Doris Brodbeck

Wiedergeburt - Bibel einfach erklärt

martin breitenfeldt (Foto: Martin Breitenfeldt): MB

Von «Wiedergeburt» als Re-Inkarnation in ein nächstes Leben mit einer anderen Identität weiss die Bibel nichts. Die Wiedergeburt jetzt und hier, so die Idee, versetzt bereits jetzt ins «Reich Gottes» und erneuert einen Menschen von innen heraus.
Martin Breitenfeldt,
JOHANNES, KAPITEL 3, VERS 3 BIS 4
«Wenn jemand nicht von Neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen. Nikodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden? Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht geboren wird aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen.»

Nach dem Johannesevangelium hat Jesus die Wiedergeburt einmal einem Theologen seiner Zeit, Nikodemus, so erklärt. Ja, die Bibel lehrt die Wiedergeburt. Aber anders als sie sich heute viele vorstellen. Nicht: gestern Prinzessin und in der nächsten Runde Leben Ratte oder Schmetterling, per Re-Inkarnation. Sondern mit «Wiedergeburt», wird eine spirituelle Erfahrung mitten im Leben bezeichnet.

Ein Baby wird geboren, daheim oder im Spital. Das ist die erste Anstrengung im Leben: Der erste Schrei ist für das Baby kein Spass. Aber Gott gibt ihm den Atem, in ihm schreit das Leben selbst. Im Wunder der Geburt ist das Göttliche ganz nahe. Und irgendwann später, sagt Jesus, widerfährt manchen Menschen eine spirituelle Neu- oder Wiedergeburt. Oft ist das ebenfalls mit Stress und Tränen verbunden. Doch diese Erfahrung bringt die Person neu in Kontakt mit dem Wunder des Ursprungs: «Von neuem geboren aus Wasser und Geist».

Kirchlicherseits wird das «Wasser» hier gern auf die Taufe gedeutet; vermutlich meinte Jesus das, wofür diese ursprünglich stand: Sich ehrlich machen vor sich selbst, den anderen und Gott. Die Seele badet nackt – in Gottesliebe! Aber: «Geboren aus dem Geist»? Das ist eine unanschauliche, unbeweisbare Widerfahrnis, die aber doch millionenfach bezeugt ist. Auch Reformator Martin Luther schrieb einst davon. Der Moment, in dem ihm aus der Bibel klar geworden war, dass die Liebe Gottes gratis kommt, war seine Wiedergeburt: «Nun fühlte ich mich ganz und gar neugeboren und durch offene Pforten in das Paradies selbst eingetreten.“

An anderer Stelle im Neuen Testament wird dasselbe so beschrieben, dass der «innere Mensch» gleichsam «mit Christus» aufersteht. Auferstehungskraft belebt neu, richtet auf. Der erste Missionar Paulus formulierte ganz überspitzt: «Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir» (Galater 2, Vers 20). Diese Erfahrung steht nicht nur religiös Elitären, sondern allen offen, die sich danach sehnen und es brauchen.

Martin Breitenfeldt, reformierter Pfarrer in Trasadingen, Osterfingen, Wilchingen,

Kolumne in den Schaffhauser Nachrichten
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Bereitgestellt: 05.06.2021      
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