Doris Brodbeck

Turmbau zu Babel - Bibel einfach erklärt

Klaus Gross, christkatholischer Pfarrer (Foto: Doris Brodbeck)

Klaus Gross, christkatholischer Pfarrer (Foto: Doris Brodbeck)

Gottes Geist, der in Babel für Verwirrung und Unverstehen sorgte, er tut beim Anbruch der neuen Zeit genau das Gegenteil:
Er sorgt für ein unbegreifliches Verstehen.
Die Sprache der Machtlosen, der Verspotteten, sie wird plötzlich verstanden!
Damit ist die Grundlage gelegt für ein Verstehen der Menschen, das nicht mehr auf der Sprache der Macht beruht, sondern auf einer wirklichen Gleichberechtigung.
1. MOSE, KAPITEL 1, VERSE 4-7
«Dann sagten sie: Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis in den Himmel! So wollen wir uns einen Namen machen, damit wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen. Da stieg der HERR herab, um sich Stadt und Turm anzusehen, die die Menschenkinder bauten. Und der HERR sprach: Siehe, ein Volk sind sie und eine Sprache haben sie alle. Und das ist erst der Anfang ihres Tuns. Jetzt wird ihnen nichts mehr unerreichbar sein, wenn sie es sich zu tun vornehmen. Auf, steigen wir hinab und verwirren wir dort ihre Sprache, sodass keiner mehr die Sprache des anderen versteht.»

Bisweilen werden in der Liturgie in der Pfingstzeit, auch die Bibelstelle vom Turmbau von Babel vorgelesen.
So stark und mächtig waren die Menschen geworden, dass sie - wieder einmal! - so sein wollten wie Gott.
Einen Turm zu bauen, der bis in den Himmel ragte,
damit endgültig Gott gleich zu werden das war ihr Traum.
Wenn man aber einmal so gottähnlich war,
dann war natürlich auch die Macht über diese Welt endgültig gesichert.

Aber der Plan geht nicht auf:
Die Menschen erfahren ihre Grenzen und ihre Begrenztheit.
Wir sind irdische und vergängliche Wesen.

Es ist eigenartig und zunächst vielleicht schwer verständlich, auf welche Art und Weise Gott die Menschen in ihre Grenzen verweist.
Bekanntlich verwirrt er ihre Sprache, so dass sie einander nicht mehr verstehen können.
Das heißt, er lässt nicht zu, dass einige wenige mit ihren himmelstürmenden Machtsymbolen das Sagen haben und alle nach ihrer Pfeife tanzen.
Sie werden einfach nicht mehr verstanden.

So gesehen hat die Sprachverwirrung etwas sehr Heilsames.
Dort, wo Befehle und Anordnungen nicht mehr verstanden werden
dort verlieren sie ihre Macht.
Niemand kann den anderen kommandieren,
wenn seine Worte nicht verstanden werden.
Indem Gott die Macht der Sprache begrenzt,
schränkt er grundsätzlich menschliches Machtstreben ein.

Die andere Seite – manchmal fehlt dann die Sprache zur Verständigung
In der Welt nach Babel taucht das Übersetzungsproblem auf. Wollten Menschen unterschiedlicher Gemeinschaft friedlich miteinander in Kontakt treten, mussten sie die fremden Sprachen lernen, um sich verständigen zu können.

Klaus Gross, christkatholischer Pfarrer in Schaffhausen
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Kolumne in den Schaffhauser Nachrichten
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Bereitgestellt: 18.06.2022      
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