Weltanschauungsfragen und Religionen

Die Fachstelle "Weltanschauungsfragen und Religionen" ist ein Dienst der Evangelisch-reformierte Kirche des Kantons Schaffhausen. Die Mitarbeitenden der Fachstelle nehmen Teil am interreligiösen Dialog, leisten Beratung, pflegen Kontakte und führen Veranstaltungen durch.

Kontakte

Weltanschauungsfragen, Beratung
Pfr. Dr.
Joachim Finger
Hauptstrasse 91
8224 Löhningen

079 394 90 17

Religionen im Dialog
Pfarrer
Markus Sieber
Säntisstrasse 29
8200 Schaffhausen

052 624 72 36

Verschwörungserzählungen

Die Pandemie und die Massnahmen dagegen haben es mit sich gebracht, dass so mancher sich fragt: "Wer ist schuld?"
Und angesichts der Freiheitsbeschränkungen: "Da steckt doch noch etwas anderes dahinter?"


Menschen haben das Bestreben (das liegt unseren Genen), einfache Erklärungen für etwas zu finden, was sie als Bedrohung, Gefahr wahrnehmen. Tief sitzende Instinkte drängen uns zur Flucht oder zur Verteidigung. Dazu muss die Gefahr möglichst einfach zu erkennen und zu benennen sein.
Einige aus einer Gruppe sehen ein gelbes Fell mit Streifen (oder meinen es zu sehen) und schreien «Gefahr!» und die ganze Horde schaltet erst einmal auf Flucht. (Ausser ein paar wenigen, die in den Modus «Kampf» schalten – was allerdings nicht immer vernünftig ist.) Und dieser Fluchtmodus ist ansteckend, das liegt in unseren Genen. Und selbst wenn Zweifel an der Berechtigung der Flucht aufkommen, so sind wir dazu bestimmt, das Gesicht zu wahren, um unsere Alpha-Stellung zu behaupten. Nur keine Schwäche, Zweifel, Unwissen zeigen – diese genetische Prägung teilen wir immer noch mit unseren Dschungel- und Savannenvorfahren.
Manche gehen aufgrund dieser Anlagen davon aus, dass es einen kleinen Kreis von Eingeweihten gibt, die sich verschwören, um gegen das Interesse der Mehrheit und für ihr Eigeninteresse ein bestimmtes, geheimes Ziel zu verfolgen. So wird die komplexe Wirklichkeit auf die Verabredung weniger Menschen reduziert und dadurch scheinbar erklärt.
Beispiele:
Das Auftreten der Pest war nicht erklärbar. Wenn die Juden die Brunnen vergiftet hatten, hatte man einen Sündenbock und zugleich war erklärt, warum die Pest in den jüdischen Gassen weniger Opfer forderte.
Die Niederlage im ersten Weltkrieg hatte verschiedene Ursachen, militärische und innenpolitische und menschliche. Die aber von der Staatspropaganda natürlich vertuscht wurden. Die Dolchstosslegende brachte eine einfache, einsichtige Erklärung.
Nine-Eleven hat seine Ursache in Aussenpolitik, Versagen verschiedener Dienststellen, unflexiblen Entscheidungsketten und Baustruktur. Das die USA so schwach und angreifbar sind, kann nicht sein. Die CIA oder sonst wer muss mitgemischt haben, eine Verschwörung in Regierungskreisen, um Krieg führen zu können. So ist’s besser verständlich.
Die vielen Migranten in Deutschland sind eine Herausforderung. Sie leben anders, sie sind anders. Vor allem in der DDR wurden sie «von oben» hereingeholt und der Kontakt mit ihnen wurde verhindert. Folge: Was sind das für welche, was wollen die hier. Und dann noch die Flüchtlinge. Komplexes Geschehen. Sündenbock: «Die da oben», die wollen eine «Umvolkung».
Da das auch in anderen Ländern geschieht: Die Regierungen haben sich verschworen. «Bilderberg-Verschwörung».
Die Technologie im Weltraum ist hochkomplex. Ein Netzwerk von Satelliten für alles Mögliche und Unmögliche. Das Zusammenwirken von Bodenstationen und Tausenden von Satelliten ist kompliziert. Lösung: Die Amerikaner haben insgeheim den Mond durch eine grosse Raumstation ersetzt, um die Erde von dort zu steuern.


Typisch:
- Hinter den Ereignissen stehen Absichten.
- Jemand oder eine Gruppe plant und handelt im Verborgenen.
- Die "offizielle" Wirklichkeit ist nicht die wahre oder die ganze.
- Gegenargumente sind Teil der Verschwörung.
- Die "Wissenden" sind Teil einer (elitären) Minderheit, welche den Durchblick hat und deswegen mundtot gemacht oder verfolgt wird.

Erzählung statt Theorie
Der Ausdruck "Verschwörungstheorie" ist nicht sachgerecht, weil eine Theorie ein wissenschaftliches Konzept ist, das geprüft, veröffentlicht, falsifiziert, überarbeitet, erneut geprüft, diskutiert usw. wird. Verschwörungserzählungen hingegen können für ihre Anhänger nicht geprüft werden, weil jede Kritik und Falsifizierung schon wieder Teil der Verschwörung ist.

Wirklichkeit
Es ist schwer zu akzeptieren, dass verstörende Wirklichkeit durch ganz normale Zufälle, Entscheidungsprozesse und Eigendynamik von Institutionen (und ihren Menschen) zustande kommt:
Eine gewisse Geheimhaltung, interessegeleitete Information (macht jede politische Partei), Analyse von Risiken (macht jede Versicherung), Krisenmanagement (macht jede Firma). Schwierig wird es, wenn ein grösserer Teil dieser Strukturen eine gemeinsame Bedrohung identifiziert und beginnt, im Gleichtakt zu schwingen. Das entfaltet eine Eigendynamik – der Takt zieht die verschiedenen Akteure, die sonst unabhängig voneinander und z.T. sogar gegeneinander schwingen, hinein. Und je stärker das wird, umso mehr zieht es weitere hinein und umso weniger Platz haben andere Kräfte. Das wird nicht von einer Zentrale gesteuert, sondern von vielen Akteuren, die eben nicht mehr selbständig entscheiden, sondern sich auf den gemeinsamen Feind ausrichten (und dabei noch meinen, dass sie autonom für das gemeinsame Wohl entscheiden. Sich dieser Dynamik zu entziehen, ist gerade für Politiker sehr schwierig, die ja immer auch auf den – vermeintlichen – Wählerwillen schauen.
Darum ist das weder Verschwörung noch Verschwörungserzählung. Und darum ist es auch schwierig, dagegen anzugehen. Die Strategie geduldigen Erklärens, Richtigstellens und Aufdeckens von Falschinformationen funktioniert nicht. Weil die Akteure für sich allein genommen nicht einmal so unrecht haben und v.a. im Anfang in bester Absicht das Nächstliegende aufgrund der ihnen vorliegenden Informationen getan haben.
Es fehlt manchmal der Schritt zurück «was machen wir da eigentlich», die selbstkritische Betrachtung, der Verzicht aufs Rechthaben (das könnte ja als Fehler- oder Schuldeingeständnis gewertet werden und dann wird man am Ende noch haftbar gemacht), das vernetzte Denken. Fehler sind aber noch keine Verschwörung.

Fazit
- Verschwörungsgläubige unterschätzen die Macht des Zufalls.
- Sie überschätzen die Fähigkeit zur Geheimhaltung. Angesichts des menschlichen Mitteilungsbedürfnisses, finanzieller Versuchungen, sozialer Medien, eifriger Rechercheure sind die komplexen Verschwörungserzählungen einfach nicht glaubhaft.
- Scheuklappen, Inkompetenz oder schlicht Dummheit kommen viel häufiger vor als Verschwörung und Manipulation. Gerade dass so viele Regierungen bezüglich Covid-Massnahmen gleich schwingen spricht gegen eine gemeinsame (böswillige) Absicht: Die Wahrscheinlichkeit, dass sich nur schon die europäischen Regierungen auf eine Strategie einigen können, ist äusserst gering. Und die Wahrscheinlichkeit, das bei einem so grossen Kreis von Beteiligten auch noch geheim zu halten, ist noch viel geringer.

Literatur
Christian Metzenthin (Hg.) Phänomen Verschwörungstheorien. Psychologische, soziologische und theologische Perspektiven. Zürich: tvz 2019
Matthias Pöhlmann (Hg.) Verborgene Wahrheit? - Verschwörungsdenken und Weltanschauungsextremismus. EZW-Texte 269. Berlin: Evang. Zentrale für Weltanschauungsfragen 2020