Solidarität

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In unserer Gesellschaft ist der Gedanke der Solidarität grundlegend. Wir sind miteinander verbunden, ja wir brauchen einander. Wir leben nach dem Verfassungsgrundsatz: Die Stärke unseres Volkes misst sich am Wohl der Schwachen.
Admin Steig,
Das zeigt sich ganz konkret in unseren Beziehungen. Die jungen Menschen brauchen die älteren Menschen, die älteren Menschen brauchen die jungen Menschen. Wenn ich zum Beispiel daran denke, wie viele Grosseltern ihre Enkelkinder hüten, damit die Tochter oder der Sohn seinem Beruf nachgehen kann. Oder wie in der Zeit des Lockdowns Kinder und Enkelkinder die Einkäufe erledigt haben für die Grosseltern. Wir sind miteinander verbunden, ja wir sind aufeinander angewiesen.

Man unterscheidet zwischen freiwilliger und staatlicher Solidarität. Wenn wir einem Menschen im Bus helfen, dann ist das eine freiwillige Hilfeleistung. Die Zahlungen an die Krankenkasse hingegen sind verpflichtend. Jeder zahlt seine Beiträge und hilft, dass den kranken Menschen geholfen wird. Das Prinzip ist einleuchtend. Wer gesund ist, zahlt seine Beiträge und unterstützt so Menschen, die krank sind. Vielleicht ist er ja auch bald einmal froh, dass er medizinische Hilfe bekommen kann. Und wer arbeitet, zahlt monatlich seine AHV Beiträge, damit die ältere Bevölkerung eine Rente beziehen kann. Das sind wichtige soziale Errungenschaften in unserem Land, für die wir Sorge tragen. Solidarisch wird dafür gesorgt, dass alle Menschen ein würdevolles Leben führen können, jung und alt, arm und reich.

Die Ursprünge dieses Solidaritätsgedankens finden wir auch in den biblischen Schriften. Bereits in den 10 Geboten wurde der Anspruch des einen Gottes klar formuliert. Gerechtigkeit und Religion, gegenseitige Hilfe und Gottesdienst gehören untrennbar zusammen. Wenn Könige sich um diesen Zusammenhang nicht mehr kümmerten, traten Propheten auf, um sie daran zu erinnern. Elia war ein solcher Prophet, der sich kritisch zum Verhalten des Königs äusserte. Sein Name sagt etwas aus über seine Leidenschaft. Eli - ja, das heisst: mein einziger Gott ist Jahwe.

Wie haben seine Landsleute auf Elia reagiert? Er wurde mit Kritik überhäuft, weil er auf den Zusammenhang zwischen Verarmung und fehlender religiöser Solidarität aufmerksam machte.

Politisch ist dieser Gedanke der Solidarität nach wie vor aktuell und eine wichtige Säule unserer Demokratie. Es geht heute zum Beispiel darum, die AHV zu sanieren, damit auch die Jungen in vierzig Jahren noch Beiträge bekommen. Und in den kommenden Wochen werden die Budgets in Stadt und Kanton fürs nächste Jahr erstellt. Auch da geht es darum, solidarisch die Folgen der Coronakrise zu tragen.

Elia sah, dass dieser Solidaritätsgedanke schwindet. Er äusserte sich kritisch gegenüber dem König, aber er erntete nur Kritik. Weil er um sein Leben fürchtete, musste er fliehen. Zuerst ging es ihm nicht schlecht. Sehr märchenhaft wird berichtet, wie er sich am Bach Kerit östlich des Jordan versteckt, vom Wasser des Bachs trinkt und Raben ihm Brot und Fleisch bringen. Dann jedoch holt ihn selbst die Dürrekrise ein. Der Bach vertrocknet. Jetzt bricht Elia erneut auf. Ich lese die Erzählung aus dem

1. Könige 17,8-16

Eine schöne Erzählung, die märchenhafte Züge hat, aber eine wichtige menschliche Botschaft vermittelt, die zeitlos ist. Elia spricht in Sarephta eine arme Witwe an und bittet sie: Gib mir etwas Wasser. Und wenig später ruft er ihr nach: Und auch ein wenig Brot. Sie ist mit ihrem Sohn in der gleichen Lage wie Elija. Sie hat nur noch einen winzigen Rest Mehl und Oel. Sie will sich etwas für sich und ihren Sohn zubereiten und essen und dann will sie sterben. Sie sieht keinen anderen Ausweg mehr.

Jetzt aber wird von einer märchenhaften Wendung erzählt: Weil die Frau mit diesem Fremden teilt, wird ihr Mehltopf und ihr Oelkrug nicht leer. Es hat genug zum Essen für alle drei, für sie selbst, ihren Sohn und den Propheten. Das ist ein Märchenmotiv. Wir finden es auch bei den Gebrüdern Grimm. Wir kennen viele Geschichten, die die Wahrheit bezeugen: wer teilt, der rettet nicht nur andere, er rettet auch sich selber. Es sind Geschichten gegen den Egoismus. Der Egoismus ist von der Angst diktiert. Er führt nicht zu einem Miteinander, sondern zu einem Gegeneinander.

Es ist bezeichnend in dieser Geschichte, dass es die Aermste ist, die das, was sie hat, mit dem Propheten teilt. Und es ist eine Ausländerin. Die Botschaft ist klar: es geht um die Bewältigung einer Krise, es geht nicht darum, die eigene gegen die fremde Religion auszuspielen.

Das Märchenmotiv zeigt uns den Geist, der in der momentanen Situation wichtig ist. Elijas Leidenschaft für den einen Gott, bei dem Gottesdienst und Solidarität sich nicht trennen lassen. Die Grossherzigkeit dieser Frau, die teilt, auch wenn sie noch gar nicht weiss, wie es weitergehen wird. Die Wahrheit des Märchenmotivs ist, dass daraus neue Zukunft entsteht. In dieser Geschichte finden wir das tiefe Vertrauen, dass wir Krisen gemeinsam meistern können.

Die Coronakrise hält uns immer noch in Atem. Ein Impfstoff ist noch nicht gefunden. Unser Bibeltext gibt uns die Botschaft. Wir können sie nur gemeinsam meistern, wenn wir zusammenstehen, die Verantwortung für uns und andere wahrnehmen und wenn wir solidarisch sind. Die Pandemie kann nur besiegt werden, wenn sie weltweit unter Kontrolle gebracht wird. Niemand ist sicher, bis alle sicher sind. Wenn ein Impfstoff da ist, muss er darum weltweit zugänglich sein und er muss bezahlbar sein. Dieses Ziel hat sich die Weltgesundheitsorganisation WHO gesetzt. Staaten schliessen sich momentan zusammen, um Dosen Impfstoffe einzukaufen und fair zu verteilen, wenn solche dann einmal verfügbar sind. Auch Pfleger und Aerztinnen in Afrika gilt es prioritär zu versorgen, nicht nur die gesamte Bevölkerung in den Industriestaaten. Auch in der Bekämpfung der Pandemie geht es um diesen Gedanken: wenn wir uns für andere einsetzen, helfen wir uns auch selber. Wenn wir teilen, wird allen geholfen.

So hoffen wir für unsere Welt, dass sich ein guter Weg ergibt. Wir hoffen auf ein Leben in Freiheit. Ein Leben ohne Angst und Unsicherheit. Ein Leben mit Zuwendung und Nähe. Ein Leben, wo wir wieder ausgelassen feiern können. Momentan müssen wir aber noch mit dem Virus leben und die Regeln einhalten, Verantwortung für uns und andere übernehmen. Die Hoffnung ist in unserem Herzen, dass das Wunder wahr wird. Wenn wir solidarisch sind, wenn wir die Pandemie weltweit gemeinsam bekämpfen, ja wenn wir dann auch den Impfstoff miteinander teilen, wird das Wunder wahr. In unserer Geschichte wird dieses Wunder mit den Worten ausgedrückt: Der Mehltopf wird nicht leer werden und der Oelkrug wird nicht versiegen. Amen

Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag, Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag. Amen