Pfingsten und Coronakrise

Bild wird geladen... (Foto: Martin Baumgartner)

Was hat Pfingsten mit der momentanen Pandemie zu tun? Das Fest des Heiligen Geistes und das Virus, welches die Welt über Wochen in Angst und Schrecken versetzt? Sind das nicht zwei ganz verschiedene Dinge?

Martin Baumgartner,
Am 12. Mai kamen meine neuen Konfirmanden in den Unterricht. Ich kenne sie vom 5. Und 6. Klass – Unterricht. Es war für mich ein freudiges Wiedersehen. Die Jugendlichen sind älter geworden und verfolgen ganz verschiedene Interessen. Meistens ist es schwierig, im Rahmen des Unterrichts die jungen Menschen zu einer Gemeinschaft zu formen. Eine schöne Erfahrung ist dann jeweils das Konfirmandenlager, wo wir vier Tage in einem kleinen Dorf im Glarnerland verbringen. Abgeschottet von der Aussenwelt. Da habe ich jeweils das Ziel, dass die siebzehn Jugendliche sich finden. Aber diese Vorstellung erweist sich meist als eine Illusion. Aus Erfahrung weiss ich, dass das ein hoher Anspruch ist für ein Konfirmandenlager. Schon bald bilden sich spontan kleine Grüppchen. Sehr schnell finden sich jene mit der gleichen Wellenlänge, jene, die ähnliche Interessen haben oder aus derselben Klasse kommen. Es bedarf schon einer bestimmten Aufgabe oder eines besonderen Erlebnisses, um einer Gruppe das Gefühl der Zusammengehörigkeit zu geben.

Ist das nicht auch die Erfahrung, die wir in unserer Zeit machen? Nachdem der Bundesrat den Notstand verhängt hat, ging ein „Ruck“ durch die Bevölkerung. In einer Krise stehen erst einmal alle zusammen. Man wusste: Jeder hat seinen Beitrag zu leisten, damit wir diese Pandemie gut überstehen. Es kommt auf jeden einzelnen an. Jeder war auch bereit, sein Leben einzuschränken und auf bestimmte Zeit auf Liebgewordenes zu verzichten. Abstand zu halten und die Hygienemassnachmen zu beachten, ist uns in den vergangenen Wochen in Fleisch und Blut übergegangen. Eine Krise bewirkt, dass Menschen sich zusammenfinden. Wo ein äusserer Feind oder eben ein Virus da ist, rückt die Bevölkerung zusammen. Das Gemeinsame wird betont. Eigeninteressen werden dem höheren Ziel untergeordnet: es geht um die Ueberwingung einer Krise. Seit fünf Wochen werden die strikten Massnahmen Schritt für Schritt gelockert. Ich habe mir in den vergangenen Wochen die Frage gestellt: Stimmt es, dass erst in einer Not Menschen zu einer Gemeinschaft zusammengescheisst werden? Rauft man sich erst in einer Krise zusammen und orientiert sich an den übergeordneten Interessen?

Wenn wir den biblischen Pfingsbericht anschauen, wird diese Sichtweise auf den ersten Blick bestätigt. Da ist von Gottes Seite eigentlich alles geschehen, damit das Evangelium Frucht zu bringen vermag. Jesus hat die Botschaft der Liebe und Versöhnung verkündigt und auch vorgelebt bis zum Tode am Kreuz. Nach seiner Auferstehung hat er die Jünger zu Aposteln ernannt, hat ihnen unmittelbar vor seiner Himmelfahrt den Befehl erteilt: „ Geht hin in alle Welt und macht alle Völker zu Jüngern…“. Doch bei den Aposteln rührt sich nichts! Sie sitzen weiterhin voller Angst hinter verschlossenen Türen beieinander. Sie wagen sich nicht das Haus zu verlassen. Auch wir mussten wenn immer möglich in den vergangenen Wochen zu Hause bleiben. Wir sahen mit besorgtem Herzen die Bilder von den Intensivstationen, wo Menschen an Beatmungsgeräten angeschlossen waren und um ihr Leben kämpften. Die Jünger damals waren verängstigt und blieben zu Hause. Bis sich der Pfingstgeist entlädt! Bis Gottes Geist selbst Bewegung in die Jünger bringt.

Ist es nicht immer dasselbe? Ohne Druck von aussen bewegt sich unter Menschen nichts. Erst eine Krise verändert festgefahrene Strukturen. Erst ein gemeinsamer Gegner, eine schwierige Situation oder jetzt das Coronavirus schweisst so unterschiedliche Menschen zusammen. Erfüllt sich an Pfingsten nur die menschliche Sehsucht, dass endlich etwas in Bewegung kommt?

Ein Merkmal des Heiligen Geistes ist, dass er Gemeinschaft stiftet. Der jüdische Philosoph Martin Buber hat das, was die Gemeinschaft ausmacht, wie folgt umschrieben: Nicht schon die gemeinsame Gewissheit, wer ich bin und wer du bist, verbindet uns wirklich dauerhaft untereinander, sondern erst das, was zwischen uns liegt, macht uns zu einer wirklichen Gemeinschaft! Und dieses „Dazwischen“, wie es Buber nennt, kann der Einzelne selber weder bewirken noch erzwingen. Also gerade nicht irgend eine seelische oder geistige Uebereinstimmung macht die Gemeinschaft aus. Solche Uebereinstimmungen machen uns, meist nur verübergehend, zu „Gleichgesinnten“.

Unser Glaube erinnert uns an die Wahrheit: Wir bilden einzig und allein eine Gemeinschaft, weil Christus zwischen uns steht. Der Heilige Geist ist jenes „Dazwischen“, das uns auch dann verbindet, wenn wir ganz unterschiedlicher Meinung sind.

Der Heilige Geist ist jener Geist, der nicht zum Gegeneinander, sondern zum Miteinander führt. Dieses Miteinander haben wir in der Coronazeit erlebt: junge Menschen haben für die Eltern und Grosseltern Einkäufe erledigt, Nachbarn haben sich anerboten. Diese Solidarität zwischen den Generationen ist nicht etwas selbstverständliches. Sie ist ein Geschenk, ein Wirken des Heiligen Geistes.

Ich wünsche mir diesen Pfingstgeist in diesen Tagen, wo wir Schritt für Schritt in eine neue Normalität zurückkehren. Ich wünsche mir diesen Pfingstgeist, der das Gemeinsame betont und sich nicht verliert in Partikularinteressen. Ich wünsche mir diesen Pfingstgeist auf dem Weg in die Freiheit, den wir momentan gehen. Wir alle haben diesen Pfingstgeist nötig, der uns in die Freiheit führt, uns aber gleichzeitig auch an unsere Verantwortung erinnert. Wir haben diesen Pfingstgeist nötig. Nicht nur in der Krise. Auch danach. Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit, freuen Sie sich an den neuen Freiheiten, trage Sie Sorge zu sich selber und zu anderen Menschen. Martin Baumgartner


Kräutergarten
31.05.2020
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