Der Samichlaus in seiner heutigen Form ist ein liebenswerter Brauch und zugleich ein Kontrast zum Evangelium. Liebe Eltern, willkommen in diesem Spannungsfeld.
MATTHÄUS, KAPITEL 6, VERSE 1 UND 3 BIS 4:
«Hütet euch, eure Gerechtigkeit vor den Menschen zu tun, um von ihnen gesehen zu werden; sonst habt ihr keinen Lohn von eurem Vater im Himmel zu erwarten. Wenn du Almosen gibst, soll deine linke Hand nicht wissen, was deine rechte tut, damit dein Almosen im Verborgenen bleibt; und dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten.»
Ich mag den Samichlaus. Aber als pädagogisch bemühter Papa und Freund der Bibel stürzt er mich regelmässig in die Krise. Denn die Aufforderung Jesu im Evangelium steht so sehr im Kontrast zu unserer Kultur der Anerkennung, dass ich mich frage, zu was wir ihn getrieben haben, unseren Samichlaus. Egal ob in Schule oder Kindergarten, auf dem Weihnachtsmarkt oder im Kirchgemeindehaus: Der Samichlaus liebt die Inszenierung. Angekündigt durch Schellen und Glöcklein, durch vernehmliches Klopfen an der Tür und mit tiefer Stimme, schreitet er durch Scharen aufgeregter Kinder, um schliesslich in ihrer Mitte Platz zu nehmen. Was für ein Auftritt. Und oft gerät dieser zur Leistungsschau: Er lobt und tadelt, lässt schlechte Angewohnheiten nicht unerwähnt und ermuntert zur Besserung, denn sein goldenes Buch kennt kein Vergessen. Das Geschenk ist Vergütung – der Lohn für Wohlverhalten und tapfer vorgetragene Verslein. Die ganze Szene, vom Schmutzli bis zum gefüllten Sack, ist ein Schauspiel der Leistung.
Hier liegt die grosse Spannung zum Vorbild, dem historischen Nikolaus von Myra. Die berühmte Legende vom Bischof Nikolaus, der einer armen Familie nachts Goldklumpen durchs Fenster warf, ist eine Geschichte des anonymen Schenkens. Nikolaus wollte keinen Dank, kein Lob und keine Anerkennung. Er handelte aus der Überzeugung, dass das wahre Geben vor Gott geschieht, nicht vor den Augen der Menschen. Er lebte nach dem Worte Jesu, indem er darum bat, dass seine Tat verborgen bleibe.
Was ist davon geblieben? Unser Samichlaus belohnt das vorgetragene Gedicht – die biblische Güte ehrt die heimliche Tat. Unser Samichlaus trägt das goldene Buch der Leistung – das Evangelium verlangt verborgene Güte, die keine Zeugen sucht. Die Frage, die uns als Eltern bleibt, ist: Wie leben wir unseren Kindern das Geben und Schenken im Geist des Nikolaus vor - trotz und inmitten der Samichlaus-Spektakel?
Sebastian von Paledzki, röm.-kath. Diakon, Spital- und Gefängnisseelsorger, Kantonsspital Schaffhausen
Mail:
Kolumne in den Schaffhauser Nachrichten
Archiv der Bibelkolumnen