Ewiges Leben oder Gericht? - Bibel einfach erklärt (SN)

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Ruedi Waldvogel (Foto: SN Bibelkolumne)
Aus dem Glauben leben meint Offensein für das Ewige im Jetzt. Wer so lebt, hilft, das Gericht als Resultat egoistischer menschlicher Destruktivität zu vermeiden.
JOHANNES 5, VERS 24:
«Amen, amen, ich sage euch: wer mein Wort hört und dem glaubt, der mich gesandt hat, hat ewiges Leben und kommt nicht ins Gericht, sondern ist hinübergegangen aus dem Tod in das Leben.»»

Zwei Begriffe dieses Textes wecken wohl in vielen Lesenden Staunen, Kopfschütteln oder Widerspruch. Erstens: aus dem Glauben soll ewiges Leben hervorgehen. Ist nicht der Tod die einzige totsichere Tatsache unsers Lebens? Wenn Glaube das Fürwahrhalten des ewigen Lebens bedeutet, kommen wir auf den Holzweg. So widerspricht der Satz unserer Lebenserfahrung. Verstehen wir aber den Glauben als Offenheit für das Geheimnisvolle, Unerklärliche, Transzendente im Leben, so öffnet sich ein Weg des Verstehens: In der Offenheit für Geheimnis und Tiefe des Alltags spielt die Dauer unserer Lebendigkeit auf einmal keine Rolle mehr. Im Alltag leuchtet eine Erfahrung vollkommener Gegenwart auf. So erscheint das Ewige im Jetzt, das Zeitübergreifende im Vergänglichen. Im Johannesevangelium geht es nicht um Lebensverlängerung, sondern um gegenwärtige Fülle des Lebens. Zweitens: Wer in dieser Glaubensperspektive lebt, kommt nicht ins Gericht. Die Vorstellung des letzten Gerichts ist für uns schlecht verdaulich. Der Wunsch, dass Mörder, Kriegshetzer und Vergewaltiger einst vor dem Göttlichen Gericht erscheinen müssen, mag uns angesichts der vielen schuldlosen Opfer guttun. Die Tatsache, dass es den Peinigern in den irdischen Tagen oft noch besser geht als den Opfern, empört uns und lässt uns an einer letzten, göttlichen Gerechtigkeit zweifeln. Was ist das Gericht? Der Mensch, der mordet, vergewaltigt und bombardiert, macht uns allen den Alltag zum Gericht, weil er selbst nichts weiss vom Geheimnis und von der unaussprechlichen Fülle im Jetzt. Damit ist der Täter ein Opfer seiner selbst und erzeugt mit seiner Ichbezogenheit weitere Opfer. So wird die Welt zum Gericht. Demgegenüber zeigt das Johannesevangelium ein Leben aus der Offenheit zum Ewigen. Sie ist in Jesus verkörpert. Welche Chance!

Ruedi Waldvogel, reformierter Pfarrer im Ruhestand, Schaffhausen,


Kolumne in den Schaffhauser Nachrichten
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