Kronenhofkurs Zwinglikirche: «Markt, Moral und staatliche Eingriffe»

In der Zwinglikirche referierte Bankier Konrad Hummler über das Verhältnis von Staat und Markt und steckte die Grenzen des Marktes ab.
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Die Schaffhauser Nachrichten berichtet in der Ausgabe vom 9. Januar 2010 über den ersten Teil des diesjährigen Kronenhofkurses (Vortrag von Bankier Konrad Hummler).

von Jan Hudec

«Ich bin kein Marktgläubiger, auch wenn ich oft so dargestellt werde», sagte Konrad Hummler, geschäftsführender Teilhaber der Bank Wegelin, gestern im Rahmen des Kronenhofkurses 2010 in der gut besuchten Zwinglikirche. In seinem konzisen Vortrag, der unter dem Titel «Markt, Moral und staatliche Eingriffe» stand, steckte er die Grenzen des Marktes ab. Dazu legte er aber zunächst einmal ein Fundament.

Hummler unterschied drei Interaktionsarten zwischen Menschen. Erstens die Ausübung von Zwang, dem auf der institutionellen Ebene die Politik respektive der Staat entspreche. So zwinge der Staat die Bürger beispielsweise, Steuern zu zahlen. Das zweite Verhältnis zwischen Menschen sei der Tausch. Um den Tausch zu vereinfachen, habe sich der Markt entwickelt, der nichts anderes sei als ein organisierter Tausch. Drittens gebe es die uneigennützige Zuneigung zwischen Menschen, wofür die Familie stehe oder beispielsweise auch die Kirche. Diese drei Institutionen, also Politik, Markt und Familie, könnten nicht allein für sich bestehen. Gäbe es nur den Zwang, führte das zur Diktatur, und gäbe es nur den Markt, führte das zu Ungleichheit und Ungerechtigkeit in der Verteilung sowie zur Übernutzung von Gütern. «Es stellt sich also die Frage, was der Markt leisten kann und was nicht.» Ein funktionierender Markt sorge für effiziente Produktion und fördere höchstmögliche Effizienz. Gleichwohl habe der Markt gewisse Grenzen. «Der Markt kann keine Gerechtigkeit produzieren.» Das könne man von ihm auch nicht erwarten. Denn Ausgleich könne nur durch Zwang oder Zuneigung erfolgen, also durch den Staat oder innerhalb der Familie. Die Umverteilung des Staates habe allerdings zum Teil einen negativen Einfluss auf die Effizienz der Produktion. «Der Markt kann auch keine öffentlichen Güter herstellen.» Öffentlichen Gütern könne kein klares Eigentum zugeordnet werden. Die Luft sei zum Beispiel ein öffentliches Gut, aber auch Strassen könnten diesem Bereich zugeordnet werden. Weil es nun für das öffentliche Gut keinen klaren Eigentümer gebe, eigne es sich auch nicht zum Tausch und damit nicht für den Markt. Daher sei es also vernünftig, dass der Strassenbau dem Staat obliege. Das Mantra, alles zu privatisieren, sei also falsch. Der Markt könne ausserdem auch keine Übernutzungsprobleme im Umweltbereich lösen, «die zu den grössten Problemen unserer Zeit gehören». Der Markt werde zugleich über- und unterschätzt. Unterschätzt oft in Bezug auf seine Flexibilität, seine Anpassungsfähigkeit. Überschätzt werde der Markt, weil man ihm Fehlleistungen auferlege, die mit dem Markt gar nichts zu tun hätten. «Man darf dem Markt keine Unfehlbarkeit andichten. Der Markt ist so fehlbar wie die Menschen, die daran teilhaben, und es gibt eben auch kollektive Irrtümer.» So weit also die Grenzen des Marktes. «Wir müssen überdenken, welche Institution welche Aufgaben übernimmt», sagte Hummler dann und führte diesen Gedanken unter anderem anhand der Umweltprobleme aus. «Mit welchem Recht haben Sie eigentlich einen Auspuff an Ihrem Auto?», fragte Hummler das Publikum. Das Auto bringe einen privaten Nutzen, der negative Effekt des Autos, dass es giftige Abgase produziert, die die Luft verschmutzen, werde der Allgemeinheit aufgebürdet. «Wenn der Auspuff im Auto nach innen gerichtet wäre, wäre das Elektroauto längst erfunden worden.» Es handle sich hier um ein eigentumsrechtliches Problem. Weil die Luft niemandem gehöre, habe jeder das Gefühl, er könne sie einfach so verschmutzen, «die Probleme werden sozialisiert». Solche Eigentumsfragen müssten angegangen werden, damit könne man mehr Probleme im Umweltbereich lösen als die «Ansammlung von halb und ganz Kriminellen» an der Klimakonferenz in Kopenhagen. «Dazu braucht es eine klare Zuordnung der Verantwortlichkeit.» Das Verursacherprinzip sei in Umweltfragen zentral. Für seinen pointierten Vortrag erntete Hummler viel Beifall von den rund hundert Besuchern. Dass der von den Kirchgemeinden der Stadt Schaffhausen organisierte Vortrag über Ökonomie wohl besser besucht war als zahlreiche Sonntagsmessen, dazu passte ganz gut, was Hummler in seinem Vortrag äusserte: «Anstelle von Glauben ist heute Gläubigkeit getreten. Eine Gläubigkeit in die politische und die technische Machbarkeit. Politik und Technik als Götzen unserer Zeit.»