Der Blick in das neue Land - die Krise als Chance sehen

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Der Weg durch die Wüste Namibias führt heute über eine staubige oder asphaltierte Strasse. Distanzen werden in kurzer Zeit überwunden. Wichtig ist, dass man die Orientierung nicht verliert. Geradeaus muss der Weg gehen. Nur nicht im Kreis drehen. Ich kann mir vorstellen: Das Naturerlebnis muss traumhaft sein.


Admin Steig,
Der Weg des Volkes Israel durch die Wüste gleicht nicht einer Autostrasse. Es war ein mühsamer, beschwerlicher Weg. Es gab viele Auf und Ab, beglückende Erfahrungen, aber auch Enttäuschungen, Hoffnungen und Aengste, Umwege und Sackgassen galt es zu überwinden.

Auch wir sind auf dem Weg. Wir haben den Lockdown hinter uns, wurden Gott sei dank verschont vor dem Coronavirus, wir hatten zum Glück hier in unserem Kanton nur wenige Fallzahlen. In der vergangenen Woche wurden weitere Lockerungen vorgenommen, die Grenzen wurden wieder geöffnet. Wir gehen einen Schritt weiter und schätzen die neu gewonnenen Freiheiten.

Am Ende seines Lebens steht Mose auf dem Berg Nebo. Er steht dort, wo man nach Kanaan hinübersehen kann. Er hat das Ziel fast schon erreicht. Er sieht mit seinen eigenen Augen das Land, wo Freiheit, Gerechtigkeit und Sicherheit nicht mehr ein Wunschtraum, sondern Realität sind. Bevor das Volk Isarel den Jordan überqueren darf, gewährt Gott Mose diesen Blick in das Land seiner Träume.

Er darf das Land der Verheissung sehen, aber er darf es nicht betreten. Sein Lebenswerk bleibt ein Bruchstück. Aber es liegt auch viel Versöhnliches auf diesem eindrücklichen Text der Bibel. Mose darf das Land wenigstens sehen. Und seine Geschichte findet eine Fortsetzung. Josua wird seinen Auftrag weiterführen und das Volk ins gelobte Land führen. Das heisst für uns: Kein Mensch ist unersetzlich. Niemand soll sich einbilden, ohne ihn oder sie könne es nicht weiter gehen.

Ich mag mich erinnern, als mein Vater pensioniert wurde. Er sagte damals: «die anderen werden sehen: wenn ich nicht mehr da bin, wird es Schwierigkeiten geben. Die wissen ja überhaupt nicht, für was ich gesorgt habe. Ich habe so vieles erledigt. Im Hintergrund. In aller Selbstverständlichkeit. Und meine Erfahrung hat niemand in meiner Abteilung. Ich habe ihnen gesagt: wenn sie nicht mehr weiter wissen, können sie mir telephonieren.»

Was ist passiert? Hat mein Vater je ein Telephon erhalten? Nein. Es ging weiter, auch ohne ihn. Das war für ihn zuerst eine schmerzliche Erfahrung. Aber letztlich war es auch gut so. Das Leben geht weiter. Andere haben seine Aufgaben übernommen. Die Firma konnte weiterexistieren, auch ohne ihn.

Haben wir Vergleichbares erfahren? Als die Kinder erwachsen wurden und von zu Hause auszogen, wurden wir als Vater und Mutter nicht mehr gebraucht. Vielleicht einige Jahre später wieder, als Enkelkinder das Licht der Welt erblickten. Für den Moment ist es schmerzlich, wenn man die Kinder loslassen muss. Aber es ist auch eine befreiende Erfahrung. Man kann Lebensaufgaben loslassen, im Vertrauen: die Kinder werden es dann schon recht machen. Das ist eine grosse Befreiung. Man muss nicht für alles und jedes die Verantwortung behalten, auch wenn die Kräfte kleiner werden.

Und noch etwas Zweites fasziniert mich an Mose. Er darf noch in die Zukunft schauen, aber diese Zukunft betrifft ihn nicht mehr. Diese Zukunft betrifft seine Nachkommen. Mose ist glücklich, dass er dieses Land sehen darf. Er hat sich jahrelang für eine Zukunft eingesetzt, von der er nicht mehr profitieren wird. Es ist eine Zukunft für seine Nachkommen.

In der Zeit des Lockdowns hat mir ein Gemeindeglied gesagt. Grosse wirtschaftliche Herausforderungen werden auf uns und unsere Gesellschaft zukommen. Die Welt wird anders aussehen, wenn wir diese Pandemie überstanden haben. Ich bin zwar jetzt schon alt, aber ich freue mich, meine Erfahrungen einzubringen und mitzuhelfen, dass wir diese Coronakrise gut überstehen, ich setze meine Lebenskräfte ein für die Welt meiner Kinder und Enkelkinder.

Die Coronakrise kann so zu einer Chance werden. In verschiedenen Bereichen unseres Lebens. Die Krise als Chance sehen, das ist die Aufgabe, die sich uns momentan stellt.

Der verstorbene Erzbischof von Südamerika Dom Helder Camara hat einem das treffende Wort gesagt: Wenn einer allein träumt, bleibt es ein Traum. Träumen wir aber alle gemeinsam, wird es Wirklichkeit. In diesem Sinne wünsche ich ihnen gute Gedanken und Träume für die neue Zeit, die Gott uns schenken wird.

Der Herr segne dich und behüte dich.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf Dich und gebe Dir Frieden.

Martin Baumgartner


Bereitgestellt: 21.06.2020      
aktualisiert mit kirchenweb.ch