Wer hat mich angefasst? - Bibel einfach erklärt (SN)

Bild wird geladen...
Die Frauen zur Zeit Jesu lebten in einer streng patriarchalen Welt. Doch Jesu öffentliches Wirken wird in den Evangelien als ein Prozess der Befreiung und Veränderung beschrieben. Starre Strukturen, lebens- und liebesfeindliche Ansichten und veraltete Muster gibt es auch heute noch.
LUKAS 8, VERSE 41 BIS 48:
«Sie drängte sich von hinten an Jesus heran und berührte einen Zipfel seines Mantels. Im selben Augenblick hörten ihre Blutungen auf. Jesus fragte: "Wer hat mich berührt? Keiner wollte es gewesen sein. Petrus sagte: "Meister, all die Leute umringen und bedrängen dich." Aber Jesus erwiderte: "Jemand hat mich berührt. Ich habe doch gemerkt, dass Kraft von mit ausgegangen ist." Da wusste die Frau, dass sie es nicht verheimlichen konnte.»

Da ist eine Menschenmenge, die Jesus fast erdrückt. Wieder einmal wird er zu einer Heilung gerufen. Es ist die Tochter des Jairus, des Vorstehers der Gemeinde, die im Sterben liegt. Und mitten in dem Getümmel fasst eine Frau all ihren Mut zusammen und berührt von hinten Jesu Gewand. Für die Frau ist das der Moment ihrer Heilung. Heilung nach zwölf langen Jahren, in denen sie an ihren Blutungen litt. Sie, die in der Gesellschaft als unrein gilt und ausgestossen ist, berührt einen Mann, einen Rabbi, und bricht damit eine strikte gesellschaftlich-kulturelle Regel. Und auch Jesus bricht diese Regel. Er spürt sofort diese fast unmerkliche Berührung, merkt, wie eine Kraft von ihm ausgegangen ist. Er hält inne und fragt: "Wer hat mich angefasst?" Er unterbricht seinen Gang zum Haus des wichtigen Mannes und kümmert sich erst einmal um den stillen Hilfeschrei der Frau. Sie muss sich zu erkennen geben und gesteht. Ich stelle mir vor, wie die Menge danach vor Schreck stumm wird und gespannt auf Jesus blickt.
Denn alles, was eine Frau während der Menstruation anfasste, galt quasi als verseucht. Und Jesus? Er stellt sich vor diese vor Angst zitternde Frau, die ein von Männern gemachtes Gebot übertreten hatte und mit dem Schlimmsten rechnen musste, und lobt sie für ihren Glauben. Und mehr noch, er nennt sie "meine Tochter". Jesu Einstellung weicht deutlich vom damaligen Mainstream ab. Einmal mehr.
Jesus versuchte in meinen Augen mit seinem Verhalten eine Veränderung zwischen den Geschlechtern zu erreichen. Er verurteilte die allgemeine abwertende und abschätzige Art, mit der Frauen damals betrachtet wurden. Wenn Jesus mit Frauen zu tun hatte, übertrat er bewusst die Vorgaben der Männer zugunsten der Frauen.
Gerade im Lukasevangelium stellt der Autor oft Männer- und Frauengestalten gegenüber, wobei die Frauen meist besser wegkommen, als die Männer. Wer die Bibel ernst nimmt, nimmt Jesus Christus ernst. Nachfolge im Sinne Jesu heisst traditionelle Rollenbilder immer wieder zu überdenken und ihre Tauglichkeit an der Liebe zu messen. Nachfolge im Sinne Jesu heisst Fürsorge für den Nächsten, egal, wer er/sie/es ist oder woher sie/es/er kommt. Das galt damals wie es heute gilt.

Stephanie Lemke-Signer, Vikarin in Buchberg-Rüdlingen,
Mail:

Kolumne in den Schaffhauser Nachrichten
» Archiv der Bibelkolumnen