Leuchtende Bilder des frühen Christentums

Bild wird geladen...
Frühchristliche Kirchen und ihre Mosaiken standen im Zentrum der Gemeindereise nach Rom. Doch die 15-köpfige Reisegruppe begegnete nicht nur den Zeugnissen der Vergangenheit: Gottesdienste, Gespräche und gemeinsame Entdeckungen eröffneten auch Einblicke in das christliche Leben der Stadt von heute. Béatrice Eigenmann blickt auf neun intensive Tage zurück.
Béatrice Eigenmann,
Kulturreise nach Rom, 5.–13. September 2026

Überwältigend. Erschlagend. Das ist mein erster Eindruck von Rom, als ich im Taxi vom Bahnhof zum Hotel fahre. An praktisch jeder Strassenecke begegnet mir die Vergangenheit in Form von Bauwerken – seien sie ganz oder nur noch rudimentär vorhanden.

Erschlagend ist auch die Hitze: 34 Grad. Mittlerweile hat sie sich regelrecht in die dicken Mauern der Stadt eingefressen. Schweiss läuft mir das Gesicht hinunter, klebt an meinen Armen. Selbst in den Kirchen. Dabei hatte ich gehofft, dort wenigstens etwas Abkühlung zu finden.

Entschädigt werde ich aber durch die farbenprächtigen Mosaike in den frühchristlichen Kirchen Santa Sabina, Santi Cosma e Damiano, Santa Pudenziana und Santa Maria Maggiore. Diese leuchten in einer unglaublichen Intensität und erinnern mich an Ikonen. Ich bin völlig fasziniert von ihnen. Kunsthistoriker Peter Jezler erläutert sie uns. Er begleitet unsere kleine Reisegruppe von insgesamt 15 Personen ebenso wie Pfarrer Roland Diethelm.

Ich bewundere die beiden für ihre Geduld und Gelassenheit, mit der sie auf sämtliche Unwägbarkeiten dieser Tage reagieren, gilt es doch, mit sehr kundenunfreundlichen Angestellten an den sogenannten Hotspots (Forum Romanum, Vatikanische Museen, Pantheon) zu verhandeln und aufgrund verweigerten Zutritts trotz bezahlter Tickets spontan und flexibel zu reagieren. Oder auch die unterschiedlichen Konstitutionen der Reiseteilnehmerinnen und Reiseteilnehmer auszutarieren.

Aufgrund eines unerfreulichen Vorfalls landen wir unerwartet als Ersatzprogramm auf dem Nationaldenkmal für den ersten König des vereinigten Italiens, Vittorio Emanuele II. Von dort oben haben wir eine wunderbare Sicht auf die Stadt. Dafür nehme ich auch meine Höhenangst im gläsernen Lift in Kauf.

Ich bin froh, kann ich einfach in der Gruppe mitmarschieren. Ich wäre völlig überfordert, müsste ich selbst entscheiden, was ich anschauen will. Mit den fortschreitenden Tagen spüre ich meine Beine etwas. Das Stehenbleiben und Zuhören ermüdet. Deshalb gehe ich mit drei, vier anderen unserer Gruppe gerne zu Fuss zu weiteren Besichtigungen statt mit dem Taxi. Einmal am Stück eine halbe Stunde oder auch etwas mehr zu marschieren, tut mir gut.

Je länger die Reise dauert, desto mehr bringe ich die Kirchen durcheinander, die wir bereits besichtigt haben. Pro Tag sind es wohl durchschnittlich drei. Die frühchristlichen Kirchen bleiben für mich dennoch eine Offenbarung, auch wenn alle anderen ebenso ihren Reiz haben, beispielsweise mit Werken von Michelangelo und Caravaggio. Was mir auch noch geblieben ist: Viele Sakralbauten in Rom sind durch Tessiner Architekten erbaut worden: Francesco Borromini, Domenico Fontana und Carlo Maderno.

Während unseres Aufenthalts erläutert uns Roland Diethelm den Römerbrief in Häppchen. Der Brief wurde vom Apostel Paulus Mitte der 50er-Jahre nach Christi verfasst für die Gemeinde in Rom und beschreibt unter anderem, was Taufe für ihn bedeutet: Er setzt sie gleich mit Jesu Kreuzestod und Auferstehung. Das Eintauchen ins Wasser ist ein Tod vom alten Leben und der Beginn eines neuen Lebens mit der Gnade Gottes und der Verheissung auf das ewige Leben. Das bedeutet aber nicht, dass man ein Leben in Sünde führen kann. Vielmehr geht es darum, Liebe zu leben, gegenüber der staatlichen Ordnung Respekt zu zeigen ohne blinden Gehorsam. Und sich gegenseitig zu tragen in der Unterschiedlichkeit.

Immer mal wieder erhalten wir ein wenig freie Zeit, bevor das Programm weitergeht. Diese nutze ich, um mir entweder eine Dusche im Hotel zu gönnen, die Füsse ein wenig hochzulegen oder auch einfach durch die Gassen Roms zu schlendern, um den Puls der Ewigen Stadt zu fühlen. Abgesehen von den Hotspots empfinde ich sie nicht völlig überrannt von Touristen.

Einen etwas anderen Akzent setzt der Samstag gegen Ende unseres Aufenthalts: Wir besuchen die Caracalla-Thermen ausserhalb der alten Stadtmauern. Die heutigen Ruinen haben damals 2’000 Menschen das Baden ermöglicht. Wir rechnen aus: Für die damalige Bevölkerung von zwei Millionen reicht diese Therme bei Weitem nicht aus. Bloss: Das gemeine Volk kann es sich gar nicht leisten, regelmässig baden zu gehen, auch wenn es gratis ist. Mir gefallen die wenigen Mosaike, die noch zu sehen sind. Mit dem Kleinbus geht es danach auf der berühmten Via Appia weiter zu den Callixtus-Katakomben. Ein spezielles Erlebnis. Da das Grundstück beschränkt ist, musste in die Tiefe gegraben werden. Vier Stockwerke geht es hinunter. In gewissen Gängen sind nicht nur die Wände mit mehreren übereinanderliegenden Gräbern bedeckt, sondern auch der Weg, auf dem wir gehen, wurde für Gräber verwendet. Vor allem in den Familiengräbern sind da und dort noch Fresken zu sehen.

Während Peter Jezler uns die Vergangenheit Roms zeigt, offeriert uns Roland Diethelm das aktuelle christliche Leben in dieser Stadt: So treffen wir bereits am zweiten Tag auf Robert Warren, Vikar der anglikanischen Kirche All Saints’. Er stammt aus Kanada und steht kurz vor seiner Pensionierung, wie er uns vor dem Gottesdienst erzählt. Das erlaubt es ihm, uns ganz offen zu erläutern, wie das Gemeindeleben funktioniert – mit einem Augenzwinkern, aber auch mit grosser Freude darüber, wie der Zusammenhalt funktioniert. In seiner Predigt geht es darum, dass es nie zu spät ist, sich zu ändern, Liebe und Güte zu leben. Am selben Tag besuchen wir Sant’Anselmo, Kloster und internationale Hochschule der Benediktiner. Wir werden von Abtprimas Jeremias Schröder empfangen. Er erklärt uns den Orden und geht auf Fragen aus unserer Gruppe ein – eloquent und mit Humor. Am Schluss dürfen wir der Vesper der Brüder beiwohnen. Im Gegensatz zum Gottesdienst am Morgen, der auf Englisch stattgefunden hat und für den ich auch die Lieder zur Verfügung gehabt habe und entsprechend ab Blatt mitsingen konnte, bleibt mir nur die Rolle der Zuschauerin. Ich zolle diesen Männern unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichen Alters Respekt, die sich für ein Leben im Orden entschieden haben und gemeinsam lateinische Psalmen rezitieren und singen. Nur die Lesung findet in italienischer Sprache statt.

Eine weitere interessante Begegnung haben wir am sechsten Tag mit Don Rafael Starnitzky. Der deutsche Geistliche, der als Kind nach Rom gekommen ist, ist neben seiner Funktion als Priester auch Sekretär der Kommission für die Beziehungen zum Judentum im Vatikan mit Kardinal Kurt Koch als Präsidenten. Auch er schildert wortgewandt, was seine Arbeit beinhaltet und wie die Kommission auf den zunehmenden Antisemitismus reagiert. Am Tag unserer Abreise nehmen wir am Gottesdienst des Jesuitenpaters Anthony SooHoo teil. Der gebürtige New Yorker wirkt sehr jugendlich und schwungvoll, leider ist die Akustik so schlecht in der Caravita-Kirche, dass wir kaum etwas verstehen. Während des Mittagessens mit einer Fülle an leckeren Vorspeisen erfahre ich, dass SooHoo seit zehn Jahren als Priester in Rom tätig ist und an der Orientalischen Fakultät des Päpstlichen Bibelinstituts unterrichtet.

SooHoo hat Orientalistik studiert und sich auf Altorientalistik, was so viel bedeutet wie die Keilschrift Mesopotamiens, sowie die Hebräische Bibel spezialisiert. Da ich mich für die Heimreise noch im Hotel umziehen muss, muss ich mich leider etwas unhöflich von ihm verabschieden, während der Hauptgang aufgetischt wird.

Unsere Gruppe erreicht in verschiedenen Taxis den Bahnhof und findet im Frecciarossa auf den reservierten Sitzplätzen wieder zusammen. Bei ein wenig Prosecco und Keksen lasse ich die Reise ausklingen und erreiche kurz nach Mitternacht meine Wohnung – sehr müde, aber reich an Eindrücken, die ich erst nach und nach verarbeite.

Ein grosses Dankeschön an Peter Jezler und Roland Diethelm, die mir diese erste Begegnung mit Rom ermöglicht haben.

Béatrice Eigenmann
Studienreise Rom September 2026
03.10.2026
68 Bilder
weitere Bilder anzeigen