Kritik

20200430_071656<div class='url' style='display:none;'>/kg/steig/</div><div class='dom' style='display:none;'>ref-sh.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>5593</div><div class='bid' style='display:none;'>59995</div><div class='usr' style='display:none;'>233</div>

Der Bundesrat hat am letzten Mittwoch weitere Lockerungen in Aussicht gestellt. In einer Woche gehen wir einen grossen Schritt zurück in die Normalität.
Martin Baumgartner,
Aber diese Normalität wird bis auf weiteres anders aussehen. Die Abstandsregeln gelten nach wie vor. Hygienemassnahmen sind einzuhalten. Wie es bei den Gottesdiensten aussieht, wird der Bundesrat wohl Ende Mai kommunizieren. Geplant wäre, dass wir den ersten oeffentlichen Gottesdienst in der Steigkirche am 14. Juni durchführen könnten. Mit den nötigen Abstandsregeln und Hygienemassnahmen. Wir warten gespannt die weiteren Entscheidungen des Bundesrates und des Kirchenrates ab. In der Steigkirche die Vorgaben betreffend Abstand und Hygienemassnahmen einzuhalten, ist gut möglich. Es hat genügend Platz. Ich freue mich, wenn wir wieder Gottesdienste in der Steigkirche durchführen können.
In den vergangenen Wochen wurde Kritik am Vorgehen des Bundesrates geäussert. Seine Haltung sei wirtschaftsfeindlich, ängstlich und widersprüchlich, sagten politische Vertreter. Andere wiederum sind besorgt, wenn jetzt die Oeffnung allzu rasch erfolgt.
Der Bundesrat wurde zuerst gelobt wegen seiner konsequenten Haltung, jetzt aber wird er kritisiert. Die Parteien bringen sich wieder in Stellung. Die Schritte aus dem Lockdown werden ganz unterschiedlich beurteilt. Was ist richtig? Die Kritik am Vorgehen des Bundesrates bestätigt das bekannte Sprichwort: allen Menschen recht getan, ist eine Kunst, die nimand kann. Es ist unmöglich, allen Standpunkten gerecht zu werden. Man kann nicht alle Einzelinteressen berücksichtigen, alle Forderungen erfüllen. Was auch immer die Exekutive in der momentanen Situation beschliesst, sie wird nicht nur Lob, sondern auch Kritik ernten.

Ich habe mir die Frage gestellt, wie wir Kritik äussern. In der Partnerschaft, in der Familie, am Arbeitsplatz, in Diskussionen, in politischen Auseinandersetzungen nehmen wir immer wieder Stellung. Unsere Meinung ist gefragt. Es ist wichtig, dass wir unsere Haltung einbringen. Aber wie bringen wir sie ins Gespräch? Ein knappes, brilliantes Wort von Stanislaw Jerzy Lec kam mir in den Sinn. Dieser polische Lyriker und Aphoristiker sagte einmal treffend: „Sprich nicht schlecht vom Menschen. Er sitzt in dir und belauscht dich.“

Schlecht vom Menschen sprechen, so ganz pauschal über bestimmte Menschen herziehen, das ist eine Versuchung, der wir alle manchmal erliegen. Gerade wenn wir schlechte Erfahrungen gemacht haben, wenn wir verletzt worden sind in einer Auseinandersetzung oder wenn wir eine ganz andere Meinung vertreten. Ueber andere zu schnöden, das tut dann der eigenen Seele gut. Manchmal reden wir auch schlecht über andere Menschen, wenn wir die Zeitung lesen oder TV schauen und über die da oben in der Stadt, im Kanton oder in Bern herziehen. Wer über andere redet, der kann aus einer gewissen Distanz urteilen.

Der polinische Lyriker hebt nicht nur einfach den moralischen Warnfinger, er begründet seine aphoristische Warnung «sprich nicht schlecht vom Menschen» mit den Worten: Er ist nicht weit weg, er sitzt in dir und belauscht dich.

Auf eine pointierte Art und Weise ruft der Schriftsteller einen wahren Sachverhalt in Erinnerung: Es ist einfacher, über Menschen schlecht zu sprechen, wenn sie nicht da sind. Dann eine ganz gezielte, feine oder harte Kritik zu äussern, das ist schnell einmal getan. Aber diese Kritik ist ziemlich schwer, wenn du jemanden in die Augen schauen und dann eine Kritik fomulieren musst. Besonders peinlich, wenn du von jemandem schlecht gesprochen hast, und plötzlich realisierst du, dass er neben dir steht und alles mitgehört hat.
Der Lyriker Stanislaw Jerzy Lec erinnert an eine einfache Tatsache: Wenn wir „vom Menschen“ sprechen, dann meinen wir fast immer andere. Die Menschen sind «die Anderen». Wir selber sind nicht gemeint.
Bevor wir uns kritisch äussern über Menschen, die schwierige Entscheidungen zu treffen haben, hilft es, unsere eigene Haltung und die Art und Weise der Kritik zu überdenken. Jeder, der in einer bestimmten Funktion Entscheidungen treffen muss, weiss, wie schwierig es manchmal ist, aufgrund ganz unterschiedlicher Meinungen zu einer bestimmten Haltung zu finden. Der Bundesrat entscheidet momentan nach bestem Wissen und Gewissen. Der Satz von Stanislaw Jerzy Lec kann uns eine Hilfe sein, wenn wir Kritik äussern: „Sprich nicht schlecht vom Menschen. Er sitzt in dir und belauscht dich.“ Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit. Martin Baumgartner
Bereitgestellt: 03.05.2020      
aktualisiert mit kirchenweb.ch