Ja, wo bleibt denn die Gerechtigkeit?

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Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg wurde der Gemeinde einmal auf eine andere Art erzählt. Mit einem Theaterstück näherten sich die Spielerinnen und Spieler dem Thema an.
Admin Steig,
Es entstand aus einer spontanen Idee und wurde ein tolles Projekt. Im Spätsommer trafen sich ein paar Theaterlustige zum ersten Mal und begannen für den Gottesdienst am 25. Oktober zu proben. Stephanie Signer, die Mitarbeiterin der Sozialdiakonie und Theaterfachfrau, hatte ein Stück zum Gleichnis aus Matthäus 20, die Arbeiter im Weinberg, geschrieben. Begeistert dabei waren Marlene Wiese, Nicole Mathys, Ingrid Speckhard, Christel Wijers und Hansueli Scheck. Mit Ausdruckskraft, ein bisschen Humor und viel Spielfreude brachte das neugeborene Steigensemble der Gemeinde das Thema Gerechtigkeit und die Begeisterung für den Glauben und die Mitarbeit in der Kirche anhand des Gleichnisses näher. Die Fragen, die offenblieben, erklärte Pfarrerin Nyree Heckmann sehr anschaulich in ihrer Predigt. Wir hoffen, dass es nicht das letzte Mal sein wird, dass das Steigensemble in Erscheinung tritt. Mitmachen kann jede und jeder, denn es ist wie auf dem Weinberg: es ist nie zu spät!


Predigt zu Mt 20,1-16
Das Anspiel vorhin endete mit dem erstaunten Ausruf: Aha!
Aha, was? Dieser Ausruf kann ganz unterschiedlich gefärbt sein:
Aha, jetzt habe ich es verstanden.
Oder, aha, so läuft das hier also!
Fakt ist, der Gutsherr verhält sich – so werden wohl die meisten von uns denken – etwas eigenartig.
Dieses Verhalten schreit geradezu nach Erklärung und Rechtfertigung.

Und Erklärungsversuche gibt es einige zu diesem Gleichnis.
Eine z.B. lautet: Der Lohn von einem Denar ist in der Zeit Jesu zum der übliche Lohn für einen Tagelöhner gewesen, um gerade so seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können So hätte der Gutsherrn den letzten Arbeitern also gar nicht weniger zahlen können. Denn sonst hätte die Familie nicht mehr genug zum Leben gehabt.

In einem anderen Beispiel wird das Stichwort «Arbeitsrecht» aufgegriffen - im Israel zu Jesu Zeit. Die Arbeit sei nicht in Stunden gemessen worden. Sondern die kleinste Lohneinheit sei ein Tag gewesen. Das war die Rechtsgrundlage und von daher hat jeder Arbeiter den gleichen Lohn erhalten.

Es finden sich noch weitere mögliche Erklärungen in Kommentaren und Predigthilfen.

Aber ganz gleich, wie man es dreht und wendet, die Spannung des Gleichnisses will sich nicht so recht auflösen.
«Was ist denn das für eine Gerechtigkeit?» fragte einer der Zuschauer im Anspiel vorhin.

Was ist denn das für eine Gerechtigkeit?
So fragen wir schnell, wenn wir das Gleichnis lesen.
Meinen wir nicht eigentlich aber: Das ist ja so ungerecht!
Wie kann der Gutsherr die unterschiedliche Arbeit so ungerecht entlohnen.

Es ist die eine Sache, wirklich herausfinden zu wollen, was für eine Art von Gerechtigkeit der Gutsherr ausübt.
Und es ist eine andere Sache, unseren Unmut auszudrücken, weil wir eigentlich schon ein klein bisschen beleidigt sind, wenn jemand anders, der vermeintlich weniger als wir gearbeitet hat, dennoch gleichbehandelt wird.

Es sind zwei ganz verschiedene Sachen.
Aber dennoch bringen sie uns auf eine Spur.
Ich denke, wir brauchen einen Perspektivenwechsel. Und dieser ist nicht so einfach.
Er ist deshalb nicht so einfach, weil wir Menschen sind, die Recht oder Unrecht empfinden, die Neid empfinden, Missgunst oder Freude in Bezug auf den anderen.

Ich möchte ein Beispiel aus meiner Jugend geben.
Stellen Sie sich vor, die Arbeiter im Weinberg sind Gottesdienstbesucher und der Weinberg ist die Kirchgemeinde, im Speziellen der Gottesdienst.
Der Gutsherr ist Gott.

Im Konfirmandenalter war ich mit Eifer in der Kirchgemeinde engagiert, gab Sonntagsschule und war im Kirchenchor und bei allen möglichen Gottesdiensten und Veranstaltungen dabei.
Ich sehe mich heute noch, wie ich an Heiligabend hinten in unserer Kirche stehe und beobachte, wie die Leute den Gottesdienstraum betreten.
Ich ertappe mich dabei, wie ich denke:
Aha, die habe ich aber schon lange nicht mehr in der Kirche gesehen. Die haben doch sonst nicht so viel mit ihr am Hut.
Ich freue mich nicht darüber, sondern ich bin verärgert. Denn schliesslich bin ich das ganze Jahr über immer treu in der Kirche gewesen. Und diese hier, die einfach einmal im Jahr in die Kirche kommen – die meinen, sie haben ihren Beitrag damit schon geleistet?
Ich bin tatsächlich ein wenig beleidigt, in meiner Eitelkeit gekränkt. Das ist so ungerecht.

So oder so ähnlich könnte die Stimmung auch damals im Weinberg gewesen sein.
Aha, so läuft das also.

Wie sieht Gott aber das Ganze an?
Wagen wir einmal den Perspektivenwechsel.
Der Gutsherr ist Gott, das sagt Jesus ganz zu Beginn des Gleichnisses, als er formuliert: Denn mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Gutsherrn…
Der Gutsherr ist Gott, der Weinberg ein Bild für das Himmelreich, dass es sozusagen zu beackern gilt.
Was aber ist damit gemeint?
Gott, der Gutsherr geht zu unterschiedlicher Zeit immer wieder auf die Strasse, um Menschen zu finden und mit in den Weinberg zu nehmen. Er ist unermüdlich unterwegs, bis der Abend dämmert.

Er sucht Arbeiter.
Menschen, die mitarbeiten, die ihre Fähigkeiten einbringen.
So wie Jesus der Menschenfischer Menschen gesucht hat, die ihn bei seiner Sache unterstützen. Egal ob schon am Morgen früh oder erst am Abend spät. Alle finden ihren Platz, alle finden ihre Arbeit.
Im griechischen Urtext wird das Wort «Arbeiter» in einer bestimmten Weise übersetzt: Ergates heissen die Arbeiter. Sonst wird ein anderes Wort gebraucht. Ergates kommt im Mt nur an drei Stellen vor. Und jedes Mal geht es darum, Menschen zu gewinnen. Es geht im Gleichnis also eigentlich nicht darum, dass der Gutsherr einen Lohn zahlt, der den Wert der Arbeit bemisst. Es geht schlicht darum, dass der Gutsherr durch den gleichen Lohn zeigt, dass die Arbeit jedes einzelnen in seinen Augen gleich viel wert ist.

Der Gutsherr ist eine Umschreibung für Gott. Und vor Gott sind alle Menschen gleich und gleich viel wert. Und alle haben einen Platz im Weinberg, respektive im Himmelreich zu gut. Wir erinnern uns, wie Jesus sagte: In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen». Es ist für jede und für jeden ein Platz sicher und garantiert.

Das ist Gottes Perspektive, so wie Jesus sie in diesem Gleichnis unter die Leute zu bringen versucht.

Und nun bleibt für mich die grosse Frage übrig?
Sind wir damit zufrieden?
Sind wir damit zufrieden,
dass, egal wie viel wir in der Kirche anzutreffen sind,
egal wieviel Aufwand wir für unsere Kirchgemeinde betreiben,
wie in den Augen Gottes alle gleich viel wert sind?
Und das, weil Gott von sich sagt: «Ich bin gütig!»
Stösst uns das auf, oder können wir damit leben?
Amen.
Steigensemble
29.10.2020
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