Guter Gedanke: Was steht ihr da und seht gen Himmel?

Dachstuhl Kathedrale Mexico Ciudad<div class='url' style='display:none;'>/kg/neuhausen/</div><div class='dom' style='display:none;'>ref-sh.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>2537</div><div class='bid' style='display:none;'>60133</div><div class='usr' style='display:none;'>1067</div>

Wir alle haben schon Luftschlösser gebaut, sind in Gedanken versunken und haben Löcher in die Luft gestarrt. Da brauchen wir manchmal einen Anstoss von aussen, um wieder Fuss zu fassen und Schritte zu wagen.
Matthias Koch,
Wir alle haben schon Luftschlösser gebaut und sind in Gedanken der einen oder anderen Träumerei nachgehangen. Wer Luftschlösser baut, malt sich in der Fantasie die tollsten Sachen aus, und geht darin einem grossen Wunsch oder Traum nach. Die Redensart lässt sich bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen. Dahinter steckte die Vorstellung, wie sich ein Mensch vom hektischen Tagesbetrieb auf den Dachboden zurückzog, um dort oben ungestört nachzudenken. In der Höhe des Dachbodens wurde der Kopf ausgelüftet und die Ideen konnten frei fliessen. Selbst über Neues oder verrückte Dinge – wie ein Schloss bauen – durfte man nachdenken; frei von der Angst, was andere denken und davon halten.

Ich brauche diese Luftschlösser, die ich in Gedanken baue. Sie sind bei weitem keine kindische Flucht aus der Realität, die man unterdrücken sollte, weil man doch nur enttäuscht wird. Nein, solche Luftschlösser geben mir Schwung und Freiheit. Da darf ich meinen inneren Kritiker zum Schweigen bringen, der mich blockieren kann, weil ich zu streng mit mir umgehe. Da lasse ich zu, dass meine Fantasie das Steuer übernimmt. Vielleicht ist das eine oder andere eine Spinnerei oder völlig unmöglich. Doch lehrte mich die Lebenserfahrung, wie aus Luftschlössern auch neue Ideen, Veränderungsmöglichkeiten und Chancen entstehen, die ich mit meinen Mitteln und Möglichkeiten anpacken kann. Manch Luftschloss stand am Anfang eines Vorhabens. Schritte fallen leichter mit einer Vision vor Augen; selbst wenn ich bei Luftschlössern hinnehmen lernen muss, grosse Abstriche zu machen. Da kann ich auch enttäuscht werden. Andererseits tut es der Seele manchmal einfach nur gut, wenn sie wenigstens in Gedanken zu den Sternen greifen kann. So eine Gedankenreise hilft mir, neue Horizonte kennenzulernen, mich in ein Gegenüber hineinzuversetzen und mit Unabänderlichem umzugehen – weil ich darin Alternativen erkunde.

Mitunter gehen wir so sehr unseren Luftschlössern nach, dass wir regelrecht Löcher in die Luft starren. Der Blick schweift in unbestimmte Ferne ab, wir klinken uns aus und sind mit den Gedanken an einem ganz anderen Ort. Für ein Gegenüber wirkt dieses Abschweifen befremdlich. Es kommt gelangweilt und unkonzentriert rüber. Das mag gelegentlich zutreffen, doch ebenso gilt, wer Löcher in die Luft starrt, kann sich besser konzentrieren. Der abwesende Blick in die Ferne hilft dem menschlichen Gehirn beim Nachdenken. Eine Studie der Universität Stirling zeigte: Schulkinder lösten schwierige Aufgaben viel besser, wenn ihre Blicke in die Ferne abschweiften, als wenn sie ein Gegenüber anschauten. Der gleiche Effekt gilt für Erwachsene. Wenn also das nächste Mal mein Gegenüber Löcher in die Luft starrt, muss ich mich nicht ärgern, dass sich dieses gelangweilt abwendet. Ich darf daraus auch schliessen, dass es in tiefes Grübeln versunken ist. Vielleicht baut es sogar ein Luftschloss mit einem Gedanken, den ich ihm zuvor gegeben habe.

Soweit so gut, doch was haben Luftschlösser und in die Luft gestarrte Löcher mit Auffahrt zu tun? Oder ist es einfach ein schöner Gedanke zum verlängerten Wochenende? Nicht ganz.

Die Geschichte von Christi Himmelfahrt steht erst einmal quer zu unserem modernen Weltbild, wo die Menschheit immer weiter ins All vordringt. Sie mutet seltsam an. Vielleicht verstehen wir die Szene besser, wenn wir uns darin weniger mit dem Geschehen oben am Himmel beschäftigen, und uns mehr den Menschen unten auf dem Boden zuwenden – da, wo ja auch wir stehen. Da begegnen wir Jüngerinnen und Jüngern Jesu, die mit ihrer Sicht auf das Reich Gottes ihr eigenes Luftschloss bauen und sich darin völlig verfranzen. Sie starren regelrecht Löcher in den Himmel und brauchen einen Anstoss von aussen, um wieder Fuss zu fassen und Schritte zu wagen.

Christi Himmelfahrt (Apostelgeschichte 1,6-11)
Die nun zusammengekommen waren, fragten Jesus: Herr, wirst du in dieser Zeit wieder aufrichten das Reich für Israel? Er sprach aber zu ihnen: Es gebührt euch nicht, Zeit oder Stunde zu wissen, die der Vater in seiner Macht bestimmt hat; aber ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde. Und als er das gesagt hatte, wurde er vor ihren Augen emporgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf, weg vor ihren Augen. Als sie ihm nachsahen, wie er gen Himmel fuhr, siehe, da standen bei ihnen zwei Männer in weißen Gewändern.
Die sagten: Was steht ihr da und seht gen Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg gen Himmel aufgenommen wurde, wird so wiederkommen, wie ihr ihn habt gen Himmel fahren sehen.


Was steht ihr da und seht gen Himmel? – Diesen Anstoss brauchten die verunsicherten Jünger und Jüngerinnen, um ihren Blick vom Himmel, wo sie ihr fernes Luftschloss suchten, wieder zurück auf die Erde zu lenken. Das Reich Gottes ist bei Jesus keine Vertröstung auf ein unbestimmtes Später. Bereits im Hier und Jetzt, im Leben will es Gestalt annehmen, Hoffnung geben und unseren Umgang miteinander prägen und verändern. Das greifbare Wunder an Auffahrt ist nicht ein wie eine Rakete zum Himmel fahrender Mensch, sondern die von Jesus begonnene Gemeinschaft, die ins Leben hinein wirkt, die begeistert, inspiriert und weitergegeben werden will.
Der Evangelist Matthäus weiss übrigens nichts von einer Himmelfahrt, er lässt sein Evangelium mit der Zusage Jesu enden: Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. Für mich ein Hin weis, dass das Reich Gottes kein Luftschloss ist, dem ich nur abwartend entgegen blicken kann. Seinen Spuren begegne ich schon jetzt – und nicht nur das: Es lädt mich ein, daran mitzubauen.

Was steht ihr da und seht gen Himmel? – Die Jüngerinnen und Jünger blickten Jesus nach und starrten Löcher in die Luft. Noch trauten sie sich nicht zu, die Sache Jesu weiterzuleben. Erst der Anstoss von aussen holte sie ins Leben zurück, machte ihnen Mut, trotz allen Fragezeichen eigene Schritte zu gehen. Der Gründer von Taizé, Frère Roger, hatte dieses Wagnis einmal so beschrieben: Lebe das, was du vom Evangelium verstanden hast. Und wenn es noch so wenig ist. Aber lebe es.

Was steht ihr da und seht gen Himmel? – So einen Anstoss von aussen brauche auch ich, wenn ich mich in Gedanken verliere. Es geht nicht darum, Luftschlösser niederzureissen, ihnen die Berechtigung abzusprechen, das Träumen zu verbieten. Das wäre falsch. Doch ein wohlwollender Anstoss von aussen hilft mir, meinen Luftschlössern den rechten Ort zu geben. Manchen Traum muss ich so vielleicht loslassen oder anders träumen. Vieles darf ich jedoch anpacken und mich durch einen Anstoss ermutigen lassen, dass davon umzusetzen und zu leben, was mir möglich ist.

Segensgebet: Herr, gib mir Mut zum Brückenbauen.
Ich möchte nicht zum Mond gelangen,
jedoch zu meines Feindes Tür.
Ich möchte keinen Streit anfangen;
ob Frieden wird, das liegt an mir.

Herr, gib mir Mut zum Brückenbauen.
Gib mir den Mut zum ersten Schritt.
Lass mich auf deine Brücken trauen,
und wenn ich gehe, geh du mit.
(Kurt Rommel, 1963; Reformiertes Gesangbuch Nr.829, Strophe 4-5) 


Dastehen und in den Himmel schauen,

Luftschlosser bauen,
Tagträumen nachgehen,
Löcher in die Luft starren
und meiner Fantasie freien Lauf lassen,
bis aus Wolken Tiere werden,
die den Horizont durchziehen.
Das brauche ich.

Dastehen und in den Himmel schauen,

Fragen zulassen,
die sonst niemand stellt,
Antworten probieren,
die andere kopfschüttelnd verwerfen,
Möglichkeiten entdecken
und mir neue Horizonte schenken lassen.
Das brauche ich.

Dastehen und in den Himmel schauen,
Offen werden für die Hoffnung
fürs suchende Vertrauen,
da steckt mehr dahinter.
Einer, der mich liebevoll anstupst,
wenn ich mich darin verliere:
Was stehst du da und siehst gen Himmel?
Auch den brauche ich.

Matthias Koch
Bereitgestellt: 21.05.2020    
aktualisiert mit kirchenweb.ch