Gedanke: Der Weg der Dankbarkeit

Lastesel<div class='url' style='display:none;'>/kg/neuhausen/</div><div class='dom' style='display:none;'>ref-sh.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>2922</div><div class='bid' style='display:none;'>60041</div><div class='usr' style='display:none;'>1008</div>

Einer trage des Andern Last, hatte uns der Pfarrer damals im Religions unter richt erklärt. Dieses geflügelte Wort aus der Bibel musste uns Primarschülern mächtig Eindruck gemacht haben, nach Schulschluss setzten wir es gleich in die Tat um – auf unsere Art. Lachend bürdeten wir auf dem Heimweg einander gegenseitig die Rucksäcke, Turnbeutel und Theks auf. Manch einer wurde regelrecht darunter begraben, weil ihn alle gleichzeitig aufforderten: Einer trage des Andern Last. Vollbeladen mit Schultaschen schritt der frisch erkorene Packesel weiter. Es endete nach wenigen Metern mit einem Rumpeln, auf dem Boden verstreuten Taschen, viel Gelächter und einem neuen Lastesel. Das Spiel ging von vorne los.
Einer trage des Andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen (Galater 6,2). So wie wir als Schüler den Packesel spielten, waren diese Worte wohl nicht gemeint. Und doch entdecke ich in unserem Spiel ein Fünkchen Wahrheit. Denn „Packesel-Spiele“ finden noch heute statt – und oft genug wird daraus Ernst. Da laden wir uns gegenseitig das eine oder andere Päckli auf: Aufgaben und Anforderungen, denen man genügen muss und nicht immer kann. Manchmal rumpelt es dann eben, weil zu viel aufgeladen wurde. Zu viel an Aufgaben und Erwartungen oder an Sorgen und bitteren Pillen, die es zu schlucken gilt. Und manchmal bemerken es die anderen nicht einmal.

So ging es auch jener Mutter, die erschöpft erzählte, dass sie sich wie ein Packesel fühlt. Alle erwarten dieses und jenes von ihr: Von A wie Abholdienst bis Z wie Zuhörerin für alle Fälle. Alles werde für selbstverständlich genommen, als sähen die anderen sie und ihre Mühen gar nicht. Darum mag sie fast nicht mehr – wie ein Packesel, dem ständig mehr und mehr aufgebürdet wird.

Am Sonntag ist Muttertag. So einen Tag braucht es nach wie vor und wiederkehrend. Denn er will eine Sehhilfe sein, um unseren Blick zu schärfen für all die grossen und kleinen Aufgaben, die eine Mutter einfach so macht, oft im Stillen. Ein Tag des anerkennenden Hinschauens. Ein Tag des Dankens. Ein Tag im Jahr, der hoffentlich auch auf die anderen 364
(bzw. 365) Auswirkungen hat.

Einer trage des Andern Last. Dankbarkeit hilft beim Tragen. Sie beginnt mit dem Sehen. Sehe ich, was für mich getan wird? Bin ich mir bewusst, wer welche Lasten zu tragen und welche Aufgaben zu erfüllen hat? Da haben wir manchmal einen blinden Fleck. „Ach, die macht das ja gerne“, denken wir uns. Oder: „Das ist für den ja nur eine Kleinigkeit, ein Klacks“. Besonders die unscheinbaren und selbstverständlichen Dinge machen uns anfällig für diesen blinden Fleck, der oft unbewusst übersieht, was an Lasten herumgeschleppt wird. Da brauchen wir eine Sehhilfe, die uns besser hinschauen lässt. Einen Anstupser, der uns den Weg der Dankbarkeit beschreiten lässt.

Der erste Schritt der Dankbarkeit ist also das Sehen, was das Gegenüber für mich macht. Da darf man für einmal sogar ohne schlechtes Gewissen Erbsen zählen, damit auch die vielen unscheinbaren Dinge nicht vergessen gehen. Je achtsamer ich hinschaue und mir Zeit dafür nehme, desto mehr fallen diese Kleinigkeiten und Selbstverständlichkeiten ins Auge. Wer so Erbsen zählt, entdeckt: Hinter allen Selbstverständlichkeiten steckt nicht etwa ein selbstverständlicher, sondern ein einzigartiger Mensch, der bisweilen auch sein Bürdeli zu tragen hat – manchmal fast unsichtbar. Einer trage des Andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.

Was beim Sehen beginnt, möchte zu einem Gehen werden. Dankbarkeit kann bewegen und in Bewegung setzen. Von Jesus ist eine Episode überliefert, wie einer die Mühe und den Weg auf sich nimmt und umkehrt, sich zu bedanken.

Der dankbare Samaritaner (nach Lukas 17,11-19)
Es begab sich, als Jesus nach Jerusalem wanderte, dass er durch das Gebiet zwischen Samarien und Galiläa zog. Als er in ein Dorf kam, begegneten ihm zehn an Aussatz erkrankten Männer; die standen von ferne und erhoben ihre Stimme und sprachen: Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser! Und da er sie sah, sprach er zu ihnen: Geht hin und zeigt euch den Priestern! Und es geschah, als sie hingingen, da wurden sie rein.
Einer aber unter ihnen, als er sah, dass er gesund geworden war, kehrte er um und pries Gott mit lauter Stimme und fiel nieder auf sein Angesicht zu Jesu Füßen und dankte ihm. Und das war ein Samaritaner. Jesus aber antwortete und sprach: Sind nicht die zehn rein geworden? Wo sind aber die neun? Hat sich sonst keiner gefunden, der wieder umkehrte, um Gott die Ehre zu geben, als nur dieser Fremde? Und er sprach zu ihm: Steh auf, geh hin; dein Glaube hat dir geholfen.


Da kehrte einer um, ging hin und bedankte sich. Ausgerechnet und nur jener, der damals als Fremder und Aussenseiter galt, mit dem hatte niemand gerechnet. Ehrliche Dankbarkeit kann vieles, eines jedoch nicht: Rechnen. Sie ist darum auch mehr als nur ein Wort, mehr als ein schnelles Merci, das leicht dahingesagt ist aus höflicher Bequemlichkeit. Dankbarkeit kostet, sie muss es mir wert sein. Beim Geheilten war es der Rückweg, den er auf sich nehmen musste, und der Verzicht aufs Nachrechnen, ob es ihm nützt, wenn er sich bedankt. Blieb doch der „Ertrag“ für ihn derselbe; denn auch die anderen neun, die den Weg der Dankbarkeit nicht beschritten, waren von ihrem Leiden geheilt. Endet die Geschichte mit dem Verdacht: Undank ist der Welt Lohn?

Ich glaube nicht. Denn ich bin ich überzeugt, dass sich für den dankbaren Samaritaner durchaus etwas verändert hat. Der Weg, den er auf sich nahm, um sich zu bedanken, war nicht umsonst. Er hatte in seiner Dankbarkeit etwas erfahren, von dem Jesus sagen konnte: Dein Glaube hat dir geholfen. Der Samaritaner wurde nicht einfach nur körperlich gesund, sondern erhielt in seiner Dankbarkeit einen neuen, vertrauenden Blick auf seine Wirklichkeit. Dieser schenkte ihm die Erfahrung, wie er Teil eines grösseren Ganzen ist; Teil dessen, was Jesus das Reich Gottes nannte. Das ist bei Jesus keine ferne Grösse und nichts Abstraktes, sondern etwas, das ganz nah, mitten unter uns beginnt.

Vielleicht ist es besonders die Dankbarkeit, die wir empfinden und weitergeben, die dieses Reich Gottes im Alltag spürbar und erfahrbar macht. Denn wer den Weg der Dankbarkeit geht, nimmt in den Menschen mehr als nur das Augenscheinliche wahr. Der wagt es, an der Oberfläche des Selbstverständlichen zu kratzen und ist offen für das Staunen, in das uns die Dankbarkeit einlädt.

Einer trage des Andern Last. So unbeschwert, wie wir damals als Schulkinder den Heimweg antraten, gelingt der Weg der Dankbarkeit nicht immer. Denn Dankbarkeit verlangt manchmal vollen Einsatz, kostet Mühe und kann uns enttäuscht zurücklassen. Diese Erfahrung wird niemandem erspart. Das „Undank ist der Welt Lohn“ schleicht sich als Befürchtung immer wieder ein, zieht mich runter und lähmt mich. Mal sehe ich mich als dessen Opfer, weil ich mich nach einem dankenden, anerkennenden Wort sehne. Mal als Täter, weil ich die Chance der Dankbarkeit verpasst habe. Es vergessen habe: Das Sehen und das Gehen.

Die Geschichte des kranken Samaritaners führt mich zurück auf die Spur. Seine Krankheit, Lepra, war damals noch nicht behandelbar. Den hatten darum alle schon längst abgeschrieben – als hoffnungslosen Fall. Jesus sah trotzdem hin, ging hin und schrieb ihn nicht ab, sondern gab ihm eine neue Lebenschance. Denn bei ihm, im Reich Gottes, gibt es keine hoffnungslosen Fälle, da wird niemand einfach so abgeschrieben. So darf ich auch den Weg der Dankbarkeit immer wieder neu beschreiten. Das ist der dritte Schritt – neben dem Sehen und Gehen. Der Weg der Dankbarkeit gelingt nur, wenn ich mir eingestehe, dass ich darin auch scheitern und enttäuscht werden kann, und mir zutrauen lerne, dass ich wieder aufstehen kann.

Einer trage des Andern Last. Für diese kleine Kindheitserinnerung bin ich sehr dankbar. Sie ruft in mir wach, wie der Weg der Dankbarkeit im Kleinen beginnt. Dort, wo ich beginne, das Besondere im Selbstverständlichen zu suchen. Und dem Unscheinbaren zutraue, dass viel mehr in ihm steckt.

In so einer Dankbarkeit begegne ich jenen Spuren des Reiches Gottes, das Jesus einmal mit einem winzigen, unscheinbaren Senfkorn verglich, das wächst, gedeiht und dem Leben vollen Raum gibt.

Vom Senfkorn (nach Lukas 13,18-19)
Wem gleicht das Reich Gottes, und womit soll ich's vergleichen? Es gleicht einem Senfkorn, das ein Mensch nahm und warf's in seinen Garten; und es wuchs und wurde ein Baum, und die Vögel des Himmels wohnten in seinen Zweigen.

Segensgebet
Lehre mich den Weg der Dankbarkeit: Das Sehen und das Gehen.
Schärfe meinen Blick, der mich die Blumen am Wegrand sehen lässt.
Behüte mich davor, Kleinlichkeiten breit zu walzen.
Hilf mir, nur jene Erbsen zu zählen, die im Kleinen das Besondere sehen.
Trage mich in deiner Hand, wenn Enttäuschungen meine Schritte schwer machen.
Gib mir einen festen Tritt, dass ich wieder aufstehen kann, wo ich fiel.
Bewahre mich vor der Versuchung der Selbstverständlichkeiten.
Lass mich das Geheimnis des Senfkorns leben: Wachsen, Aufblühen, dem Leben Raum geben.
Amen. 


Gott-sei-Dank
Für die einen eine leere Floskel,
für andere ein frommer Spruch.

Für mich ein Glaubensbekenntnis in 3 Worten:

Gott sei Dank – liegt nicht alles in meiner Hand
Ich darf mich beschenken lassen:
Von Menschen, vom Glück, vom Moment, der einfach so auf mich zukommt.
Ich darf loslassen, ziehen lassen,
muss mich nicht an alles klammern.

Gott sei Dank – hängt nicht alles von mir ab
Gelingen und Scheitern,
Sieg und Niederlage,
Gewinn und Verlust,
Leben und Tod,
Sein und Schein,
Ich bin Teil eines grösseren Ganzen:
Teamplayer, Freund, Partner, Kamerad
und am wichtigsten: Mitgeschöpf in Gottes bunter Welt.

Gott sei Dank – gibt es noch die andere Sichtweise.
Nicht die zugeschlagenen Türen,
sondern die kleinen Fenster, die aufgehen.
Nicht die verpassten Chancen,
sondern die entdeckten Möglichkeiten.
Nicht die abgebrochenen Brücken,
sondern die gereichten Hände.
Nicht das ferne göttliche Paradies erträumen,
sondern das geschenkte Himmelreich im Hier und Jetzt suchen.

Gott sei Dank – 3 simple Worte
Und doch viel mehr!

Matthias Koch


Gedanken zum 10.5.20
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Fotograf/-innen Matthias Koch, und Weitere
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Bereitgestellt: 08.05.2020    
aktualisiert mit kirchenweb.ch