Das Kreuz liegt quer – Es hält die Frage offen.

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Vater, vergib ihnen! Denn sie wissen nicht, was sie tun. Dieses Gebet von Jesus am Kreuz ist starker Tobak. Er richtet es an Gott. Er bittet nicht für sich, sondern für seine Peiniger, Spötter, Täter und die vielen Schaulustigen. Ruhig und unaufgeregt spricht er diese Worte. Man ist fast versucht zu sagen: Gelassen.
Und da stellt sich in mir etwas quer. Da bin ich überfordert. Kann ein Mensch wirklich so grossmütig vergeben? Darf man überhaupt so vergeben?
Matthias Koch,
Vater, vergib ihnen! Denn sie wissen nicht, was sie tun. Dieses Gebet von Jesus am Kreuz ist starker Tobak. Er richtet es an Gott, den er vertrauensvoll seinen Vater nennt. Er bittet nicht für sich, sondern für seine Peiniger, Spötter, Täter und die vielen Schaulustigen. Ruhig und unaufgeregt spricht er diese Worte. Man ist fast versucht zu sagen: Gelassen.

Und da stellt sich in mir etwas quer. Da bin ich überfordert. Kann ein Mensch wirklich so grossmütig vergeben? Darf man überhaupt so vergeben?

Am Kreuz wird himmelschreiendes Unrecht begangen, die Menschenwürde mit Füssen getreten, wir sind mit sinnloser und massloser Gewalt konfrontiert, die Leben vernichtet, als wäre es nichts wert. Und mit dem Kreuz des Einen ist es ja nicht genug. Da sind noch die Kreuze der vielen anderen, die diesen Weg gehen mussten: Die Verfolgten und Vertriebenen, die Ausgebeuteten und Unterdrückten, die Ausgehungerten und Verzweifelten. Spricht Jesus sein Gebet auch für deren Verfolger und Ausbeuter, Gewalttäter und Unterdrücker? Vater, vergib ihnen! Denn sie wissen nicht, was sie tun. Kommen die so einfach davon?, möchte man protestierend einwenden.

Dieses kurze Gebet am Kreuz taucht nur im Lukasevangelium auf. Selbst dort wurde es in einigen Handschriften weggelassen, weil man diese Vergebung als zu ungeheuerlich empfand (und wohl leider auch aus antijüdischen Motiven, da man die Schuld der Juden hervorheben wollte). Die anderen Evangelien kennen das Gebet hingegen nicht.

Markus überliefert, wie Jesus in seiner Verlassenheit geschrien hat: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Dieser Schrei Jesu ist mir näher und verständlicher – ja, er ist auch Ausdruck meines eigenen Suchens nach Gott in einer leidgeprüften Welt. Dieser Jesus schreit mit denen, die verlassen und im Leid allein gelassen sind. Und er schreit für jene, die verstummt und zum Schweigen gebracht sind. Und er schreit mit mir und für mich in meinen Dunkelstunden. Denn so schreit und betet, wen die Hoffnung verlässt.

So lange wir diesen Schrei Jesu nicht vergessen, so lange werden wir auch an die vielen unterdrückten, verstummten und vergeblichen Schreie jener erinnert, deren Hoffnungen begraben und Leben zerschlagen wurden. Das Kreuz von Golgatha ist unbequem und ungemütlich. Es fordert heraus.

Mitten im ersten Weltkrieg malte der Künstler Ernst Barlach das Bild „Im Jahre des Herrn 1916“. In seiner Zeichnung werden wir auf einen Hügel geführt. Gut sichtbar sind die drei Kreuze von Golgatha: Das Kreuz Jesu zwischen den Kreuzen der Männer, die mit ihm hingerichtet wurden. Die Kreuze haben sich vermehrt. Die ganze Erde ist übersät. Ein Mann tritt an Jesus heran, sein Blick ist ernst – verbittert, vorwurfsvoll, enttäuscht. Fordernd richtet er ihn auf Jesus und – das lässt der Künstler bewusst offen – auch auf uns. Er fordert eine Antwort, eine Reaktion und verweist mit der Hand auf die Kreuze der Welt. Kreuze, soweit das Auge reicht, unüberschaubar reihen sie sich aneinander. Und die da?, schreien uns seine stummen Augen an.

Und Jesus? Der steht gebückt da, die Schultern hochgezogen, die Hände gefaltet und an die Brust gedrückt, die Augen aufgerissen. Entsetzt und nachdenklich schaut er über den Mann hinweg hinein in die Welt. Sein Mund ist geöffnet, als ob er krampfhaft nach Worten sucht, doch nur seufzen und stammeln kann.

Ernst Barlach stellt uns einen Jesus vor, der nicht souverän und erhaben über der Welt thront, sondern mitten in der Welt steht. Einer, der bei den Sprach- und Ratlosen steht, der hinsieht, unsere Ohnmacht ernstnimmt und mit uns aushält. Einer, der sich vor schnellen Antworten hütet und zuhört, weil ihn die Welt nicht kalt lässt. So wie ein guter Freund, den das Schicksal seiner Freunde nicht unberührt lässt: Niemand hat grössere Liebe als wer sein Leben einsetzt für seine Freunde. (Joh 15,13). So deutet das Johannesevangelium das Kreuz Jesu. Das Lukasevangelium geht mit dem Gebet Jesu weiter. Es bleibt nicht bei den Freunden, den freundlich Gesinnten, stehen: Vater, vergib ihnen! Denn sie wissen nicht, was sie tun. Diese Bitte ist schwere Kost, weil sie die Schinder und Schlächter einschliesst. Er bittet um Vergebung für die Verantwortlichen der vielen Kreuze, deren Opfer keine Chance hatten. Darf man so vergeben?

Einer, der dagegen protestierte, war der jüdisch-französische Philosoph Vladimir Jankélévitch, der im zweiten Weltkrieg in den Widerstand ging. Mit Blick auf den Holocaust will er die Worte Jesu auf den Kopf stellen: „Herr, vergib ihnen nicht, denn sie wissen, was sie tun.“ Mit Auschwitz ist für ihn die Geschichte des Pardons zu Ende gegangen. Die Vernichtung der Juden war kein Irrtum, kein Unglücksfall und keine Kriegsfolge unter anderen. Sie war ein gezielter Vernichtungswille. Wer Vernichtungslager so akribisch plant, baut und betreibt, der weiss genau, was er tut. Ebenso wissen es die Plantagenbesitzer und Fabrikanten, die Kinderhände für sich schuften lassen, oder die Menschenhändler und Schlepper, die Menschen zur Ware degradieren.

Vater, vergib ihnen! Denn sie wissen nicht, was sie tun. Nein, bei solchen Geschichten fällt mir das Vergeben schwer. Sorry. Die darf man doch nicht einfach so davon kommen lassen. Das wäre zu viel verlangt. Eine Überforderung. Eine Sackgasse.

Welche Auswege eröffnen sich angesichts meines Unbehagens? Jesu Worte am Kreuz kann und will ich nicht beiseiteschieben, sie sind mir zu wichtig. Ebenso wenig möchte ich meine Bedenken übertünchen, als gäbe es sie nicht. Vergebung gelingt nur, wo ich es ehrlich meine.

Einen beeindruckenden Ausweg fand Eva Mozes Kor, die mit ihrer Zwillingsschwester die grausamen Experimente in Auschwitz überlebte. Sie hat ihren Peinigern verziehen. Angefangen hatte es 1993 mit einer Deutschlandreise. Nervös stand sie vor der Tür des ehemaligen SS-Arztes Hans Münch. Kor hatte ein Monster gesucht und einen Menschen gefunden, der mit seiner Schuld kämpfte, Albträume und Depressionen hatte. Später vergab sie sogar Josef Mengele. Sie erzählt: „Ich schrieb eine Liste mit Beleidigungen und Beschimpfungen. ›Und trotz allem, was du mir an-getan hast‹, flüsterte ich, ›sollst du wissen, dass ich dir vergebe.‹ Diese Vorstellung, dass ich irgend wie die Oberhand über Mengele gewinne, war eine unglaubliche Erfahrung für mich. Ich war nicht mehr das Opfer, passiv und hilflos, sondern die handelnde Person. Das erzeugte in mir ein Gefühl der Stärke. Ich merkte, dass Vergebung befreit – und zwar nicht den Täter, sondern das Opfer.“

Jankélévitch fand seinen Ausweg im Ressentiment. Hass und Rache sind kein gangbarer Weg, auch kleine Feindseligkeiten bringen niemanden weiter. Es bleibt nur ein einziges Mittel: Sich erinnern. Da, wo man nichts „tun“ kann, kann man wenigstens verspüren (franz. ressentir), unerschöpflich. In diesem Ressentiment steckt kein Groll, sondern Entsetzen. Darüber, was geschehen ist. Entsetzen über die Täter, die Willenlosen, die geschwiegen haben, die Gleichgültigen, die bereits vergessen haben. Auschwitz, das Kreuz von Golgatha und die vielen anderen Kreuze müssen entsetzlich und unbegreiflich bleiben – nur so kann der Neuanfang gelingen.

Ernst Barlach schliesslich versöhnte sich mit den vielen Kreuzen der Welt, indem er von Karfreitag nach Ostern schritt. Er schaffte den Spagat zwischen Vergebung und Ressentiment, weil er über den Horizont schaute und sich an der Verheissung von Ostern festhielt: „Ich bin sicher, dass in allem ein Geheimnis steckt, das seinen Sinn im Ewigen und Jenseitigen vom Nurmenschlichen hat.“

An Ostern gibt Gott nicht nur ein Weiter, sondern auch ein Doch noch. Jesus wurde an Ostern nicht nur zum Leben auferweckt, damit seine Sache weiter geht. Er wurde doch noch ins Recht gesetzt, damit seine Henker und Spötter nicht die Oberhand behielten. Sein verzweifeltes Gebet in der Verlassenheit wurde doch noch gehört, weil Ostern davon handelt, wie tief ein Mensch fallen kann – doch Gottes Hand fängt ihn auf. Die Bitte um Vergebung wurde doch noch erfüllt, auch gegen meinen Protest, weil der am Kreuz vergeben kann. Für viele Menschen geht es weiter, muss es weiter gehen trotz der vielen Kreuze an den Wegrändern der Welt und den eigenen Narben.
Ostern lässt mich auf ein Doch noch hoffen. Diese Hoffnung hilft mir, den durchdringenden Blick von Ernst Barlachs Kerl auszuhalten und ihm nicht beschwichtigend auszuweichen, weil er auf der offen gebliebenen Frage beharrt: Und die da?


Ostersegen


Der weggerollte Stein werde auch zu deiner Erfahrung,
weil Gott trotz allem ein Weiter kennt.

Das leere Grab werde auch dir zum Zeichen,
wie Gott aus Schlusspunkten doch noch ein Komma macht.

Die Freude der Auferstehung ergreife auch dich,
dass du aufstehen und Schritte wagen kannst.

Das Licht von Ostern lasse dich das Leben,
dein eigenes und das fremde,
die hellen, wie die dunklen Stellen,
in einem neuen, versöhnten Licht sehen.

Amen.


Bereitgestellt: 03.04.2021    
aktualisiert mit kirchenweb.ch