Gedanken: Wenn die Wut hochkocht, dann tu keinen Deckel drauf.

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Die heilsame Kraft der Wut und die Gratwanderung, sich nicht von ihr beherrschen zu lassen.
Matthias Koch,
Wut – Da braut sich ein heftiger Sturm zusammen: Das schreiende Kind im Laden, das die Süssigkeit nicht kriegt. Die alte Frau, die zornig den Klavierdeckel zuschlägt, weil ihr die Fingerläufe vom einst vertrauten Stück nicht mehr gelingen. Der Knall der Zimmertür, wenn die Eltern ihrer 16-jährigen Tochter nicht genügend Freiheiten zutrauen. Das Fluchen des Angestellten, weil der Computer nicht macht, was er tun sollte.

Wut kennen wir alle. Sie begleitet uns seit Kindsbeinen an und ein Leben lang. Wir alle haben sie schon erlebt – als eigener Wutausbruch oder im Erschrecken, wenn das Gegenüber vor Zorn zu toben beginnt. Wut hat viele Gesichter. Der eine wird blind vor Wut. Er sieht nur, was ihn ärgert und vergisst alles andere – manchmal auch das Überlegen. Die andere verliert die Fassung, weil sie ob dem Ärger den Überblick verloren hat und das Geschehene einfach nicht einordnen kann.

Und wie ist’s bei Ihnen: Wann und worüber haben Sie sich zum letzten Mal so richtig geärgert? Und in die Gegenrichtung gefragt: Wann hat sich jemand über Sie geärgert und weshalb?

Und weiter gefragt: Wie gehen Sie mit Wut um? Vielleicht gleichen Sie dem französischen Philosophen Michel Montaigne aus dem 16. Jahrhundert, der über seine Wut sagen konnte: „Wenn ich loslege, dann aus Leibeskräften. Doch ich bemühe mich, dass es kurz bleibt.“
Oder gehören Sie zu denen, die sich im Stillen ärgern, wie es das alte deutsche Wort Ingrimm treffend beschreibt? Jener unterdrückte Ärger, der innerlich nagt, uns auf den Magen schlägt und uns unglaublich wurmt.

Man kann sich regelrecht grün und blau ärgern. In dieser Redewendung kommt ein weiterer Aspekt von Wut zum Ausdruck. Ärger als ungebremste Wut, die sich gegen andere richtet, kann verletzen und Spuren hinterlassen; seelische und, wenn es zum Gewaltausbruch kommt, auch körperliche (die Farben grün und blau beschreiben den Bluterguss). Wer hingegen die Wut gegen sich selbst richtet oder sie unterdrückt, fügt sich selber Schläge zu und tut sich keinen Gefallen.

Wut kann jedoch nicht nur verletzen, sie macht auch verletzlich. Wer erzürnt, zeigt offen, was ihn im Innersten aufwühlt, was ihm wichtig ist und wo er seine wunden Punkte hat. Dem fällt es schwer, einen kühlen Kopf zu bewahren.
Nicht umsonst rät ein Weisheitsspruch aus dem Alten Testament: Ein Mann, der seinen Zorn nicht zurückhalten kann, ist wie eine offene Stadt ohne Mauern (Sprüche 25,28). Dieser Ratschlag motivierte ursprünglich junge Männer am Königshof zu einer professionellen Haltung und zu wohlüberlegten Handlungen. Er ist sozusagen ein 3000 Jahre alter Karrieretipp.

Denn Wut – damals wie heute – hat einen schlechten Ruf. Sie gilt als primitiv und lässt vermuten, da hat sich jemand nicht im Griff. Sie steht im Gegensatz zur Erwartung, dass man Probleme stets sachlich und zielorientiert angeht, cool bleibt und alles unter Kontrolle hat. Wut dagegen ist unberechenbar. In ihr steckt eine unheimliche, zerstörerische Kraft, die sich im schlimmsten Fall in zwischenmenschlichen Konflikten, in Kriegen, in Gewalt und Aggressionen gegen andere oder sich selbst entlädt und dabei viel Schaden anrichtet. Zorn verzerrt die Wahrnehmung, das Gegenüber wird schnell als Feind betrachtet und als Mensch abgewertet.

Die Wucht, die in der Wut steckt, lässt sich äusserlich ablesen. Die Haut ist errötet, die Stimme zittert, der Atem wird schneller und der Blick verfinstert sich, während die Nasenflügel gebläht und die Lippen zusammengepresst sind. Diese Merkmale sind in allen Kulturräumen gleich und werden auf der ganzen Welt verstanden. Innerlich steckt der Körper dabei in Alarmbereitschaft.
Stresshormone werden ausgeschüttet, der Puls wird schneller, der Blutdruck steigt. Man wird hellwach und steht unter Spannung, damit man sofort reagieren kann: Flucht oder Angriff.

Diese körperliche Reaktion macht durchaus Sinn. Nicht nur biologisch, sondern auch zwischenmenschlich. Wissenschaftler nehmen an, dass dank der heftigen körperlichen Signale das Gegenüber erkennen kann, was Sache ist. Die sichtbaren Zeichen des Zorns helfen, eine Eskalation zu verhindern. Es muss also nicht zum grossen Donnerwetter kommen. Indem einem die Wut ins Gesicht geschrieben steht, kann das Gegenüber besänftigend oder vermittelnd reagieren. Es kann Raum geben, damit die Wut sich legen kann. Es kann den Gefühlen und der Sache auf den Grund gehen, die aus dem Lot geraten sind und nach einer Korrektur verlangen. Wut ist also nicht einfach nur negativ. Sie ist auch ein Signal, dass sich etwas ändern muss!

Auch von Jesus ist ein Wutausbruch überliefert. In einer zornigen Zeichenhandlung verjagt Jesus die Händler und Geldwechsler vom Vorhof des Tempels, die für die angereisten Pilger Opfertiere und Gelddienstleistungen anbieten. Ihn erschüttert im Innersten, wie Menschen aus dem Tempel Profit schlagen. Wie im Tempel nicht die Gleichhalt aller Menschen, sondern die Kaufkraft zum Massstab wurde. Wie eine dicke Linie gezogen wurde zwischen denen, die es sich leisten konnten, und jenen, die das Nachsehen hatten. Das läuft Jesu Vision eines Gotteshauses zuwider.

Eine zornige Zeichenhandlung im Tempel
Jesus und seine Freunde kommen nach Jerusalem. Und als er in den Tempel hineinging, begann er, alle hinauszutreiben, die im Tempel verkauften und kauften. Die Tische der Geldwechsler und die Stände der Taubenverkäufer stiess er um und liess nicht zu, dass man irgendetwas über den Tempelplatz trug.
Und er lehrte sie und sprach: Steht nicht geschrieben: Mein Haus soll Haus des Gebets heissen für alle Völker? Ihr aber habt es zu einer Räuberhöhle gemacht!
Und die Hohen Priester und Schriftgelehrten hörten davon und suchten Mittel und Wege, wie sie ihn umbringen könnten. Denn sie fürchteten ihn, weil das ganze Volk überwältigt war von seiner Lehre. Und als es Abend wurde, gingen sie aus der Stadt hinaus.
(Markus 11,15-19)



In Anlehnung an den Propheten Jeremia kritisiert er daher die Zustände als Räuberhöhle (Jer 7,11), weil Gewinn an oberster Stelle steht. So kann der Tempel seine eigentliche Aufgabe nicht erfüllen: Haus des Gebets heissen für alle Menschen (Jes 56,7). Es darf nicht sein, dass aussenvorbleibt, wer Gottes Nähe sucht. Anspruch und Verhalten stimmen nicht überein – dagegen richtet sich Jesu Wut. Dagegen protestiert er mit seiner überbordenden Zeichenhandlung.

Jesu Wut bleibt nicht unbeachtet. Die offiziellen Vertreter von Religion und Politik bekommen es mit der Angst zu tun. Sie fürchten um Macht, Einfluss und Stellung. Sie klammern sich fest am Status Quo und an ihren Privilegien. Für sie gibt es daher nur einen Ausweg. Jesus muss beseitigt werden. Doch die Begeisterung der Menschenmenge hindert sie, offen gegen ihn vorzugehen.

Diese Geschichte von Jesus erinnert mich an die vielen wütenden Proteste in der Welt. An den Frauenstreik damals in der Schweiz. An die Bürgerrechtsbewegung in den USA, die bis heute gegen Unrecht und Gewalt die Stimme erhebt. An die Proteste in Weissrussland, Hongkong und Myanmar, wo Menschen für Demokratie, Freiheit und Mitbestimmung auf die Strasse gehen und ihr Leben riskieren. Eine berechtigte Angst. Auch Jesus wurde wenige Tage nach seinem Protest verhaftet, in einem Schauprozess verurteilt und am Kreuz hingerichtet. Solche Mechanismen existieren bis heute, um Bewegungen für gleiche Rechte und Mitbestimmung niederzudrücken. Die Machthabenden suchen die Gunst der Stunde, um die Köpfe der Bewegung auszuschalten. Man verunglimpft sie, drangsaliert sie, foltert sie, sperrt sie weg, macht sie mundtot, beseitigt sie.

So gesehen hat Jesus seinen wütenden Protest im Vorhof des Tempels verloren. Doch die Hörerinnen und Hörer dieser Geschichte wissen, es kommt zur Fortsetzung. Das Kreuz ist kein Schlusspunkt, kein Verstummen von Jesu wütendem Protest. Das leere Grab von Ostern und die Erfahrung der Jüngerinnen und Jünger, dass Jesus lebt, lässt auch dessen Protest weiterleben. Gottes Nähe gilt allen Menschen – über alle Ausgrenzungen hinweg. Diese Wut Jesu möchte auch uns aufrütteln und hellhörig machen. Jetzt ist es an uns, dass Jesu Protest von damals nicht verstummt, sondern weitergeht, wo Menschen als zweitklassig behandelt werden. Das „für alle“ von Jesus braucht heute unsere Stimme: In der Kirche, in der Gesellschaft, in der Politik.

Wut ist darum auch Ausdruck von Hoffnung. Die Schweizer Psychologin Verena Kast bringt es auf den Punkt: Wer Ärger zulässt, glaubt daran, dass man das Leben noch verändern kann. Wer ihn nicht mehr zulässt, glaubt nicht mehr daran. Darin liegt viel Wahres. Verinnerlichter Zorn, angestauter Ärger oder runtergeschluckter Frust stören unser Gleichgewicht. Es macht krank und schwermütig, weil wir den Glauben an Veränderungen verloren haben. Wir richten dann den Ärger gegen uns selbst, blockieren uns, werden verbittert und laufen Gefahr, dass sich die unterdrückte Wut irgendwann explosionsartig entlädt. Wie ein Dampfkochtopf, dessen Ventil kaputt ist. Wer Wut hingegen zulässt, zeigt sich und anderen, was ihn in seinen Grundfesten erschüttert. Der zeigt an, was ihm wichtig ist und oft auch, wer ihm wichtig und nicht gleichgültig ist. Vielleicht steckt gerade darum in der Wut auch eine wichtige Antriebskraft, Dinge anders anzugehen.

Wut darf dabei nicht verharmlost werden. Ihre zerstörerische Seite fordert zu einer Gratwanderung auf. Davon erzählt eine andere biblische Geschichte: Kain und Abel. Beide Brüder bringen eine Opfergabe vor Gott. Kain erzürnt, weil Gott seine Gabe übersieht, jene seines Bruders jedoch annimmt. Da warnt ihn Gott, sich von der Wut nicht blind machen zu lassen: Warum bist du zornig, und warum ist dein Blick gesenkt? Ist es nicht so: Wenn du gut handelst, kannst du frei aufblicken. Wenn du aber nicht gut handelst, lauert die Sünde an der Tür, und nach dir steht ihre Begier, du aber sollst Herr werden über sie (Gen 4,6-7).

Anders als das Frühmittelalter, welches die Wut zur Todsünde erklärte, ist Wut hier keine Sünde. Sie macht jedoch anfällig für unkontrollierte Taten und Worte, mit denen wir verletzen, Schaden anrichten und Gemeinschaft zerstören. Bei Kain und Abel ging es übel aus – Kain liess sich vom Zorn übermannen, verlor die Kontrolle und erschlug seinen Bruder.

Interessant dabei ist: Die Geschichte verteufelt die Wut nicht, als müssten wir sie unterdrücken, als dürfte sie nicht sein. Im Gegenteil. Sie erzählt, wie Gott uns zutraut, dass wir die Wut beherrschen und in die richtigen Bahnen lenken können. Diese Gratwanderung ist nicht einfach. Es bleibt ein Zwiespalt, wenn die Wut in uns hochkocht: Die Wut zulassen und gegen aussen zeigen, was uns aufwühlt. Und andererseits, sich von ihr nicht beherrschen lassen.

Wie gelingt diese Gratwanderung? Jeder Mensch geht anders mit seiner Wut um. Daher ist eine gute Selbstbeobachtung der wichtigste Schritt. Das macht man am besten, wenn man ehrlich mit sich selbst ist: Wie reagiere ich auf Kritik? Auf eine Enttäuschung? Auf eine Kränkung? Auf Unzuverlässigkeit? Was bringt mich eigentlich in Rage? Kocht es bei mir schnell hoch oder versuche ich lange – manchmal zu lange – den Deckel drauf zu drücken?

Bin ich eher gehemmt, wenn der Ärger hochkocht und versuche ich, „dem Frieden zuliebe“ oder „zum Wohle“ der anderen den Ärger leise zu ertragen und zu unterdrücken? Da ist es hilfreich, wenn man beginnt, die Wut in sich anzuerkennen. Da stört mich etwas und das darf ich auch gegen aussen mit aller Deutlichkeit zeigen. Wer umgekehrt eher zu Vulkanausbrüchen neigt, kann sich fragen, welche Situationen ihn so in Rage bringen. Gibt es Worte oder Themen, die meine Wut verstärken? Wer sich selbst besser kennt, kann eigene Strategien entwickeln: Vielleicht erst dreimal gut durchatmen, den Raum verlassen oder darum bitten, eine Angelegenheit ruhen zu lassen, um sie später in aller Ruhe nochmals zu besprechen. Da kann jeder kreativ sein.

Wut darf man nie unterschätzen, aber ebenso wenig geringschätzen. Sie gehört zu unserem Menschsein dazu. Sie hilft, Grenzen zu ziehen. Sie zeigt an, was uns wirklich bewegt. Mit der Wut sagen wir Ja oder Nein und hoffen, dass daraus eine heilsame Kraft zu Veränderungen entsteht.

Jesus wurde stinksauer, als er die Zustände am Tempel sah. So nicht!, drückte er mit seiner Zeichenhandlung an den Händlern aus. Vielleicht schoss er mit seinem gewaltigen Wutausbruch nach modernem Geschmack übers Ziel hinaus, doch bleibt der Aufruf an die Hörerinnen und Hörer bestehen: Wo Menschen der Zugang zu Gott – und weiter gedacht zu gleichen Rechten oder Grundgütern – verweigert wird, da braucht es unsere Stimme, die Jesu Protest weiterführt.

Und als es Abend wurde, gingen sie aus der Stadt hinaus. So endet die Geschichte im Tempel. Jesu Wut kennt auch ein Ende. Er zieht sich zurück, lässt sich zur Ruhe kommen, damit seine Wut nicht grenzenlos und zum Selbstzweck wird, bis man sich selbst im Weg steht.

Ähnlich rät der Epheserbrief: Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen. Darin steckt die Einladung, diese Gratwanderung immer wieder auf sich zu nehmen und darauf zu vertrauen, wie es nach einem Wolkenbruch auch die Zeit der Ruhe braucht, damit daraus etwas Gutes wachsen kann.
Bereitgestellt: 04.05.2021    
aktualisiert mit kirchenweb.ch