Seid stille und erkennt, dass ich Gott bin

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„Stille“ war das Thema des Gottesdienstes am Sonntagabend. Darüber zu sprechen ist eigentlich ein Widerspruch in sich. In einem Wechsel von kurzen Gedankenanstössen, viel Musik und Stille machten wir uns gemeinsam auf die Suche.
Admin Steig,
Nachstehend finden Sie das Eingangsgebet und Auszüge aus diesen Gedankenanstössen:
„Du, mein Gott, Atem meiner Seele
dich suche ich, dich in mir.
Die Welt ist wieder laut geworden
rennt sich selbst hinterher und findet doch nur sich selbst.
Betrügt sich mit Geschäftigkeit.
Wieder wird das Behutsame in die Ecke getrieben.
Du, mein Gott, Atem meiner Seele,
beschenke mich mit Stille,
auch wenn es laut ist,
damit ich frei atmen kann
und du in meinen Adern pulsierst.
Berge mich in einem Kokon,
in dem deine Stille klingt und zu mir spricht,
und ich verstehe, wer du bist, wer ich bin.
Deine Stille ersehne ich, sonst nichts, nur dich,
du, mein Gott, Atem meiner Seele.
Leg dein Ohr an mein Herz und lausche den innigen Worten meiner Sehnsucht
und stille mich.“ AMEN
„Seid stille und erkennt, dass ich Gott bin.“
Dieser Satz aus dem 46. Psalm beschäftigt und begleitet mich. In sehr alter Zeit in eine umfassende Krise hinein gesagt, entfaltet er bis heute besondere Kraft in persönlichen und gesellschaftlichen Krisensituationen.
Stille sein – was ist das und was macht das mit mir? Während des Lock-downs war die Welt plötzlich ruhig. Der übliche Lärmpegel war nicht mehr da. Dass es keinen Lärm mehr gibt, dass akustisch nichts mehr vernehmbar ist, die Absenz von Worten, macht aber noch keine Stille aus.
Ruhe kann man geniessen. So geht es den meisten von uns. Nicht allen. Einfach mal nichts hören und auch nicht sprechen müssen. Irgendwann aber wird es schwierig mit der Ruhe und wir werden eben unruhig.
Wir haben das in den letzten Wochen deutlich gemerkt: wo der Alltagstrott fehlt, wo wir herausgeworfen sind aus dem, was uns beschäftigt und üblicherweise fordert, wo nicht mehr andere uns spiegeln, wer wir sind und uns darin auch Bedeutung, Stärke und Zuwendung schenken, sondern wir mit uns selbst allein sind, entsteht irgendwann Reibung, wir werden ungeduldig.. Wir sagen dann: ich halte die Situation nicht mehr aus. Es wäre ehrlicher zu sagen, ich halte mich selbst nicht mehr aus. Da gibt es die schwierigen Momente, wo wir eins zu eins unseren Gefühlen ausgeliefert sind und wo Lebensfragen und zur Seite gelegte Erfahrungen aufbrechen. Und wesentlich die Frage der eigenen Endlichkeit findet kaum noch Ablenkung. Da möchten wir manchmal explodieren, Erklärungen haben und die eigenen Gedanken in die Welt hinausschreien.
Ruhe und Stille sind nicht dasselbe. Ruhe ist etwas, das wir zwar in gewissen Situationen durchaus suchen, das wir aber auch ertragen müssen und für manche fast unerträglich sein kann.
Das hebräische Wort „stille sein“ bedeutet etwa niedersinken, fallen lassen, schwach werden, nachgeben, aufhören zu streben und sich anzustrengen. Es ist komplette Übergabe und Hingabe; wir liefern uns Gott aus.
Stille, Hingabe, Schwäche zulassen. Da sträubt sich doch alles in uns, es widerspricht dem, was wir von uns selbst und von anderen erwarten. Dieser persönliche Widerspruch ist eine Folge davon, dass wir mit der Tradition der Stille wenig vertraut sind. Auch gottesdienstlich sind wir es fast nicht. Dieses Stille-Werden und Loslassen muss man üben. Es ist anstrengend und es ist aktiv. Stille ist nichts Passives, auch wenn wir das oft so einschätzen. Unsere Werte, auch kirchlich, sind viel eher Wort und Tat.
Wir erinnern uns aber. Jesus ging immer wieder in die Stille. Auch er kannte die Versuchung, ihr zu entfliehen. Auch er kämpfte damit, Stille auszuhalten, leer zu werden, um wirklich Gott zu hören, zu erkennen.
Dieses Erkennen, und da greife ich nochmals auf das hebräische Wort zurück, ist keine Kopfsache. Erkennen geschieht im Herzen, es ist sinnlich, zärtlich, sehr intim – für die körperliche Vereinigung von zwei Menschen wird dasselbe Wort verwendet. Da bekommt Hingabe doch gleich eine andere Tiefe. Gott erkennen hat also auch eine sinnliche und sehr sinnenhafte Seite.
Es gibt kein Erkennen Gottes, ohne dass wir uns an eine gelebte Beziehung mit ihm hingeben. In der reformierten Tradition, so wie wir sie mehrheitlich pflegen, sind wir stark auf das intellektuelle Nachdenken über das Wort ausgerichtet. Das ist eine grosse Stärke, die uns verbindet und uns zu Verantwortung für unser Handeln im eigenen Leben und in der Gesellschaft befähigen möchte.
In der Coronazeit – und die ist ja überhaupt noch nicht vorbei – hat mich aber die Frage nach dieser Stille und wie wir sie in unseren Gemeinden aktiver pflegen und üben können, sehr beschäftigt, und sie beschäftigt mich noch. Denn sie ist, wenn wie erlebt, die vertrauten Formen nicht möglich sind, ein ganz starker Halt und befähigt letztlich auch zu Verantwortung für das eigene geistliche Leben. In der Stille, von der dieser Psalmvers spricht, finden Menschen sich zu einer Gemeinschaft, auch wenn man sich räumlich nicht treffen kann.
Schwierige Erfahrungen verändern uns, stellen neue Fragen an uns. Corona gehört da ganz sicher dazu. Die Pflege der Stille und der sinnlichen Seite unseres Glaubens befähigt uns, empfangend zu hören, was diese Veränderungen für uns bedeuten, wie wir mit ihnen umgehen, persönlich, in unserem Glauben, und beispielsweise auch im gottesdienstlichen Leben. Sie befähigt uns ebenso, nicht immer gleich eine Antwort zu wissen und das auch auszuhalten – und auch nicht immer gleich eine Antwort von Anderen zu erwarten.
Die Mystiker und Mystikerinnen, die mir selbst viel bedeuten, haben explizit aus der Stille gelebt. Ich schliesse darum diese Gedanken mit Worten des Mystikers Johannes vom Kreuz:
„Um innerlich leer zu werden, ist es nötig, dass der Mensch innerlich zum Schweigen kommt, sich ganz loslässt und nichts tut. In dieser Leere, die dann entsteht, wenn sich der Mensch ganz auf Gott einlässt, wird der Mensch ganz von Gott getragen … er überlasst sich den Händen Gottes. Er liefert sich nicht den eigenen Händen aus. So wird er innerlich wach für die Sättigung Gottes.»
Gesegnetes Stille-Werden Karin Baumgartner