Ich bin stolz auf meinen Kollegen, den Imam

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Am Donnerstag, 22. Oktober 26, war es so weit: 21 Musliminnen und Muslime erhielten ihr CAS-Zertifikat. Und unser Schaffhauser Imam hielt eine beeindruckende Rede, die hörens- bzw. jetzt lesenswert ist - sie ist hier eingefügt.
Joachim Finger,
8 Module, intensives Studium, Wahrnehmen der eigenen Rolle und Selbstreflexion, viel gemeinsames Nachdenken, Praktika und eine Abschlussarbeit haben sie absolviert. Es gab aber auch Zeit, miteinander zu lachen und Köstlichkeiten aus verschiedenen Ländern zu geniessen.
Die offene, gesprächsfreudige Gruppe und ihre Angehörigen strafen alle Klischeevorstellungen Lügen. Hier sind gläubige MuslimInnen, die ihre Religion leben, aber auch professionell für andere Menschen da sein möchten. Gerade auch in Ausnahmesituationen. Denn der Titel des CAS-Lehrgangs heisst «Muslimische Seelsorge in öffentlichen Institutionen».
Mit dabei war – ist – Imam Nimetulla Veseli von der albanischsprachigen Gemeinschaft Mekka, die im Niklausenquartier in Schaffhausen ihre Moschee hat. Die Kursleiterin Dr. Esma Isis-Arnautovic fand bei der Feier zu jeder und jedem ein persönliches Wort. Bei Nimetulla bleibt ihr seine Sprachkompetenz und sein fröhliches Lachen in Erinnerung.
Er hielt übrigens eine der zwei Ansprachen der AbsolventInnen. Er beteiligt sich seit Jahren am Interreligiösen Dialog, gibt islamischen Religionsunterricht im Schulhaus in Neuhausen und ist ein sehr angenehmer Gesprächspartner. Ich bin stolz, dass wir diesen engagierten Imam in Schaffhausen haben und hoffe, dass diese Qualifikation in unserem Kanton eine entsprechende Würdigung findet.

Die Rede von Nimetulla Veseli - mit Gedanken zur Seelsorge, die alle Seelsorgende angehen:
"Liebe Absolventinnen und Absolventen, liebe Dozentinnen und Dozenten, liebe Praktikumsmentorinnen und Praktikumsmentoren, liebe Verantwortliche und Leitende des CAS-Studiengangs, liebe Familien, liebe Gäste aus Religion, Politik und Gesellschaft.
Als Imam bin ich es gewohnt, vor Menschen zu sprechen. In diesem CAS habe ich gelernt, wie wichtig es ist, manchmal gerade nicht zu sprechen. Sie dürfen also gespannt sein, ob ich mich heute kurzhalten kann.
Heute darf ich mit Ihnen auf einen Lernweg zurückblicken, der mein Verständnis von Seelsorge erweitert und meine Arbeit als Imam geprägt hat. Drei Gedanken nehme ich besonders mit:
Der erste Gedanke: Zuhören ist bereits ein Teil der Hilfe.
Als Imam war ich oft darauf bedacht, Menschen etwas mitzugeben – einen Rat, eine Orientierung oder eine Antwort auf ihre Fragen. Im CAS ist mir bewusster geworden, dass nicht jedes Gespräch eine Antwort braucht. Manchmal brauchen Menschen jemanden, der ihnen wirklich zuhört, ihre Sorgen ernst nimmt und einfach für sie da ist. Für meine Praxis bedeutet das: mehr offene Fragen stellen, genauer hinhören und auch Stille zulassen. Dabei habe ich erkannt, dass es manchmal schwieriger sein kann, Stille auszuhalten, als eine ganze Predigt zu halten. Während meines Praktikums in der Gefängnisseelsorge wurde mir diese Haltung besonders bewusst. Hinter den Gefängnismauern begegnen wir nicht nur Menschen, die zu einer Strafe verurteilt wurden, sondern Menschen mit Ängsten, Hoffnungen und einer eigenen Lebensgeschichte. Seelsorge bedeutet für mich deshalb auch, einen Menschen nicht auf seine Vergangenheit zu reduzieren, sondern ihm mit Würde und ohne Vorurteile zu begegnen.
Mein zweiter Gedanke ist: Seelsorge braucht die Bereitschaft, nicht alles lösen zu können.
Trauer lässt sich nicht wegreden, und Angst verschwindet nicht automatisch durch eine Erklärung. Auch ein gut gemeinter religiöser Rat braucht den richtigen Moment. Meine Aufgaben als Imam und als Seelsorger überschneiden sich in vielem. Als Imam werde ich häufig nach religiöser Orientierung gefragt: Was sagt mein Glaube dazu? Was soll ich tun? In der Seelsorge habe ich gelernt, zunächst zu fragen: Was beschäftigt diesen Menschen wirklich? Was braucht er in diesem Moment? Dabei geht es nicht darum, auf religiöse Antworten zu verzichten, sondern zu erkennen, welche Unterstützung gerade hilfreich ist. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein Gedanke unseres Dozenten Muris Begović. Er sagte sinngemäss: In unserer Seelsorge-Tasche tragen wir viel Wissen und Erfahrung mit uns. Aber wir müssen nicht alles herausholen – nur das, was der Mensch in diesem Moment wirklich braucht. Für mich bringt dieses Bild eine wichtige Erkenntnis auf den Punkt: Entscheidend ist nicht, wie viel wir wissen, sondern was dem Menschen gerade hilft.
Der dritte Gedanke betrifft unsere Gruppe.
Wir haben diesen Weg mit unterschiedlichen Erfahrungen und Perspektiven begonnen. Gerade diese Vielfalt war für uns eine wertvolle Erfahrung. In unseren Fallbesprechungen haben wir erlebt, wie viel wir voneinander lernen können. Und natürlich gehören zu unseren Erinnerungen auch unsere lieben Ablas, die uns immer wieder mit selbstgemachten Köstlichkeiten verwöhnt haben. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass wir neben dem CAS in Muslimischer Seelsorge noch einen zweiten CAS absolviert haben – einen CAS in Gastfreundschaft und Kulinarik.
Ein besonderer Dank gilt unserer Kursleiterin, die mit viel Geduld dafür sorgte, dass wir nach den Pausen wieder in den Unterricht zurückfanden. Denn manchmal war es gar nicht so einfach, uns vom guten Essen und den Gesprächen zu trennen. Aus diesem gemeinsamen Weg nehmen wir wertvolle Kontakte und ein Netzwerk mit, das auch für meine Arbeit in Schaffhausen wichtig ist. Mein herzlicher Dank gilt allen, die diesen Studiengang gestaltet und uns begleitet haben, sowie meinen Mitstudierenden für das gemeinsame Lernen.
Heute erhalten wir ein Diplom. Für mich ist es zugleich eine Einladung, weiterzulernen – mit Verantwortung, Selbstreflexion und einem offenen Herzen für die Menschen, die uns begegnen. Als Imam habe ich gelernt, mit Worten Menschen zu erreichen. In diesem CAS habe ich gelernt, dass manchmal gerade das Zuhören die tiefste Form der Begegnung ist.
Ich danke Ihnen allen von Herzen für Ihre Aufmerksamkeit.
Imam Nimetulla Veseli"