Das Leben langsam wieder lernen...

Bild wird geladen... (Foto: Nyree Heckmann)
Gedanken aus dem Gottesdienst vom 28. Juni 2020
Admin Steig,
Gespräch zwischen der Seele und ihrem Menschen (Stephanie Signer und Nyree Heckmann)

N: Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen!
S: Im Prinzip gern. Aber im Moment ist das, was in dir ist, nicht dazu in der Lage.
N: Wieso denn nicht?
S: Wegen Müdigkeit.
N: Wovon bist du denn müde?
S: Die Frage verwundert mich jetzt etwas, offen gestanden. Du weisst doch genauso gut wie ich, dass die letzte Nacht sehr kurz war.
N: Naja. Aber eine gesunde Seele muss so etwas ja auch einmal wegstecken können. Ich gebe ja zu, mein Körper ist etwas beeinträchtigt, und so ganz wach ist mein Gehirn auch noch nicht. Aber Du, Seele…
S: Ich?
N: Wozu brauchst Du überhaupt Schlaf?
S: Meine Liebe, ich fürchte, Du hast sehr nebelhafte Vorstellungen von dem, was da in Dir ist.
In welchem Zustand sich der Körper befindet, das wirkt sich immer sehr direkt auf die Seele, also auf mich aus. Bist Du müde, bin ich es auch. Strotzt Du vor Vitalität, dann ich auch.
N: Aber es gibt ja auch die Variante, dass ich körperlich absolut fit bin, Du mir aber einen Strich durch die Rechnung machst, weil Du aus Deinem Tief nicht mehr rauskommst. Und irgendwann habe ich dann auch keine Lust mehr.
S: Wir müssen füreinander sorgen, Du und ich. Wir müssen im Gespräch bleiben.
Und die Zeit, die jetzt hinter uns liegt, hat schon angehängt. Das musst Du doch auch gespürt haben.
N: Ja, am Anfang, als wegen dieses Corona-Virus fast alles geschlossen wurde, da fühlte ich mich wunderbar entspannt. Diese äussere Ruhe tat so gut. Kein Fluglärm, kein Stau, kein Gedrängel in den Geschäften. Stattdessen Vogelgezwitscher, gute Bücher, Spazierengehen, Zeit!
S: Ja, das habe ich gespürt. Ich konnte endlich mal ein wenig abhängen. Sozusagen die Seele baumeln lassen… Also gewissermassen mich selbst.
Und dann?
N: Ja, dann kam verschiedenes. Aber wieso rede ich denn überhaupt? Du hast ja vorhin gesagt, Du seist zum Loben nicht in der Lage. Also, sprich…
S: Ja, Du hast schon recht, dann kam verschiedenes. Es gab Phasen, da fühlte ich mich furchtbar einsam. Ich war ja nur noch mit Dir zusammen und Du wurdest plötzlich so hektisch und beschäftigt. Da hast Du mich irgendwie abgehängt.
N: Oh…, ich habe es nicht gemerkt. Das tut mir leid.
S: Ja, weisst Du, ich brauche den Kontakt nach aussen und auch das Gebet. Aber dafür hattest Du dann plötzlich die Ruhe nicht mehr.
Ich hätte ein paar gute Worte gebrauchen können. Einfach so, dass ich weiss, dass da jemand auch an mich denkt.
N: Oh…, ich habe gedacht, ich muss unbedingt noch ganz viel tun. Ich…
S: Ja, ich weiss. Aber Du hättest vielleicht mal fragen können.
N: Oh nein, siehst Du, das kommt davon, wenn man sich aus dem Blick verliert.
S: (versöhnlich): Naja, jetzt nimmst Du Dir ja Zeit und wir können reden.
Es ist halt so, dass ich in dieser Zeit manchmal einfach nicht mehr sicher war, auf wen oder was ich eigentlich vertrauen kann und was wahr ist. Und ganz ehrlich gesagt, ist das im Moment ja eher schwieriger als einfacher geworden.
Es wurde vieles gelockert und in unsere Verantwortung gegeben – als Seele beziehe ich mich da durchaus mit ein -, denn irgendwie muss ich ja auch mit Deiner Unsicherheit zurechtkommen. Und, ich finde das Ganze auch wirklich anstrengend. Da die Sicherheitsvorkehrungen nicht überall ganz gleich sind und die Menschen ja auch nicht, werde ich immer hin- und hergebeutelt, wenn ich merke, wie es Dir geht.
Ich meine - wenn ich das gerade noch sagen darf – bei jeder Person auf die Du triffst, musst Du wieder neu überlegen: Welcher Abstand passt jetzt? Ein Beispiel: Eine Nachbarin, Anfang 80, fragte Dich, ob Du sie stützen kannst, die Treppe runter. Ich weiss, normalerweise ist das für Dich ja klar, aber unsicher warst Du eben trotzdem.
N: Ja, Du hast völlig recht. Ich war für einen Moment wirklich etwas verwirrt. Irgendwie habe ich das Gefühl, meine liebe Seele, wir müssen das Leben ganz neu wieder lernen. Im geeigneten Tempo, meine ich. Damit auch Du Zeit hast, mitzukommen und nicht auf der Strecke bleibst.
Aber, was Du vorhin gesagt hast, hat mich gepackt. Wem kann ich vertrauen, oder auf was? Das beschäftigt mich natürlich auch. Bei unserem Pfarrkurs diese Woche hat eine Kollegin genau darüber ihre Andacht gehalten, das hat so gut getan.
S: Ach ja, erzähl doch mal…
N: Gerne!
Sie hat sozusagen die Vertrauensfrage gestellt. Und zwar Gott. Wie ist das eigentlich im Moment. Können wir Gott noch vertrauen? Und wie eigentlich?
Und dann las sie ein wohlbekanntes Jesus-Wort aus dem Johannesevangelium vor. Du kennst es gut!
Jesus sagt: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.
Ich muss vielleicht noch ein paar Verse zuvor lesen. Also: „1 Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!2 Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen; wäre es nicht so, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um euch eine Stätte zu bereiten? 3 Und wenn ich gegangen bin und euch eine Stätte bereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin. 4 Und wohin ich gehe – ihr wisst den Weg.
5 Thomas sagt zu ihm: Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie können wir da den Weg kennen? 6 Jesus sagt zu ihm. Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater, es sei denn durch mich.
S: Ihr wisst den Weg, sagt Jesus.
Wissen wir den?
N: Ich denke, wir lernen ihn kennen.
Also, ich fange sozusagen in der Mitte des Jesuswortes an, bei der Wahrheit. Es ist schwierig, diese herauszufinden, bei all den unterschiedlichen Informationen. Und wahrscheinlich können wir auch nie sagen: Jetzt, jetzt haben wir sie, die Wahrheit. Aber wir sind auf dem Weg. Auch zu Gott.
S: Also manchmal habe ich mich von Gott ganz schön verlassen gefühlt, in den letzten Wochen.
N: Vielleicht bist Du da nicht die einzige. Auch hier gilt, wir sind auf dem Weg. Von den Psalmbetern habe ich in den vielen Wochen etwas gelernt: Sie beten sich durch den Zweifel an Gott hindurch. Egal, wie erschüttert, wie verunsichert sie sind, sie beten. So lange, bis sie sich sicher fühlen.
S: Dann wäre also – so könnte man das Jesuswort doch verstehen – das Leben quasi immer wieder die konkrete Aufgabe. Also mein Leben hält sozusagen jeden Tag eine neue Aufgabe für mich bereit.
N: Eine Aufgabe, die mich dem näher bringt, was wahr ist. Es ist ein Weg. Einen Weg, den ich täglich gehe. Letztlich kann er mich Gott immer wieder ein Stückchen näher bringen.
S: Manchmal auch wieder weiter weg…
N: Auch das… das bleibt die Herausforderung.
Tröstlich finde ich dabei, dass Jesus schon vorausgegangen ist. Wir werden also auf jeden Fall erwartet.
S: Ich würde auch gerne beten, so wie die Psalmbeter.
Mich durch den Zweifel hindurchbeten.
N: Machen wir das doch.
Und nehmen uns ein wenig Zeit vorher, um uns zu sammeln. Und hören noch ein wenig Musik.
Dann beten wir.

Gebet
Gott, wir sind auf dem Weg.
Manchmal laufen wir selbstsicher und mit festem Schritt.
Manchmal aber stolpern wir verunsichert dahin.
Wir sind auf dem Weg.
Manchmal allein – das ist schwer.
Dann brauchen wir Dich ganz besonders neben uns.
Manchmal auch in unser eigenes Leid versunken.
Dann öffne uns doch die Augen,
damit wir sehen, dass andere auch auf dem Weg sind.
Dann können wir zusammen weitergehen,
zumindest ein Stück weit.
Wir sind auf dem Weg.
Manchmal abgeschottet in unserem Land.
Dann erweitere unsere Aufmerksamkeit.
Dass wir merken,
wir bewohnen diese eine Erde gemeinsam.
Gross und klein, Alt und Jung, Arm und Reich.
Es ist gut, wenn wir unsere Schritte bedacht tun – mit Deiner Hilfe.
Es ist gut, wenn wir uns daran erinnern,
dass Du uns Menschen Deine Erde anvertraut hast,
dass wir für sie sorgen, gut für sie sorgen.
Und auch einander Sorge tragen. Von Mensch zu Mensch.
Wo unsere Schritte in die falsche Richtung gingen, da habe doch Erbarmen mit uns.
Unterstütze uns, die hilfreichen Wege zu finden und zu beschreiten. Ermuntere unseren Geist.
Vieles geht uns durch den Kopf, viele Gedanken beschäftigen uns.
Wir legen sie ab bei DIR.
Amen.
Woche 27
29.06.2020
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