Ameisen!

Bild wird geladen...
Jetzt, wo wir uns in den eigenen vier Wänden aufhalten, wird öfters Alltägliches zum Gleichnis.
Admin Steig,
Beim Blumen-Giessen fällt mir auf dem kleinen Möbel, wo viele Pflanzen stehen, plötzlich eine Ameisenstrasse auf. Ja, natürlich! Es ist Frühling, und die Ameisen kommen alle Jahre wieder! Wenigstens das ist wie immer. Das kann man ja von Vielem nicht mehr sagen. Wenn es mir zu bunt wird, rücke ich den Ameisen jeweils mit einem Köder zu Leibe. «Müsste ich noch schnell kaufen», geht es mir spontan durch den Kopf. Aber Halt! Das geht ja nicht. Das ist eben auch nicht wie immer! «Noch schnell» geht jetzt nicht mehr. Im Alleralltäglichsten holt uns die neue Realität ein. Unser Leben ist verlangsamt. Ich atme darum tief durch und schaue den Ameisen zu, statt daran zu denken, wie ich sie wieder loswerde.

Sie spazieren hart an der Kante des Möbels, am äussersten Rand. So kommt mir unser Leben jetzt oft auch vor. Bei aller Disziplin, bei aller Vernunft, bei allen unbestritten auch guten Momenten in der aktuellen Situation gibt es auch diese bangen Momente, wo alles wie ein Weg hart am Abgrund erscheint und persönlich düstere Gedanken ihren Weg finden, selbst wenn ich ihnen nicht Raum geben möchte. Meine Gedanken eilen zu den Menschen, die auch an dieser äussersten Kante unterwegs sind. Ich denke an den Kummer jener Frau, die ihren Mann im Altersheim jetzt nicht besuchen kann und sich mit Vorwürfen quält, warum sie ihn nicht daheim weitergepflegt hat. Ich denke an junge Menschen, die unter erschwerten Bedingungen Lehr- und Studienabschlüsse machen müssen und an jene, deren Lehrstellensuche stagniert. An Familien, die jetzt eng und lange miteinander verweilen müssen. An Eltern in Mehrfachbelastungen mit Homeoffice und Kindern in Homeschooling. An Arbeitnehmende und Arbeitgebende, zutiefst verunsichert über weitere Perspektiven. Ich denke an Kranke, die sich aus Angst nicht mehr zum Arzt wagen. Und das Grauen packt mich, wenn ich an die katastrophale Situation in Flüchtlingslagern denke.

Wege hart an der Kante. Ganz unterschiedliche Wege. Es steht uns nicht zu und es widerspricht jeder Würde, eine Not gegen die andere ausspielen. Manche Wirtschafter rechnen jetzt aus, was ein Jahr gerettetes Menschenleben im aktuellen Lock-Down die Wirtschaft und damit auch die Gesellschaft kostet. Auch das ist ein Weg des Fragens am absoluten Abgrund. Hilflos auch da.

Ich erwache aus meinen Gedanken und komme zurück zur Ameisenstrasse. Unbeirrt krabbeln sie hart am Abgrund. Inzwischen habe ich den Blumentopf entdeckt, der sie lockt. Es ist die einzig blühende Pflanze in all dem Grün, das da steht. Alle anderen Pflanzen sind nicht interessant. Die Ameisen krabbeln in genau diesen Übertopf und gehen dann ihren Weg zurück, manche auf Umwegen, bevor sie in der Ritze des Täfers verschwinden.
Not aushalten, Fragen aushalten, Ungereimtheiten aushalten, keine Antwort wissen und doch die Augen nicht verschliessen, im Ungewissen sein, wie es morgen und übermorgen aussehen wird, das ist schwer. Und Worte und Lösungen nur immer für den einen Moment zu haben, darin sind wir nicht geübt.

Die eine blühende Pflanze, zu der die Ameisen ihren Weg gefunden haben, erinnert mich an den schönen Vers aus dem Buch Jeremia, die uns vom Segen für den Menschen erzählt, der seine Wurzeln nach Gott ausstreckt. Mein «blühender Topf» ist das Gebet. Da kann ich klagen, da kann ich bitten für all die Wege am Abgrund, da kann ich Ruhe finden und danken für die Fülle von zwischenmenschlicher Fürsorge, die jetzt überall und kreativ gelebt wird, da wird wirklich alles relativ – relativ zu dem Gott, der mit uns ist. Da finde ich immer neu zur Demut, die uns allen Not tut. Die Demut auch, die Not tut, wenn eine Stimme der Macherin in mir zuflüstert, das sei wenig. Beten, der Weg zum «blühenden Topf» ist jetzt auch Arbeit am Vertrauen, dass Gott unsere Welt nicht sich selbst überlässt. Es ist die einzige Demut, die klug macht.

«Gesegnet ist der Mensch, der sich auf Gott verlässt». Wenn Kirchenglocken über unsere Stadt und unser Land und viele Länder klingen und ich weiss, dass Menschen in ihren Häusern still werden für ein Gebet – wenn jeden Abend um halb neun in Siebenbürgen Menschen in ihren Häusern einen Bibeltext lesen und beten und ich es mit ihnen tun kann – wenn ich weiss, dass an sehr vielen Orten Ähnliches geschieht - dann wird die Welt in unseren Häusern plötzlich weit und das Vertrauen, dass wir als Gemeinschaft jeden Tag einen Schritt weiter gehen und die Sorge dieses Tages bestehen, und sei es hart an der Kante, wird gestärkt. Gott sei Dank.

Es hat seine guten Seiten, eine Ameisenstrasse im Haus zu haben!
Karin Baumgartner