Mechthild von Magdeburg

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Ich lese und schreibe nun schon seit ein paar Wochen über diese Dame im Rahmen einer Seminarabeit im Fach Kirchengeschichte. Wenn ich lange am Schreibtisch gesessen habe, in Mechthilds Leben eingetaucht bin und dann Feierabend mache, freue ich mich regelrecht auf die Begegnung mit ihr am nächsten Tag.
Stephanie Signer,
Okay, das hört sich etwas wunderlich an, ich weiss! Aber die intensive Beschäftigung mit etwas hinterlässt halt seine Spuren. Und auf eine Art - wenn auch eine entfernte - hat es etwas mit der Arbeit in der Gemeinde und der Sozialdiakonie zu tun.
Mechthild von Magdeburg war nämlich eine Begine. Sie lebte ca. von 1207 bis 1284. Die Beginenbewegung war typisch für diese Zeit. Es waren Frauen, die nicht ins Kloster gingen, sondern ihre Frömmigkeit anders auslebten. Diese Frauen wählten als Alternative zu Heirat oder Orden, ein selbstbestimmtes Leben im Dienste der Ärmsten unter den Armen. Sie organisierten sich untereinander, wohnten in eigenen Siedlungen, den sogenannten Beginenhöfen oder wählten ein Leben alleine in der Stadt. Mechthild von Magdeburg entschied sich für Zweiteres. Sie verliess mit ungefähr 20 Jahren die Burg, wo sie bis anhin als Adelige ein sorgenfreies Leben geführt hatte. Ganz dem Armutsideal des Franz von Assisi nacheifernd und gegen die gesättigte und oft ungeistliche Kirchenobrigkeit protestierend, verschrieb sich die Begine Mechthild der Krankenfürsorge und der praktischen Unterstützung der Schwächsten.
Wie die allgemein bekanntere Hildegard von Bingen, hatte auch Mechthild Visionen und Gotteserlebnisse, die sie in einem Buch niederschrieb. Dieses Werk heisst Das fliessende Licht der Gottheit und umfasst sieben Teilbücher, die sich in ihrer Übersetzung von Margot Schmidt sehr spannend lesen. Natürlich könnte man sich auch das Original in Alemannisch vorknöpfen. Es dauert aber länger- ich habe es versucht. Das Interessante an Mechthilds Aufzeichnungen ist, dass sich Liebesgedichte und Poesie mit klaren Anweisungen und unverblümter Kritik an der der Institution Kirche ihrer Zeit abwechseln. Einen gewissen Schutz vor der Inquisition bot ihr dabei, dass sie sich darauf berief, das Sprachrohr Gottes zu sein und nur weiterzugeben, was der Heilige Geist ihr zutrug. Mystikerinnen und Mystiker im Mittelalter befanden sich nämlich auf gefährlichem Terrain. Alles, was nach Abweichung von der theologischen Lehrmeinung roch, wurde als Ketzerei verurteilt und die Verfasserin, der Verfasser mit dem Tode bestraft.
Nun, das kann uns heute in der Schweiz nicht mehr passieren, wenn wir öffentlich, in Wort und Schrift, in herkömmlichen oder sozialen Medien unsere Meinung kundtun. Dennoch wünschte man sich von manchen KommentatorInnen mehr Wissen, Weisheit und Menschlichkeit oder schlichtweg, dass sie bitte die Klappe halten.
Mechthild konnte ihre Klappe nicht halten. Bis ins hohe Alter, als sie längst ihren Lebensabend in einem Zisterzienserkloster verbrachte, war sie für ihre Mitmenschen Ratgeberin und Vorbild. Ein bisschen ist sie es auch für mich geworden. Nein, ich habe keine göttlichen Visionen (oder zählen Eingebungen schon dazu?) und ich muss- Gott sei Dank- auch nicht Begine werden, um selbstbestimmt leben zu dürfen, aber wenn ich nach einem Arbeitstag in der Gemeinde nach Hause komme, nach Gesprächen und Begegnungen mit Jung und Alt, denke ich: was für ein schöner Beruf!

Bleiben Sie gesund und munter in diesen bewegten Zeiten!
Ihre Stephanie Signer