Gebet und Gedanken zum Sonntag des Guten Hirten

Bild wird geladen... (Foto: Barbara Hermann)
Guter Gott, wie behütest Du uns heute?
Heute sprechen wir Dich an als den "Guten Hirten".
Admin Steig,
In der Herde sind die Tiere geschützt.
In der Gemeinschaft geht vieles einfacher.
Aber im Moment sind wir versprengt,
manch eine, manch einer mag sich fühlen wie ein einzelnes Tier,
das seine Herde verloren hat, jammert und klagt,
und nicht gehört wird in seiner Not.
Aus dieser Not heraus beten wir zu Dir.
Dass Dir und uns nicht ein Nächster,
nicht eine Nächste verloren geht.
Dass wir alle Kräfte bündeln und bemerken,
wo Jemand ist, der ein offenes Ohr,
eine helfende Hand,
ein gutes Wort braucht.

Hilf uns, dass wir zusammenstehen,
auch aus der Distanz heraus.
Hilf uns, neue Ideen zu entwickeln,
wie das gehen kann.
Lass uns täglich bemerken und entdecken,
wie Du uns heute behütest.
Amen.

Liebe Gemeinde
Der zweite Sonntag nach Ostern trägt die schöne Überschrift: «Die Erde ist voll der Güte/Barmherzigkeit des Herrn.» Misericordias Domini (plena est terra), wie es in der lateinischen Übersetzung heisst. Der Name dieses Sonntags leitet sich damit aus dem 33. Psalm ab.
Wir befinden uns noch im Nachklang zu Ostern und der Sonntag ist rein textlich geprägt von den biblischen Gedanken zum guten Hirten. Ich stelle meinen Gedanken deshalb den Text aus dem Johannesevangelium aus dem 10. Kapitel voran:

11 Christus spricht: Ich bin der gute Hirte.
Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.
12 Der Mietling, der nicht Hirte ist,
dem die Schafe nicht gehören,
sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht – und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie - ,
13 denn er ist ein Mietling und kümmert sich nicht um die Schafe.
14 Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen
15 und die Meinen kennen mich, wie mich der Vater kennt; und ich kenne den Vater.
Und ich lasse mein Leben für die Schafe.
16 Und ich habe noch andere Schafe,
die sind nicht aus diesem Stall;
auch sie muss ich herführen,
und sie werden meine Stimme hören,
und es wird eine Herde und ein Hirte werden.

27 Meine Schafe hören meine Stimme,
und ich kenne sie und sie folgen mir;
28 und ich gebe ihnen das ewige Leben,
und sie werden nimmermehr umkommen,
und niemand wird sie aus meiner Hand reissen.
29 Was mir mein Vater gegeben hat, ist grösser als alles,
und niemand kann es aus des Vaters Hand reissen.
30 Ich und der Vater sind eins.

Wenn ich am Waldrand entlang streife, dann sehe ich sie ab und zu auf der Wiese, die Schafe. Einen dichten Pelz tragen sie, in braun oder wollweiss oder schwarz dann und wann. Morgens liegen sie häufig eng aneinander gekuschelt da. Es ist zu spüren, dass sie sich so wohl und geborgen und sicher fühlen. Sie spüren einander. Es ist schön, dass so zu sehen. Es tut gut.
Für uns ist die Situation im Moment eine andere. Die Kontaktbeschränkung wirkt sich aus. Das Durchhalten fällt schwer. Und immer genauer muss man darauf achten, beim Einkaufen (wenn man denn gehen kann) den Abstand einzuhalten, die Hände zu desinfizieren. Und die einen oder anderen können es bald auch nicht mehr hören. Und dennoch. Wir müssen da durch. Es geht gar nicht anders. Da nützt alles Jammern und Klagen nichts. Wobei, Jammern und Klagen sind manchmal nötig. Abgeben, was belastet, seine Seele von Kummer befreien, sich Jemandem anzuvertrauen. Das ist wichtig, gerade jetzt. Ja, es bleibt die Frage, wie behütet uns Gott heute, jetzt, in diesen Wochen. Wie spüren wir die Kraft und Energie, jetzt nicht nachzulassen.
Uns jeden Tag wieder neu darauf zu besinnen, was gut ist, was möglich ist, was uns geschenkt wird, in allem. Durch das Lesen der Psalmen lerne ich wieder neu, dass der Psalmbeter sich in seiner Not in das Vertrauen hineinbetet. Durch Klagen und Flehen und Bitten hindurch. So lange, bis er die Gewissheit (die er hat) auch wieder spürt. In allen Fasern seines Seins. Und manchmal dauert das lange. Aber trotzdem, dranbleiben…
Meine Schafe hören meine Stimme, sagt Jesus.
Im Moment scheinen mir diese Worte die wichtigsten in diesem Text zu sein.
Lassen Sie uns diese für einen Moment auf uns übertragen.
Ihr hört meine Stimme. So könnte es Jesus auch sagen.
Wir Menschen brauchen die Ansprache. Schon das neugeborene Baby reagiert auf die Stimme seiner Eltern. Es ist nicht nur die hörbare, sondern auch eine gefühlte. Auch die Geborgenheit ist im Herzen hörbar.
Wir Menschen brauchen die Ansprache.
Wir brauchen sie zum Leben und zum Überleben, die Trost-Worte, die Mut-Worte, die Verzeih-Worte, die Liebes-Worte, die Worte, die uns hören und spüren lassen, dass es uns gibt. Dass wir wahrgenommen sind, dass wir wichtig sind und wertvoll. Wir brauchen Worte, die wir miteinander teilen können, miteinander sprechen, wie ein Gebet. Worte, die wir miteinander singen können, damit die Welt erklingt.
Aus Gottes Wort ist die Welt hervorgegangen. Gottes Wort ist der Same allen Lebens. Und die Pflege dieses Wortes ist, dass wir miteinander und mit Gott im Gespräch bleiben. Dass wir reden, über das, was uns traurig macht, und über das, was uns fröhlich macht. Und, zur Pflege dieses Wortes ist es nötig, dass wir zuhören. Dass wir hinhören. Auf die hoffnungsvollen Worte, die Jesus spricht. Auf die schmerzerfüllten Worte, die Jesus spricht. An Karfreitag hat er sich in die Gegenwart Gottes hineingeschrien: Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen. Auf dem Weg nach Emmaus begleitet der Auferstandene die zutiefst betrübten Jünger. Mit ihnen bricht der das Brot. Damit ist alles gesagt.

27 Meine Schafe hören meine Stimme,
und ich kenne sie und sie folgen mir;
28 und ich gebe ihnen das ewige Leben,
und sie werden nimmermehr umkommen,
und niemand wird sie aus meiner Hand reissen.

Die Angesprochenen sind wir.
Amen.

Bleiben Sie behütet und gesund!
Pfarrerin Nyree Heckmann
Schafe
27.04.2020
6 Bilder