Gedanken: Wo zwei oder drei versammelt sind… da braucht’s ein Balanceakt.

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Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen (Matthäus 18,20). So einfach brachte Jesus seine grosse Vision von Gemeinschaft auf den Nenner. Jeder, der die Sehnsucht nach Gottes Nähe teilt, ist voll und ganz dabei. Da wird niemand ausgeschlossen. Da gibt es keine Abstufung, keine Rangliste. Das mitten unter ihnen gilt allen gleich.
Matthias Koch,
Wer so einen gemeinsamen Fixpunkt hat, spürt: Ich bin Teil eines grossen Ganzen. Ich bin getragen, auch wenn mir das Durcheinander des Lebens den Boden unter den Füssen wegzieht. Denn wo Menschen eine gemeinsame Vision teilen, da können sie Berge versetzen und stürmische Ozeane überqueren.

Darauf zielt auch das bekannte Zitat von Antoine de Saint-Exupéry ab:„Wenn Du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Menschen zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Menschen die Sehnsucht nach dem weiten endlosen Meer."

Alle für einen, einer für alle, ist ein anderes Motto, dass Menschen zusammenführen will. Es ist der Wahlspruch der drei Musketiere aus dem gleichnamigen Roman von Alexandre Dumas. Es steht übrigens auch in der Kuppel des Bundeshauses. Dort bemühen Politiker*innen zwar oft das Sprichwort, wir müssten alle am gleichen Strang ziehen. Doch die Erfahrung lehrt uns, dass der Balanceakt zwischen Gemeinschafts- und Einzelinteressen oft nicht gelingt. Nicht nur in der Politik, sondern in allen Lebensbereichen, wo Menschen zusammenkommen. Wir verzetteln oder verrennen uns. Wir verlieren das Ziel aus den Augen, stecken viel Energie in eine Nebensache. Oder wir müssen lernen wahrzunehmen, wie das Gegenüber die Dinge ganz anders gewichtet.

Schon in der Kindheit lernen und üben wir, wie das Miteinander in einer Gruppe oder der Familie immer wieder sorgfältig ausbalanciert werden muss. Es braucht ein Gleichgewicht, sonst kippt es in ein Gegeneinander oder stumpfes Nebeneinander. Diese Erfahrung musste ich zum Beispiel als Primarschüler machen, als ich mir in den Kopf setzte, beim jährlichen Grümpelturnier eine Plausch-Mannschaft aufzustellen; obwohl ich vom Fussball nicht viel mehr verstand, als dass das Runde ins Eckige gehört. Eigentlich sollte so ein Freizeitturnier eine lustige Angelegenheit sein. Es endete in einer halben Katastrophe. So kam es mir jedenfalls vor. Denn beim Anpfiff rannten wir alle wie wild verbissen dem Ball hinterher. Jeder wollte am Ball bleiben, vorne dabei sein, ein Tor schiessen, den entscheidenden Schuss zum Sieg beitragen. So machten wir es bei jedem Spiel. Gewonnen haben wir kein einziges Mal. Enttäuscht und erschöpft schlurften wir vom Platz.

Zugegeben: Es braucht im Sport Motivation und vollen Einsatz. Doch es braucht noch mehr: Die Suche nach einem Zusammenspiel, bei dem alle ihren Platz und ihre Rolle finden. Wer ein Schiff bauen will, braucht die Sehnsucht nach dem weiten endlosen Meer. Doch es braucht auch Menschen, die Bäume fällen und Bretter zuschneiden können. Solche, die wissen, wie man den Schiffsrumpf berechnet und die Krümmung formt. Und andere, die Planken abdichten und das Segeltuch korrekt vernähen. Erst dann wird aus der gemeinsamen Sehnsucht ein Schiff und später ein geteiltes Abenteuer.

Diese Erfahrung machten auch die ersten Christen. Sie teilten eine grosse, gemeinsame Vision. Sie waren begeistert und bewegt von Jesus, dessen Leben und Botschaft. Jesus sprengte den Rahmen. Er erzählte von Gottes besonderer Nähe für jene, um die man einen Bogen machte. Er betonte den unschätzbaren Wert jener Menschen, die man abgeschrieben hatte oder die sich selbst für wertlos hielten. Er stellte die übliche Hackordnung auf den Kopf und wehrte sich für Menschen, die andere als unwürdig abstempelten. Gottes Liebe schliesst nun mal niemanden aus.

Vielleicht hat Jesus gerade darum diese einfache Definition von Kirche gegeben: Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen. Da wird niemand ausgeschlossen. Jeder, der diese Vision teilen möchte und Gottes Nähe sucht, ist voll und ganz dabei. Da gibt es keine Abstufung, keine Rangliste. Das mitten unter ihnen gilt allen gleich.

Doch schon früh kam eine zweite, gegenläufige Erfahrung dazu. So sehr Jesus die Kraft hatte, Menschen aus aufgezwungen Rahmen zu befreien, so sehr merkten die ersten Christen, dass es einen Rahmen braucht, damit ihre Gemeinschaft nicht auseinander bricht.

Von diesem Ringen zeugen die Briefe von Paulus. Im 1. Korintherbrief begegnen wir einer Gemeinde, deren Menschen von der wetteifernden Jagd nach spektakulären Glaubenserlebnissen getrieben sind. Sie suchen den Kick und die Bewunderung durch die anderen. Dabei vergessen sie die Gleichwertigkeit in ihrer Verschiedenheit. Darin sucht Paulus den Balanceakt, dass aus dem Gerangel um Bestätigung ein wertschätzendes Miteinander in Vielfalt wird.

Viele Gaben – ein Geist
Die uns zugeteilten Gaben sind verschieden, der Geist jedoch ist derselbe. Die Dienste sind verschieden, der Herr aber ist derselbe. Das Wirken der Kräfte ist verschieden, Gott jedoch ist derselbe, der alles in allen wirkt.
Jedem wird die Offenbarung des Geistes so zuteil, dass es allen zugutekommt. Dem einen nämlich wird durch den Geist die Weisheitsrede gegeben, dem anderen aber die Erkenntnisrede gemäss demselben Geist; einem wird in demselben Geist Glaube gegeben, einem anderen in dem einen Geist die Gabe der Heilung, einem anderen das Wirken von Wunderkräften, wieder einem anderen prophetische Rede und noch einem anderen die Unterscheidung der Geister; dem einen werden verschiedene Arten der Zungenrede gegeben, einem anderen aber die Übersetzung der Zungenrede.
Dies alles aber wirkt ein und derselbe Geist, der jedem auf besondere Weise zuteilt, wie er es will.
(1. Korinther 12,4-11)


Der Balanceakt beginnt mit Anerkennung und Wertschätzung. Es gibt unzählige Gaben, die Menschen in sich tragen. Ganz verschieden können sie sich für die Gemeinschaft einsetzen. Daraus kann so vieles entstehen – geplantes und spontanes, das die Gemeinschaft ebenso bereichert. Hinter all dieser Vielfalt sieht Paulus einen Urheber am Werk: Gott. Einheit entsteht also nicht durch Abwürgen oder Vereinheitlichen der Vielfalt. Sie wächst dort, wo anerkannt und gewürdigt wird, wie breitgefächert Gott in Menschen wirken kann.

Der Balanceakt geht in die 2. Runde: Einbeziehen. Anhand einer Liste verschiedenster Gaben führt Paulus den Gedanken weiter, dass hinter allem ein Urheber steckt und alle Teil dieses grossen Ganzen sind. Vier Gaben fallen mir besonders auf, die man ins Heute übertragen und übersetzen kann.

1. Die seltsame Gabe der Zungenrede ist ein Phänomen, das viele Religionen kennen. Dabei spricht der Betroffene unverständliche Laute aus, als wäre er losgelöst vom Irdischen und ergriffen vom Göttlichen. Neurologisch gesehen hört dabei die Aktivität im Frontallappen des Gehirns praktisch auf, es kommt zur Reduktion der Selbstkontrolle. In der Gemeinde von Korinth galt Zungenrede als besondere Gabe von Gott. Doch sie ist ein Ego-Phänomen. Es schliesst die Umstehenden aus, macht sie zu ahnungslosen Zuhörern. Das erinnert mich daran, dass es in jedem Team auch Individualisten und Einzelkämpfer gibt. Es braucht einen Balanceakt, diese nicht zu verlieren.

2. Darum nennt Paulus als Gegenstück die Übersetzung der Zungenrede, damit diese verständlich wird. Darin kann man im übertragenen Sinne Menschen sehen, die es verstehen, Einzelkämpfer zu integrieren und wieder in die Gruppe hereinzuholen. So bleiben diese nicht unverstanden zurück. „Integratoren“ haben die Gabe in Einzelkämpfern nicht nur Störenfriede zu sehen, sondern auch jene Stärken zu suchen, die in ihnen verborgen sind.

3. Die Gabe der Heilung braucht es, wo der Balanceakt zwischen Einheit und Vielfalt misslingt. Friedensstifter*innen haben den Mut, wunde Punkte anzusprechen – nicht als Vorwurf, sondern um den Schritt der Versöhnung anzustossen. Sie wissen um die Notwendigkeit, dass Wunden Zeit brauchen, damit sie heilen können. Sie schaffen und geben Freiräume dazu.

4. Paulus sieht auch den Glauben als Gabe. Gemeinschaft und besonders die Kirche braucht Menschen, die sie mittragen und mit ihr durch dick und dünn gehen – im Stillen, im Vorder- und Hintergrund, im Gebet, im Verzeihen, im guten Wort, im tatkräftigen Handeln und im Festhalten an der guten Sache. Paulus nennt den Glauben inmitten der „spektakuläreren“ Gaben, weil er erkannt hat, wie wichtig diese Art von Unterstützung für das Miteinander ist. Der Balanceakt kippt, wenn wir vergessen, wozu wir ihn auf uns nehmen und wo wir aufhören, uns gegenseitig daran zu erinnern, zu ermutigen, zu unterstützen. Das lädt ein, sich selbst zu fragen: Was sind meine Gaben und wofür möchte ich sie einsetzen?

Paulus gelingt der Balanceakt, weil er seinen Blick auf das Verbindende richtet. Er erkennt Gott als Ursprung und Geber der Vielfalt des Lebens. Denn die Fülle der verschiedenen Gaben der Menschen spiegelt ihrem Urheber selbst Vielfalt zu. Darin begegnet uns Gott als Freund der Vielfalt – der uns in dieser offenen und freundlichen Gesinnung zur Einheit ruft. Immer wieder.
Bereitgestellt: 16.04.2021    
aktualisiert mit kirchenweb.ch