Tagung Opfertheologie: Der Tod Jesu - ein Sühneopfer?

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Lichtkreuz: Die Eglise Française in Basel lässt im Andachtsraum des Gemeindezentrums "le centre" das Kreuz leuchten. (Bild: Werner Näf) (Foto: Werner Näf)
Lesen Sie die Referate zum karfreitäglichen Thema "Opfertheologie", die kürzlich an der Tagung der Zürcher Kirche gehalten wurde - als Nachgang zur Diskussion um den Film "The passion of the christ" von Mel Gibson im vergangenen Jahr.
Werner Näf (Bild und Redaktion),
Sie finden die Links am Ende des ganzen Artikels. Vorher lesen Sie zwei Berichte von der Tagung:
1. vom kirchlichen Informationsdienst Zürich
2. vom Theologen Peter Schmid auf www.livenet.ch

Bericht vom kirchlichen Informationsdienst

Was ist der tiefere Sinn des Todes von Jesus Christus am Kreuz? Welche Bedeutung hat dieses gewaltsame Sterben für den christlichen Glauben? Für viele Christinnen und Christen ist die Antwort klar: Jesus starb stellvertretend für uns. Durch sein Opfer leistete er Sühne für unsere Sünden, wodurch wir von diesen erlöst sind. Diese gemeinhin als "Opfertheologie" bezeichnete Interpretation wird heute jedoch von vielen Seiten angezweifelt und kritisiert.

Im vergangenen Jahr entfachte der Film "The passion of the christ" von Mel Gibson erneut eine Kontroverse zu diesem Thema - auch in der Zürcher Landeskirche. Der Kirchenrat hat nun am Samstag in der St. Peter-Kirche in Zürich eine Tagung veranstaltet, die sich im Sinne einer Auslegeordnung mit unterschiedlichen Deutungen des Todes Jesu auseinander setzte.
Zunächst beleuchteten vier Theologinnen und Theologen das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven: Nach einem Referat der Schwamendinger Pfarrerin Esther Straub zu den biblischen Grundlagen taxierte der Zürcher Systematiker Pierre Bühler das Sühneopfer-Verständnis als eine mögliche Deutung. Selber sieht er im Kreuzesgeschehen die Möglichkeit, das zeitgenössische Verhältnis zu Leben und Sterben zu klären: Indem der Mensch sich in gelassenem Vertrauen auf Gott seiner Ohnmacht hingibt, begegnet er dem heutigen Streben, alles beherrschen zu wollen, und der Angst vor Verlassenheit.

Demgegenüber betonte der Aarauer Neutestamentler Paul Kleiner ein eher traditionelles Verständnis: Die Deutung des Todes Jesu als Sühneopfer offenbare, wer Gott sei, und sie verdeutliche den "Heilscharakter" dieses Todes dadurch, dass er "für uns" erfolgt sei, dass Jesus auch für unsere heutigen, je eigenen Sünden gestorben sei.
Für die Basler Systematikerin Regine Munz wird die Heilserfahrung durch das Bild vom stellvertretenden Sühneopfer aber gerade eher verdunkelt als erhellt. Sie fragte, was Theologie und Kirche denn eigentlich verlieren würden, wenn sie auf diese "mittelalterliche und seit der Reformation erledigte Deutung" verzichten würden. Für eine Neuintepretation orientierte sie sich an Paulus, für den das "Fürspracheamt" im Vordergrund stand: Christus halte vor Gott Fürsprache für die Menschen. Und diese sollten das füreinander auch tun, selbst wenn es den Tod bedeute.

Beim abschliessenden Podium, das der frühere Redaktionsleiter der "Sternstunden" beim Schweizer Fernsehen, Erwin Koller, leitete, blieben die grundsätzlichen Differenzen zwar bestehen. Je länger die Diskussion aber dauerte, desto stärker wurden bei einzelnen Aspekten wie Gerechtigkeit, Liebe oder Gewalt auch Gemeinsamkeiten deutlich und der vielfach sprachliche Charakter der Unterschiede.
Ebenso deutlich wurde auch, dass die Frage nach der Bedeutung von Jesu Tod und unserem Umgang damit nur im Zusammenhang mit anderen Fragen wie beispielsweise jene nach dem Gottesbild angegangen werden kann. Selbst konkrete Aspekte wie das Liedgut und die Gestaltung von Gottesdiensten sind zu berücksichtigen. Letztlich schien es jedoch eine Frage der persönlichen Gewichtung zu sein - nicht zuletzt auch bezüglich der Verbindlichkeit von biblischen Texten für unsere Zeit -, welcher Deutung des Todes Jesu der Vorzug gegeben wird. Quasi als Vermittlungsvorschlag plädierte Pierre Bühler für ein 50jähriges Moratorium für die Opfertheologie - nicht um sich von ihr zu verabschieden, sondern um mehr klärende Distanz zu dieser schwierigen Frage zu bekommen.




Bericht von lic.theol. Peter Schmid, www.livenet.ch

Das Kreuz mit dem Kreuz: Tagung über «Opfertheologie» in Zürich

Was geschah, als Jesus von Nazareth am Kreuz hingerichtet wurde und starb? War sein Tod (k)ein Sühnopfer zur Versöhnung der Menschen mit Gott?

Vor bald 2000 Jahren wurde in Jerusalem ein Wanderprediger aus Galiläa von der römischen Besatzungsmacht ans Kreuz geschlagen. So zentral das Ereignis für die Entstehung des Christentums war, so vielschichtig sind die Aussagen des Neuen Testaments. Und kontrovers, wie die Reaktionen auf die Kritik des Passion-Films von Mel Gibson durch die Zürcher Kirchenrätin Irene Gysel zeigten.

Am Samstag haben Vertreter verschiedener theologischer Richtungen an einer Tagung in der ehrwürdigen St. Peter-Kirche in Zürich ihre Gesichtspunkte dargelegt und Gegensätze und Gemeinsames erörtert. Die von der reformierten Landeskirche organisierte Tagung unter dem Titel „Zündstoff Opfertheologie“ wurde von über 200 Personen besucht.

Die Mitte des Glaubens
Der Tag zeigte, dass die Kontroverse an die Fundamente des Christentums rührt. Denn eines war für Gläubige während Jahrhunderten klar – und die Grundlage ihres Glaubens: Jesus starb nicht aus Versagen oder eigener Schuld, sondern erlitt den Tod freiwillig, „als Lösegeld für viele“ (Matthäus 20,28). Durch seine Hingabe in den Tod, als Opfer verstanden, bezahlte er den Preis für ihre Schuld.

Weiter glauben Christinnen und Christen, dass Gott durch das Vertrauen auf Jesus, den Gekreuzigten und Auferstandenen, allen Menschen, die dies als seine Tat annehmen und Jesus als Herrn anerkennen, eine neue Beziehung zu sich schenkt (die Reformatoren sprachen von Rechtfertigung aus Gnade).

Bibelkritiker und Freidenker
Doch vielen deutschsprachigen Theologen der letzten 200 Jahre war der alte Glaube nicht vernünftig und offen genug. Sie haben sich in der Deutung des Kreuzestodes Freiheiten genommen, die zuvor verboten waren oder gar ausserhalb des Vorstellbaren lagen.

Die in der Zeit der Aufklärung aufkommende Bibelkritik ermöglichte, Aussagen verschiedener Autoren als unhistorisch zu erklären und gegeneinander zu stellen und z.B. Jesus gegen Paulus auszuspielen.

Der massgebende, von der Existentialphilosophie Heideggers beeinflusste Theologe Rudolf Bultmann (1884-1976) lehnte die Wunder von Jesus ab und bezeichnete den stellvertretenden, sühnenden Tod am Kreuz als Unsinn.

Ein Ereignis – viele Dimensionen – vielfältige Deutungen
Die von Bultmann beeinflusste, in Zürich vom Neutestamentler Gerhard Ebeling nachdrücklich vertretene hermeneutische Theologie sucht den (Be-)Deutungen des Ereignisses gegenüber dem Ereignis selbst ihr Gewicht zu geben.

Alles dreht sich um Interpretation; intellektuelles Voneinanderlösen und (oft spekulativ kombinierendes) Deuten biblischer Aussagen treten an die Stelle des gläubigen Für-wahr-Haltens, das manchmal als ‚Sonntagschulglauben’ karikiert wird.

Gegen alle Form von Gewalt und gewaltförderndem Denken
Anders als die hermeneutische geht die feministische Theologie mit dem alten Glauben hart ins Gericht. Sie bedient sich der erwähnten Denkräume, um eine von jeglicher Form von Autorität und Herrschaft freie Religiosität zu gestalten.

Während die Deutung von Jesu Tod als Sühnopfer (nach Römer 3,25) von der ersten Strömung relativiert wird, lehnen Feministinnen jede „Opfertheologie“ als Verherrlichung von Gewalt rundweg ab. (Auf dieser Linie kritisierte Kirchenrätin Irene Gysel im März 2004 den Gibson-Film.)

Die in Basel lebende Theologin Regine Munz fragte am Samstag, was Theologie und Kirche denn eigentlich verlieren würden, wenn sie auf diese Deutung, die „mittelalterlich und seit der Reformation erledigt“ sei, verzichten würden. Jesu sei Opfer (engl. victim) von Gewalt geworden; dies dürfe nicht in heilbringende Aufopferung (engl. sacrifice) umgedeutet werden.

Die Formulierung „für uns“, die die Apostel für den Tod von Jesus brauchen, soll laut der feministischen Theologin meinen, dass Christus vor Gott Fürsprache für die Menschen halte. Und diese sollten das füreinander auch tun, selbst wenn es den Tod bedeute.

Wer musste versöhnt werden?
Vor Munz sprachen am Samstag eine Theologin und zwei Theologen, die das Thema aus anderen Perspektiven beleuchteten. Die Schwamendinger Pfarrerin Esther Straub ging davon aus, dass die Schriften des Neuen Testamentes die Heilsbedeutung des Todes Jesu verschieden entfalten. Ihr ging es darum, „wie diese Interpretationen miteinander zu verbinden oder auch gegeneinander abzuwägen sind“.

Jesu Tod habe sich nicht an Gott gerichtet – „etwa als ein Opfer, das Gottes Zorn beschwichtigen sollte“. Denn nicht Gott müsse versöhnt werden, sondern der Mensch mit Gott (2. Korinther 5,20). Straub stellte heraus, dass Gott schon im Bund mit den Israeliten Sühne durch Opfer ermöglicht habe.

Nach Bemerkungen zu Markus und Paulus kam sie kurz auf den Hebräerbrief zu sprechen; dieser stellt Jesus als Hohepriester vor, der sich selbst als Opfer darbringt. Nicht das Sühnopfer interpretiere das Kreuzesgeschehen, sagte Straub, sondern das Kreuz gebe vor, wie das Sühnopfer zu verstehen sei.

Verlassenheit am Kreuz: Einladung zum gelassenen Vertrauen
Anschliessend bezeichnete der Zürcher Theologieprofessor Pierre Bühler das Sühnopfer-Verständnis als eine der möglichen Deutungen. Für heutige Menschen sieht der Ebeling-Schüler im Tod von Jesus aber vor allem die Einladung, in gelassenem Vertrauen auf Gott ohnmächtig zu sein, statt alles beherrschen zu wollen und sich vor der Verlassenheit zu ängstigen.

Sünde sei als Entfremdung von sich selbst zu verstehen; Erlösung als die Befreiung davon. Über die Frage, wie „Opfer“ verstanden werden könne, sollte man besser einige Jahrzehnte lang nicht diskutieren, befand Bühler und schlug, um Distanz zu gewinnen, ein Moratorium vor.

Gott will Gemeinschaft mit den Menschen
Der Winterthurer Theologe Paul Kleiner, Dozent am Theologisch-Diakonischen Seminar Aarau, lud die Anwesenden ein, das Leiden und Sterben von Jesus als unauslotbares Wunder zu sehen. „Die Ehrfurcht davor umfasst, was ich darüber denke.“ Das Wunder werde auch mit dem Bild des Sühnopfers ausgesagt. Um Fehldeutungen zu vermeiden, müsse der Sinn des Bildes aus dem gesamten Alten und Neuen Testament erhoben werden.

Das Sühnopfer sei kein „Deal“ zwischen Schöpfer und Geschöpf, sagte Kleiner, sondern „Gottes Werk, der die zerbrochene Gemeinschaft mit dem Menschen wiederherstellt.“ Gott sei den Menschen in Jesus die ganze Wegstrecke entgegengekommen, betonte Kleiner. Entgegen der feministischen Deutung unterstrich der bibelorientierte Theologe, dass am Kreuz ein gewaltloser Sieg über die Sünde, über Gewalt erfolgte.

Opfertheologie überwinden?
Das zweistündige Podium am Nachmittag leitete der frühere Redaktionsleiter der «Sternstunden» beim Schweizer Fernsehen, der liberale Katholik Erwin Koller, mit teils provozierend einfachen und suggestiven Fragen. Aus den Gesprächsgruppen, die über Mittag liefen, wurden Statements und Fragen eingebracht. Auch der Hinweis kam, dass in ökumenischen Partnerkirchen mit Befremden auf neue Deutungen reagiert wird.

Die grundsätzlichen Differenzen zeigten sich erneut; so lädt das Neue Testament in Bühlers Sicht dazu ein, die „Opfertheologie im strengen Sinn zu überwinden“. Esther Straub meinte, im Karfreitagsgottesdienst sollten die Zuhörer „in einen offenen Verstehensprozess des Neuen Testaments gestellt werden“. Paul Kleiner verwies seinerseits darauf, dass Opfer in der Geschichte der Menschheit – und auch heute – allgegenwärtig ist.

Brauchen wir eine neue Liturgie?
In der Diskussion kam auch zur Sprache, wie eng die Bedeutung von Jesu Tod und der Umgang mit dem Gottesbild des Glaubenden zusammenhängen. Sie zeigte, dass das reformierte Zürich ein Hort theologischer Freidenkerei ist – mit wenig Rücksicht auf die Tradition und das mit ihr lebende Kirchenvolk (man denke an Händel und Bach).
So wurde Bedauern darüber geäussert, dass in den Liedern des (erst vor wenigen Jahren erstellten) Gesangbuchs das traditionelle Verständnis von Karfreitag im Mittelpunkt stehe. Geäussert wurde auch der Wunsch nach einer neuen Liturgie. Kirchenrat Andres Boller schloss die Tagung mit dem Verweis auf die Schwierigkeiten der Pfarrer, jedes Jahr an Karfreitag zu predigen…
» » Quelle: www.livenet.ch



Links zu den Referaten
(alle Referate im Format .pdf, 40-50 kB)

» » Paul Kleiner
» » Pierre Bühler
» » Esther Straub
» » Regine Munz