Von Leuchtkäfern und biblischen Lichtquellen – Bibel einfach erklärt

Marilene Hess

Marilene Hess

Der nächtliche Schaffhauser Waldfriedhof voll funkelnder Leuchtkäfer als Erinnerung an den vergehenden Sommer lässt mich an biblische Lichtquellen denken, etwa aus der Bergpredigt.
MATTHÄUS, KAPITEL 5, VERSE 14-16:
«Ihr seid das Licht der Welt. Die Stadt hoch auf dem Berg kann sich nicht verstecken. Niemand zündet ein Licht an und stellt es dann unter einen Krug. Es wird vielmehr auf den Leuchter gesetzt. Dann leuchtet es für alle, die im Haus sind. So soll auch euer Licht den Menschen leuchten, damit sie eure guten Taten sehen und euren Gott im Himmel loben.»
(Bibel in gerechter Sprache)

Aber wo sind heute Glanz und Helligkeit, welche die Menschheit erleuchtet und Frieden und Eintracht bringt? - Ich denke an Menschen, die leiden unter Lebensängsten, Krisen, Verlusten, etwa eines geliebten Menschen oder ihrer Arbeit, denen alles wie Hohn erscheint, was von Licht erzählt. Ich denke an unerfreuliche Zustände und Entwicklungen auf unserer Erde, was mich mitunter zweifeln lässt an der Leuchtkraft des Lebens und der Menschen.

Doch: ich selber bin mit meinen begrenzten Möglichkeiten zuständig dafür, dass Licht werde! Es nützt nichts, in der Finsternis zu verharren und sich zu beklagen, dass niemand den Lichtschalter betätige. So kann ich auch nicht die Verantwortung für mein Leben abdelegieren, weder an ein Prinzip noch an Gott.

Denn siehe, das Reich Gottes ist in eurer Mitte – ist inwendig in euch, sagt Jesus (Lukas 17, 21) Es ist in euch drin angelegt, in eurem Herzen, in eu erm Willen und Engagement für die Welt, für die Mitmenschen und für Gott!

So mögen wir uns nicht zufrieden geben mit dem Dualismus eines vollkommenen, allmächtigen Gottes einerseits und einem schuldbeladenen, ungenügenden Menschen andrerseits. Wie Angelus Silesius sagt: Halt an, wo lauffst Du hin? – der Himmel ist in dir! Suchst du Gott anderswo, du fehlst in für und für!

Wunderbare Botschaft: Gott hat uns nicht als ohnmächtige Kreaturen in die Welt gesetzt, sondern als Mitschaffende und Mitleuchtende an seinem Reich, an einer guten Welt für alle. Verinnerlichte Frömmigkeit, veräusserlichte Rituale, kontemplative Spiritualität bleiben kraftlos, wenn Glaube nicht zu einer aktiven, handelnden, hoffnungsvollen Angelegenheit wird. Spiritualität heisse, die Hoffnung umarmen –
Es sind weder die grossen Paukenschläge und Heldentaten, noch die grellen Lichter, welche die Welt erhellen und verbessern. Sondern die kleinen, da und dort aufscheinenden, zuweilen nur flackernden Hoffnungszeichen, die Mut machen, Licht, Leben und Liebe auf Erden weiterzutragen.

Daran erinnern mich die tanzenden und werbenden Leuchtkäfer im Schaffhauser Waldfriedhof!

Marilene Hess, evangelische Leib- & Seelsorgerin in Stein am Rhein


Kolumne in den Schaffhauser Nachrichten
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Bereitgestellt: 10.09.2022      
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