Doris Brodbeck

Bibel einfach erklärt (SN): Ich bin der Weinstock

Altes Buch <span class="fotografFotoText">(Foto:&nbsp;Werner&nbsp;N&auml;f)</span>: Ministerialbibliothek Schaffhausen<div class='url' style='display:none;'>/kg/neunkirch/</div><div class='dom' style='display:none;'>kirchenweb.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>203</div><div class='bid' style='display:none;'>4290</div><div class='usr' style='display:none;'>1</div>

Unsere Bestimmung ist im Bild eingefangen. Wir sind eingeladen, Früchte zu sein und zu wachsen am Weinstock Christi. Daraus werden Früchte der Liebe zu Mensch und Natur wachsen.
Ruedi Waldvogel,
JOHANNES, KAPITEL 15, VERS 5:

«Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht, denn ohne mich könnt ihr nichts tun.»

Dieses Bildwort spricht für sich selber. Zu lesen auch an der Rebmauer beim Aufgang aus Wilchingen zur Kirche St. Othmar. Für Weinbäuerinnen und Winzer ein klares Wort. Rebstöcke, Rebschosse und die «Trüübel» mit den süssen Früchten – sie bilden eine Einheit, aus der der kostbare Saft für unsere gehaltvollen Weine und den schmackhaften Traubensaft gewonnen wird. Da ist viel Fachwissen nötig, Liebe und Ausdauer. Oft empfinden die Rebleute es als frustrierend, wegen der Mengenbeschränkung gute «Trüübel» wegschneiden zu müssen. Es tut weh, die Einheit von Stock, Trieben und Früchten zerschneiden zu müssen und nicht alle Früchte in kostbaren Trank verwandeln zu können. Zu diesem Gefühl passen die Sätze nach dem zitierten Wort: «Wer nicht in mir bleibt, wird weggeworfen wie die Rebe und verdorrt». Weggeworfen wird, was nicht wertgeschätzt und gekauft werden kann. Das ist das weltliche Gesetz des Marktes. Und: verdorren muss, was nicht am Stock bleiben kann. Das ist das spirituelle Gesetz des Glaubens. Was es heisst, im Glauben zu leben, verdeutlicht Jesus in den Sätzen vor unserem Wort: «Bleibt in mir, und ich bleibe in euch. Wie die Rebe aus sich heraus keine Frucht bringen kann, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so könnt auch ihr es nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt». Die Schosse und die Trauben müssen «am» Weinstock bleiben. Und wir als Schosse müssen «in» Christus bleiben, um Frucht zu bringen. Was bedeutet dieses «in»? Ist Christus ein Gefäss oder ein Haus, darin wir sein und bleiben können? Das Johannesevangelium weiss etwas davon, dass Christus nicht nur ein Du, ein Gegenüber ist. Er kann auch erfahren werden als Wirklichkeit, als eine Art Raum, als Dimension, «in» der wir bleiben und leben können. Der Kern unseres Wortes meint eine innere Erfahrung. Wir sind eingeladen, uns in der Zuwendung und Hingabe Christi zu erleben. Das Bild vom Weinstock mit seinen Trieben und Früchten will uns dabei helfen. Aus dieser inneren Erfahrung, so das Johannesevangelium, folgen die Früchte. Der uneigennützige Einsatz für benachteiligte und leidende Menschen und Lebewesen. Das ist kein grimmiges «du sollst», sondern ein liebevolles Tun, das aus der tiefen, fast organischen Verbundenheit mit Christus herauswächst. So einfach und so einladend spricht die Bibel zu unseren Herzen. Unser Leben darf die Antwort darauf sein.

Ruedi Waldvogel
Rosenbergstrasse 19
8200 Schaffhausen

052 620 01 54


Kolumne in den Schaffhauser Nachrichten
Archiv der Bibelkolumnen
Bereitgestellt: 17.10.2020      
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