Doris Brodbeck

Jesus hatte viele Mütter - Bibel einfach erklärt (SN)

Ruth Schaefer (Foto: SN Bibelkolumne)

Ruth Schaefer (Foto: SN Bibelkolumne)

Eine häufig überlesene Aussage: Jesus fasst seine Jüngerinnen und Jünger nicht nur als seine Geschwister auf. Einmal wollte Jesus ihnen nicht nur Bruder, sondern auch Sohn sein. Selig, wer ihm und anderen mütterlich begegnet!
christkatholischer Pfarrer in Schaffhausen.
Ruth Schäfer
MARKUS, KAPITEL 3, VERSE 33 BIS 35:
«Jesus entgegnet ihnen: Wer sind meine Mutter und Geschwister? Und er schaut auf die, die im Kreis um ihn sitzen, und sagt: Das hier sind meine Mutter und meine Geschwister! Denn wer den Willen Gottes tut, ist mir Bruder und Schwester und Mutter.»

Maria, die Mutter Jesu, hat schon immer viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen: Eine junge Frau, die Gottes Sohn geboren hat. Eine Jungfrau, als Reinheit für wichtig erachtet wurde. Eine Prophetin, als die Sehnsucht nach Gerechtigkeit gross wurde. Eine Zuflucht, als Menschen vor Gott Angst hatten. Obwohl Maria eine biblische Figur ist und all diese Sichtweisen in der Bibel Anhaltspunkte finden, haben sich die Reformatoren gegen eine zu starke Verehrung von Maria gewehrt. Sie kritisierten, dass dadurch zu viel Aufmerksamkeit von Christus abgezogen wird. Christus sei entscheidend. In Christus sei Gott Mensch und nahbar geworden. Christus habe uns erlöst. Christus sei Weg, Wahrheit, Leben. Das stimmt alles; trotzdem hängen viele Menschen an Maria.
Jesus selbst hat natürlich auch an seiner leiblichen Mutter gehangen, wie auch nicht. Doch als Erwachsener verhält er sich erstaunlich robust ihr gegenüber. Als sie mit ihren anderen Kindern kommt, um ihren ältesten Sohn zur Vernunft und nach Hause zu bringen, setzt Jesus eine andere Priorität: Die konkreten Menschen um ihn herum und ganz allgemein die Menschen, die Gottes Willen tun, sind ihm wichtiger geworden als seine Herkunftsfamilie. Es ist sogar noch erstaunlicher: In diesen Menschen sieht er nicht nur neue Geschwister für sich selbst, sondern auch neue Mütter.
Das Wort Jesu, dass wir wie die Kinder werden sollen, ist sehr bekannt. Aber dass die Jüngerinnen und Jünger von ihm eingeladen werden, ihm zur Mutter zu werden? Jesus kennt die menschliche Sehnsucht nach Regression. Einmal hat Jesus auf die Menschen um sich geschaut und wollte selbst wieder Kind sein. Er war halt wirklich ganz Mensch. Und Menschen haben nun einmal auch als Erwachsene noch viele kindliche Bedürfnisse. Besser wir gewöhnen uns an diesen Gedanken und akzeptieren unsere Schwächen.
Spannend und ungewöhnlich ist die folgende Frage: Wie können wir, Männer und Frauen, auf gute Weise so mütterlich zu anderen sein, dass es Gottes Willen entspricht? Jesus selbst hat in denen, die ihm nachfolgten, nicht nur seine „Brüder und Schwestern“, sondern auch seine „Mütter“ gefunden.


Ruth Schäfer

Evangelisch-reformierte Pfarrerin in Hallau

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Bereitgestellt: 08.10.2021      
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