Lernen, lernen, lernen...

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Wenn mir als Theologiestudierende kurz vor den Prüfungen am Semesterende (eben gerade jetzt) der Kopf raucht, denke ich an Kohelet 12,12: "Und überdies hinaus - mein Sohn, lass dich warnen! - werden viele Bücher gemacht, ohne Ende, doch das viele Studieren ermüdet den Leib." Ach, wie schön, dass wir in der Bibel für alle Lebenslagen Trost finden und sie auch mit Humor lesen dürfen! Tatsächlich ermüdet das Studieren, vor allem das viele Sitzen einen Teil des Leibes sehr, aber dafür beflügelt es den Geist um so mehr.
Admin Steig,
Im Moment darf ich viel über das Thema "Interreligiöser Dialog - die christliche Religion im Umgang mit anderen Religionen“ lernen. Das ist ein Thema was mir in meiner Arbeit in der Sozialdiakonie ja durchaus dienlich sein kann. Und sei es nur - und das ist eigentlich schon die halbe Miete - dass ich eine Offenheit für mein Gegenüber an den Tag lege.

Ich nehme Sie jetzt einfach einmal auf einen kleinen und stark abgekürzten Streifzug durch die Theologiegeschichte mit. Es ist spannend, wie sich christliche Theologen aller Jahrhunderte positionierten, um ihren Glauben rangen, ihn beweisen, verteidigen, ehren wollten und ihn leider Gottes manchmal aber auch missbrauchten. Man denke nur an die Rechtfertigung für die Kreuzzüge und die tiefe Überzeugung den Nichtchristen am Ende etwas Gutes zu tun, wenn man sie mit Feuer und Schwert bekehre.

Es gibt aber auch die andere Seite. Ich begegnete in meinen Studien Niklaus von Kues, der im 15. Jahrhundert lebte und einen für seine Zeit absolut revolutionären Gedanken hatte. Er nannte ihn religio una in rituum varietate, was soviel heisst wie eine Religion in verschiedenen Riten. Er glaubte fest, dass die Menschen denselben Gott in verschiedenen Religionen mit verschiedenen Namen suchten. Wenn man nur die Gemeinsamkeiten und die Übereinstimmungen herausarbeiten könnte, darüber, wer Gott sei, dann würde Religionsfrieden herrschen. Niklaus blieb jedoch lange ungehört. Über viele Jahrhunderte setzte sich eher das Modell durch, dass die anderen Religionen zwar auch Offenbarungen Gottes seien, aber dass sie noch unterwegs waren zur Christusoffenbarung. Dementsprechend dachten auch die Vertreter anderer Religionen, ihre sei die einzig wahre.

Erinnern Sie sich an Lessings Nathan der Weise? Gotthold Ephraim Lessing lebte im 18. Jahrhundert zur Zeit der Aufklärung. Dort sehnte man sich nach einer Vernunftsreligion, die für alle galt und die man einfach verstehen konnte. Lessing baute in sein Drama die berühmte Ringparabel ein: Ein Vater hatte drei Söhne, aber nur einen Ring zu vererben. Da er Streit unter seinen Söhnen fürchtete, liess er Duplikate des Ringes anfertigen und übergab sie mit den Worten, dass der echte Ring den Träger vor Gott beliebt machte. Nun brach aber erst recht ein Streit unter den Sprösslingen aus! Ein weiser Richter ermahnte jeden der drei, sich des Ringes würdig zu erweisen, sich anzustrengen und liebenswürdig zu sein. Jeder soll glauben, dass er den echten Ring besitzt und sich dementsprechend gut verhalten.
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Pluralismus nennt man eines der Modelle in der Theologiegeschichte, die den Dialog zwischen den Religionen fördern. In dem Wort Pluralismus steckt Vielfalt drin, mehrere, nicht eines. Einer der Verfechter war John Hick (1922-2012), seines Zeichens Pfarrer mit evangelikalem Hintergrund, der als Theologieprofessor in Birmingham dozierte. Birmingham ist eine multireligiöse Stadt mit Tempeln, Kirchen und Moscheen. Zunächst irritierte ihn das sehr, dann aber machte er sich auf und suchte den Dialog. Am Ende forderte er eine Wende in der Religionstheologie: nicht mehr die Religion sollte im Zentrum stehen, sondern Gott!
Das löste natürlich viel Kritik aus: wie kann es sein, dass die Einzigkeit von Jesus Christus in Frage gestellt wird und dass man dem christlichen Glauben nicht mehr Bedeutung gibt als den anderen Religionen?

Interreligiöser Dialog muss aber nicht bedeuten, dass die eigene Religion verwässert wird. Aus der Mitte des christlichen Glaubens heraus und mit Wertschätzung für andere Religionen kann ein fruchtbarer Dialog entstehen. Das setzt voraus, dass wir gut über unseren Glauben Bescheid wissen, dass wir quasi an unserem eigenen Brückenkopf arbeiten, um zu anderen eine solide Brücke schlagen zu können. Ein schönes Bild, was uns unser Professor hier mit auf den Weg gab.
Denken Sie nur, was passieren kann, wenn die kreative und heilende Kraft Gottes die ganze Schöpfung durchdringt, wenn die Christusoffenbarung über Christus hinausgeht, wenn es Gerechtigkeit für alle Menschen gibt, wenn die Kraft des Heiligen Geistes Frieden stiftet und Begegnungen schafft. Es gibt viele Anknüpfungspunkte für neugierige Gespräche mit Andersgläubigen. Und sie verschaffen auf allen Seiten ein tieferes Verständnis für den eigenen Glauben.

Ihr seid das Salz der Erde. Wenn aber das Salz seine Schärfe verliert, womit soll es salzig gemacht werden? (Mt 5,13)

Würzen wir doch unseren Glauben wieder. Nicht mit schädlichem Geschmacksverstärker, sondern mit gesundem Salz, wohldosiert, so dass es uns guttut. Und so wünsche ich Ihnen gerade in diesen schwierigen Zeiten, die Zeit und Musse zum Bibellesen, zum Nachforschen, für Gespräche, Gebete und Meditation.

Stephanie Signer