaucht und haben das Fischereigeschäft im Stich gelassen. Verzweifelt hat man auch den Rat der Schriftgelehrten gesucht, die extra von Jerusalem gekommen waren. Diese kamen zum folgenden Schluss (Lukas 11,15):
«Durch Beelzebul, den Fürsten der Dämonen, treibt er die Dämonen aus.»
Das heisst: Der Mann ist psychisch krank. Mit seiner Bewegung gefährdet Jesus sich selbst und auch andere. Um Schlimmeres zu verhindern, muss er möglichst rasch aus seinem Umfeld entfernt werden.
Vermutlich war sich Jesus bewusst, dass ihm von seiner Familie eine Art fürsorglicher Freiheitsentzug drohte. Sich ihrem Zugriff zu entziehen und trotzdem respektvoll zu bleiben war keine leichte Aufgabe, die Jesus mit Bravour meisterte. Den Zugang zu seiner Familie verlor er nie: Noch am Kreuz sorgt er für seine Mutter; nach dem Tod ihres Ältesten findet man sie im Kreis seiner Jünger. Jakobus, einer der Brüder Jesu, spielte ebenfalls eine wichtige Rolle in der ersten Gemeinde.

Andreas Werder, wohnhaft in Opfertshofen, evangelischer Pfarrer in Dorf ZH


Kolumne in den Schaffhauser Nachrichten
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Bereitgestellt: 12.06.2021      
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