Guter Gedanke fürs Wochenende - Sonntagsgruss 17. Mai - zum Sonntag "Rogate"

Beten<div class='url' style='display:none;'>/kg/neuhausen/</div><div class='dom' style='display:none;'>ref-sh.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>2922</div><div class='bid' style='display:none;'>60112</div><div class='usr' style='display:none;'>1008</div>

In der kirchlichen Tradition trägt der Sonntag den wunderschönen Namen «Rogate», also «Betet» oder auch «Bittet». Der Name des Sonntags leitet sich her von Psalm 95, wo der Beter bekennt:




«Kommt herzu, lasst uns dem HERRN frohlocken und jauchzen dem Hort unsres Heils! Lasst uns mit Danken vor sein Angesicht kommen und mit Psalmen ihm jauchzen! Denn der HERR ist ein großer Gott und ein großer König über alle Götter. Kommt, lasst uns anbeten und knien und niederfallen vor dem HERRN, der uns gemacht hat.»

Zwei Zitate von Dietrich Bonhoeffer zum Gebet

Die Kraft des Menschen ist das Gebet. Beten ist Atemholen aus Gott; beten heißt sich Gott anvertrauen.
Das rechte Gebet ist nicht ein Werk, eine Übung, eine fromme Haltung, sondern es ist die Bitte des Kindes zum Herzen des Vaters.

Gedanken

Beten heisst stillwerden. immer wieder wird in den Evangelien berichtet, wie Jesus die Stille sucht um zu beten. Wie er sich zurückzieht, weg von den Menschen und seinen Freunden, um in der Stille die Gegenwart Gottes zu suchen. Manchmal ist es vor Ereignissen, die sein Leben entscheidend verändern wie am Tag vor der Kreuzigung, als sich Jesus in den Garten Gethsemane zurückzieht und zu Gott betet: «Vater, wenn es möglich ist, lass diesen Kelch an mir vorüberziehen. Doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe.»

Oft ist es nach so genannten Grossereignissen wie etwa der Speisung der 5.000 Menschen am See Genezareth. Als er die Menge gespeist und auch die Jünger fortgeschickt hat, stieg er, so lesen wir es bei Matthäus, auf einen Berg, um in der Einsamkeit zu beten. Spät am Abend war er immer noch auf dem Berg. (Mt 14,23) Oder der Evangelist Lukas (5,16) berichtet, dass Jesus sich nach der Heilung eines Aussätzigen – auch eine besondere Situation – an einen einsamen Ort zurückzieht um zu beten.

Nachdem Jesus die Menschen am See Genezareth gespeist hat, zieht er sich zum Gebet zurück. Wäre dies nicht auch eine Überlegung für uns wert: am Ende des Tages sich im Gebet zu sammeln und vor Gott zu bringen, wie viel Arbeit und auch wie viel Freude der Tag mit sich gebracht hat.

Denken wir an die Menschen unter uns, die einen harten Arbeitstag hinter sich haben: bevor er zu Hause weitergeht, innehalten. Vor Gott bringen, was mich bewegt, was mich gefreut, aber auch was mir Sorgen gemacht hat. Im Gebet zur Ruhe kommen. Musse finden. Und dann, wenn ich sozusagen im Reinen bin, dann schauen, was zuhause dran ist.

Ein solches Beten, das ja auch eine Lebenshaltung ist, will geübt werden. Es will gelernt sein. Beten ist das Handwerk des Christen. Jeder Handwerker lernt lange für seinen Beruf. Jeder Handwerker lernt sein Leben lang. Wie hatte es Martin Luther in seiner deutlichen Sprache formuliert: «Wie ein Schuster einen Schuh macht und ein Schneider einen Rock, also soll der Christ beten. Eines Christen Handwerk ist beten!»

Und weil in gleicher Weise das Christsein ein lebenslanges Lernen ist, ist auch das Beten ein im-merwährender Lernprozess. Sören Kierkegaard, dieser grosse Theologe und Philosoph des 19. Jahrhunderts, der nur 42 Jahre alt wurde, schreibt „Über das Gebet“:

Als mein Gebet immer andächtiger und stiller wurde,
da hatte ich immer weniger und weniger zu sagen.
Zuletzt wurde ich ganz still.
Ich wurde, was womöglich noch ein größerer
Gegensatz zum Reden ist, ich wurde ein Hörer.
Ich meinte erst Beten sei Reden.
Ich lernte aber, dass Beten nicht nur Schweigen ist,
sondern Hören. So ist es:
Beten heisst nicht sich selbst reden hören,
beten heisst still werden und still sein und warten,
bis der Betende Gott hört.


„Beten ist das Atemholen der Seele.“ So hat es einmal John Henry Newman (1801 - 1890) gesagt. John Henry Newman war englischer Theologe, anglikanischer Pfarrer, später katholischer Kardinal. Beten ist das Atemholen der Seele. Wer betet, bringt das vor Gott, was ihr oder ihm auf der Seele liegt. Oder auf dem Herzen. Er bringt es vor Gott, indem er still wird und wartet, dass der Betende Gott hört. John Henry Newman hat sehr bewusst den Begriff des Atems verwendet: das Atemholen der Seele. Erst der Atem Gottes macht uns Menschen zu dem, was wir sind. Ohne den Atem Gottes gäbe es uns Menschen – biblisch gesprochen – nicht. Der Atem Gottes stiftet Leben. Erst der Atem Gottes ermöglicht Leben.

Wer sich einen Geburtsvorgang vor Augen führt, kann dem doch eigentlich nur zustimmen. Erst wenn das neugeborene Kind selbständig atmet, erst wenn es schreit, weil sich zum ersten Mal die Lungen mit Sauerstoff füllen, ist das Leben gänzlich da. Und uns wird durch das Geschrei das ganze Geschenk des Lebens bewusst. Das waren für mich als werdender Vater die intensivsten Erfahrungen: wenn die Kinder selbständig angefangen haben zu atmen. Das sichtbare Zeichen des neu geborenen Lebens. Wir verdanken unser Leben Gott, der auch uns beseelt, der uns atmen lässt.

Beten ist das Atemholen der Seele. Wie viele Menschen vergessen oder verdrängen das in unseren Tagen – oder haben wir es in den zurückliegenden Wochen wieder gelernt? Vor Corona galt: Noch nie in der Geschichte der Menschheit hat es so viele Menschen gegeben, die wie atem- und seelenlos durch ihr Leben gehetzt sind – immer dem vermeintlichen Glück und Wohlstand hinterher-jagend. Doch nie hat es so viele Menschen gehabt, die unter Depressionen leiden, die Hörstürze haben, deren Tinnitus Kapriolen im Ohr schlägt, die beruflich aussetzen müssen, weil sie ausgebrannt sind: burn out. Vielleicht auch, weil sie die Pflege ihrer Seele vergessen haben? Weil sie vergessen haben, wie wichtig es ist, dass auch die Seele Atem holen darf und Atem holen muss? Weil wir vergessen haben, wie wichtig letztlich für den Menschen das Gebet ist? Dieses Atemholen der Seele, dieses Innehalten vor Gott? Haben wir es in den letzten Wochen wieder gelernt? Dass wir auch auf unser Inneres zu hören haben? Dass wir eine Seele haben, der wir Zeit geben dürfen?

Der Apostel Paulus kennt diese Fragestellungen, diese Unsicherheiten. Er selbst war rast- und ruhelos. Und in solchen ruhelosen und unruhigen, in solchen zweifelnden und fragenden Zeiten hat er auf das Wirken des Heiligen Geistes vertraut. Er kennt diese Durststrecken! Hätte er sonst schreiben können: „Manchmal wissen wir nicht, worum wir in rechter Weise beten sollen; doch der Geist Gottes selbst tritt in unserer Schwachheit für uns ein mit einem Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können!“ Paulus kennt diese Ruhelosigkeit, dieses Umher-Getrieben werden; dieses immer Beschäftigt-Sein, immer Erreichbar-Sein, dieses Nie-Abschalten-Dürfen und auch er wünscht sich diese Lebenszeiten, in denen die Seele Atem holen darf.

Wir erinnern uns: Jesus zog sich zurück, um zu beten. Er hat alles stehen und liegen las-sen, um in der Ruhe, in der Stille mit seinem Vater im Gebet sprechen zu können – um vor allem, hören zu können, was sein Vater ihm sagt. Um dann gestärkt sich wieder den Menschen zuwenden zu können. Von diesem Leben aus dem Gebet, von diesem Leben aus der Hoffnung singt das nächste Lied und es führt uns zugleich zu weiteren Aspekten des Gebets. Denn vier Grundanliegen kennt das Gebet: zum einen das Lob Gottes. Das Lob Gottes darüber, was er uns Gutes tut. Dann der Dank. Der Dank für die tägliche Mahlzeit und dafür, dass wir heute hier in Frieden leben und für Frieden beten in den Kriegsregionen dieser Welt. Als drittes der Lobpreis. Das Preisen Gottes für die vielen Erfahrungen, die mein Leben bereichern. Und die Bitte. Die Fürbitte. Oft das Einzige, das wir für andere Menschen tun können.

Die Kennzeichen der ersten Christengemeinden sind zugleich die Wesensmerkmale des christli-chen Glaubens bis heute. In der Apostelgeschichte lesen wir: „Die ersten Christen hielten fest an der Lehre der Apostel, an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und an den Gebeten.“
Der Apostel Paulus präzisiert diese Wesensmerkmale des christlichen Glaubens, indem er im Römerbrief (Kap 12 i.A.) schreibt: „Ich bitte euch nun, liebe Brüder und Schwestern, bei der Barmherzigkeit Gottes: Bringt euren Leib dar als lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Opfer - dies sei euer vernünftiger Gottesdienst! Fügt euch nicht ins Schema dieser Welt, sondern verwandelt euch durch die Erneuerung eures Sinnes, dass ihr zu prüfen vermögt, was der Wille Gottes ist: das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene…“ Und was Paulus damit meint und worin er diesen Gottesdienst im Alltag sieht, sagt er mit den folgenden Worten:

„Die Liebe sei ohne Heuchelei! Das Böse wollen wir verabscheuen, dem Guten hangen wir an. In geschwisterlicher Liebe sind wir einander zugetan, in gegenseitiger Achtung kommen wir einander zuvor. In der Hingabe zögern wir nicht, im Geist brennen wir, dem Herrn dienen wir. In der Hoffnung freuen wir uns, in der Bedrängnis üben wir Geduld, am Gebet halten wir fest. Segnet, die euch verfolgen, segnet sie und verflucht sie nicht! Freuen wollen wir uns mit den Fröhlichen und weinen mit den Weinenden. Seid allen gegenüber gleich gesinnt; richtet euren Sinn nicht auf Hohes, seid vielmehr den Geringen zugetan.“

Es ist der Theologe Dietrich Bonhoeffer gewesen, der unter Aufnahme dieser Gedanke des Apostel Paulus gesagt hat: „Unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen. Alles Denken, Reden und Organisieren in den Dingen des Christentums muss neu geboren werden aus diesem Beten und diesem Tun.“

Natürlich stehen wir heute vor anderen Veränderungen und Herausforderungen als Paulus und Bonhoeffer zu je ihrer Zeit. Aber sowohl an dem, was Bonhoeffer sagt, als auch an dem, was Paulus für seine Zeit gesagt hat, ist doch viel Wahres dran. Neben dem Abendmahl, also dem Brechen des Brots, und dem Pflegen der Gemeinschaft ist das Gebet das uns allen als Christen Gemeinsame. Und es gibt keine bessere Anleitung zum verantwortlichen Handeln, zum Tun des Guten, als das Gebet, das für den notleidenden Mitmenschen betet.

Wir erleben doch in diesen Tagen, dass uns wie oft die Hände gebunden sind, wenn wir auf unser Leben und auf das Geschick der Welt schauen. Es ist richtig: das Gebet ersetzt keine Tat. Aber es ist eine Tat, die durch nichts zu ersetzen ist. Und dort, wo uns die Hände so gebunden sind, dass wir nichts tun können, bleibt uns nur das Gebet. Als Zeichen der Hilfe und der Solidarität. Als Zeichen eines echten Mitleidens und als Ausdruck dafür, dass wir Gott dort um sein Eingreifen und seine Hilfe bitten, wo unsere Hände gebunden sind, wo wir eben nichts anderes tun können als zu beten.

Gebet

Jesus Christus, einst sind deine Freundinnen und Freunde zu dir gekommen und haben verlangt: Herr, lehre uns beten. So sprechen denn auch wir: Herr, lehre uns beten. Lehre mich einsehen, dass ohne Gebet mein Inneres verkümmert und mein Leben Halt und Kraft verliert. Bei dir steht es, mir die innere Fülle des Gebetes zu gewähren, und ich bitte dich, gib sie mir zur rechten Zeit.

Segen

Gott gebe Dir
für jeden Sturm einen Regenbogen,
für jede Träne ein Lachen,
für jede Sorge eine Aussicht,
und eine Hilfe in jeder Schwierigkeit,
für jedes Problem, das das Leben schickt, einen Freund, es zu teilen,
für jeden Seufzer ein schönes Lied
und eine Antwort auf jedes Gebet.

Herzliche Grüsse Pfr. Wolfram Kötter
Gedanken zum 17.5.20
2 Bilder
2 Bilder
Bereitgestellt: 15.05.2020    
aktualisiert mit kirchenweb.ch