Vorbilder

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Die Wahlen für den Stadt-, Regierungs- und Kantonsrat sind bei uns vorbei, die Plakate mit den Kandidatinnen und Kandidaten wurden wieder aus dem öffentlichen Leben entfernt.
Admin Steig,
Wie haben Sie die Wahlen erlebt? War es schwierig, sich zu entscheiden? Und wie war es bei der Begrenzungsinitiative oder bei der Abstimmung über die neuen Kampfflugzeuge? Ist Ihnen diese Entscheidung leicht gefallen?

Ich höre immer wieder den Satz bei einer Abstimmung: «und schliesslich habe ich mich entschieden.» In diesen Worten drückt sich die Erfahrung aus: es war keine leichte Entscheidung. Es war ein mühsames Abwägen, ein Zögern und schliesslich ein Entscheidenmüssen. Man kann sich informieren über die verschiedenen Medien, Leserbriefe lesen, in der Familie und im Freundeskreis diskutieren, aber am Schluss sitzt man vor dem leeren Stimmzettel und muss sich entscheiden. Es gibt immer gute Gründe dafür und dagegen. Es gibt gute Gründe für den einen oder anderen Kandidaten oder die eine oder andere Kandidatin. Und man weiss: man muss sich entscheiden, obwohl man nie alles überblickt. Man kann sich informieren, aber man sieht nicht in die Herzen und in die Köpfe anderer Menschen.

«Und schliesslich habe ich mich entschieden», ist es Ihnen nicht auch noch am Wahlsonntag so ergangen, als Sie einen Namen ausgewählt haben. Einen Namen von einem Menschen, den man nicht richtig kennt, über den wir vielleicht dies und das gehört und gelesen haben und dann eben ein gutes oder ein ungutes Gefühl hatten.

Entscheiden heisst immer, mit einem ungenügendem Wissen entscheiden. In einer Demokratie vertraut man darauf, dass das Nachdenken, Zögern und dann Entscheidenmüssen vieler Menschen ein besser Resultat ergebt als diktatorische Entscheide einzelner.

In der Politik müssen manchmal grosse, folgenschwere Entscheide getroffen werden. Der Bundesrat, die Wissenschaftler und die verantwortlichen Regierungsräte müssen momentan in der Coronakrise nach bestem Wissen und Gewissen entscheiden. Der Bundesrat betonte immer wieder: Wir entscheiden nach heutigem Wissenstand und dann gehen wir einen Schritt weiter. Wir erinnern uns an die Worte von Alain Berset, denen wir im Frühling nicht recht glauben konnten. Die Coronakrise ist nicht ein 100 Meter lauf, sondern ein Marathon. Im Juni dann die Information: Wir machen weitere Lockerungen. Schritt für Schritt. Aber wir müssen unsere Entscheidungen ständig überdenken, nachjustieren, wenn die Fallzahlen wieder ansteigen. Momentan steigen diese Fallzahlen an. Täglich stellt sich für die verantwortlichen Politiker die Frage: Welche Massnahmen sollen getroffen werden? Führungspersönlichkeiten müssen entscheiden, das gehört zu ihrer Aufgabe. Wer sich für das Wohl von anderen Menschen einsetzt, muss Verantwortung übernehmen.

Und darum brauchen wir auch im Politischen Vorbilder. Keine Helden, keine selbstbezogene Helden, die nur immer bei den anderen den Fehler suchen, um so selber besser da zu stehen. Wir brauchen realistische Vorbilder. Menschliche Vorbilder. Im Alten Testament waren David und Salomo solche Vorbilder. Manchmal wurden sie in der Geschichtsschreibung etwas besser dargestellt. Aber sie wurden nicht als unfehlbare Menschen beschrieben. Auch ihre Schwächen und Fehler finden wir in den Erzählungen der Bibel. David und Salomo mussten Entscheidungen fällen, auch unbequeme, schwierige Entscheidungen. Wie schwierig es für Salomo gewesen war, die Nachfolge von David anzutreten, erzählt die folgende Geschichte. Sie beginnt mit einem Traum.

1. Könige 3,5-10

Eindrücklich, wie Salomo die Nachfolge antritt. Er übernachtet im Tempel, er sucht die Nähe Gottes, er macht sich wohl Gedanken, welche Entscheidungen auf ihn zukommen werden. Und dann träumt er, dass er von Gott einen Wunsch frei hat. Er wünscht sich nicht Reichtum oder Macht. Er sagt zuerst einmal, dass er sich seiner Aufgabe nicht gewachsen fühlt.

Ich mag mich erinnern, wie im Militär der Brigadier unserer Führungsunterstützungsbrigade jeweils am Anfang eines WKs für sich allein eine Kirche aufsuchte und dann auch froh war, wenn wir den WK mit einem Gottesdienst begonnen haben. Er wusste: eine grosse Verantwortung liegt auf mir und meinem Stab. Wir können diese Verantwortung nicht allein tragen. Wir sind angewiesen auf die Hilfe von oben.

Vielleicht erstaunt es uns, dass Salomo sich von Gott ein Herz erbittet. Das Herz war zur damaligen Zeit das Zentrum des Menschen. Es ist der Ort, wo Gefühle und Verstand zusammen sind. Wenn wichtige Entscheidungen getroffen werden müssen, sind Gefühle und Verstand gefragt. Das weiss jeder, der neues Personal einstellt. Auch das Bauchgefühl ist entscheidend. Herzensfestigkeit bedeutet, dass man nicht wie die Fahne im Wind hin und her flattert, zwischen verschiedenen Meinungen laviert. Herzensfestigkeit heisst, dass man standhaft bleibt in schwierigen Situationen, sich nicht von den Aengsten anderer lähmen und sich auch nicht vom Druck einer Situation bestimmen lässt. Das ist doch manchmal so schwierig in Entscheidungssituationen.

Wir können uns vorstellen, wie schwierig es ist, in der momentanen Pandemie immer wieder Entscheidungen zu treffen, sich mit anderen Kantonen und Ländern abzusprechen, um einen gangbaren Weg zu wählen, immer wieder nachzujustieren, um den Weg zu korrigieren. Der Bundesrat und die verantwortlichen Politiker in den Kantonen haben eine grosse Verantwortung.

Es gibt Situationen im Leben, in denen wir mit allem Wissen allein nicht durchkommen. Wir sind immer wieder darauf angewiesen, dass Gott unsere Entscheidungen mitträgt. Manchmal stehen wir politisch und ethisch vor schwierigen Entscheidungen. Die Erzählung von Salomo macht uns bewusst, dass wir manchmal überfordert sind und weder ein noch aus wissen.

Es ist schön, wie die Geschichte weitererzählt wird. Als Salomo erwachte, merkte er, dass der Herr im Traum mit ihm gesprochen hatte. Er ging nach Jerusalem und trat vor die Bundeslade des Herrn und opferte Brandopfer. Und sein gesamter Hofstaat wurde zum Mahl geladen.

David gewinnt eine innere Gewissheit. Er hofft, dass sich ein guter Weg ergibt. Auch wenn er noch nicht alles überblickt, auch wenn er sich seiner Aufgabe nicht gewachsen fühlt, er vertraut auf Gottes Hilfe, stellt sich den Aufgaben des Lebens und gewinnt eine Lebensfreude. Im Lied von Ludwig von Zinzendorf wird es in Form einer Bitte formuliert: Wenn in meinem Sinn, ich im Zweifel bin. Soll ich reden oder schweigen, kämpfen oder still mich beugen, sage du mir dann: man soll, was man kann. Amen


Der Herr segne dich und behüte dich
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig
Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden. Amen