Eine Woche mit Pestalozzi

Bild wird geladen...
Es war ein schöner Abschluss unserer Seniorenwoche in Sainte-Croix, als wir uns zu Füssen des Pestalozzi-Denkmals in Yverdon für ein Gruppenfoto besammelten, bevor alle in verschiedene Richtungen die Altstadt erkundeten.
Admin Steig,
Johann Heinrich Pestalozzi - dieser so widersprüchliche und doch liebevolle Träumer hat uns jeden Tag begleitet, wenn wir uns am Morgen mit seinem Leben beschäftigten, das geprägt war von seinem Idealismus und vielen Erfahrungen des Scheiterns. Davor besuchten wir aber noch das Grab seiner Frau Anna auf dem Friedhof in Yverdon und lasen dort einen der vielen Liebesbriefe, die sie von ihrem so schwierigen Lebensgefährten bekommen hat. «Sehende Liebe» - mit diesem Begriff aus seinen unzähligen Schriften haben wir versucht, seine Botschaft zu verstehen, und das Gleichnis vom Sämann, der so viele Misserfolge erlebt und trotzdem seine Saat weiter ausstreut, hat uns Mut gemacht, auch die schwierigen Erfahrungen des Alters besser anzunehmen. Einmal mehr war es eine intensive Erfahrung von Gemeinschaft und eine Woche voller Entdeckungen, wenn wir jeweils vor dem Mittag zu einer Fahrt durch den Jura aufgebrochen sind. Und jedes Mal waren wir von dieser Landschaft begeistert, von den Wiesen voller Blumen und den Tannen dazwischen, von die vielen Kühe und den wunderbaren Ausblicken.
Schon den ersten Tag konnten wir so richtig geniessen, und zwar am Waldrand mit einem Picknick und gebratenen Würsten, liebevoll zubereitet von Marina Capaccini, der Gastgeberin im Hotel de France, die uns die ganze Woche verwöhnt und uns bestens betreut hat. Ein Museum für Musikautomaten erinnerte uns dann an die Zeit, wo Saint-Croix ein blühender Industrieort mit 7000 Einwohnern war, als hier auch die bekannten Hermes Schreibmaschinen und die Bolex-Kameras hergestellt wurden. Doch diese Zeiten sind längst vorbei, und die vielen Fabrikgebäude müssen heute anders genutzt werden. Für uns aber war dieser Ort ein idealer Ausgangspunkt für unsere Fahrten durch den Jura. Die ‘Ferme Le Soliat’ hat eine grosse Gartenwirtschaft, wo wir uns verpflegten, bevor fast alle den kleinen Aufstieg zum Creux du Van wagten, um dort in den Abgrund zu blicken. Im Val de Travers hörten wir von Jean-Jacques Rousseau, dem berühmten Aufklärer, der für Pestalozzi so wichtig war und der eine kurze Zeit in Môtiers wohnte, bevor er auf die Petersinsel weiterflüchtete. Am nächsten Tag ging es in die andere Richtung an den Lac de Joux, wo wir ein altes kleines Boot bestiegen und darauf unseren Lunch assen, bevor wir in Romainmôtiers dann einen von vielen Höhepunkten unserer Reise erlebten, den Besuch einer der ältesten romanischen Kirchen der Schweiz und dann noch einen Kaffee im Schloss, das von Katharina von Arx liebevoll renoviert wurde. La Brevine und Les Brenets waren das Ziel eines nächsten Ausflugs, und so ging diese Woche schnell vorbei, von der wir noch lange und viel erzählen könnten.
Das Wetter war ein wenig unberechenbar, aber angenehm, und im Hotel fühlten wir uns schnell heimisch. Hier gab es sogar einmal eine Degustation von Absinth, der uns gut schmeckte, auch wenn wir der berühmten grünen Fee nicht begegnet sind. Und immer wieder waren wir gespannt auf das Nachtessen, das uns mit allerlei einheimischen Köstlichkeiten überraschte. Das schönste aber war immer wieder die Erfahrung gegenseitiger Unterstützung und das Verständnis für die Schwächen des Alters, wo uns vielleicht auch Pestalozzi mit seiner grossartigen Menschlichkeit geholfen hat, denn er konnte sehr offen auch von seinen Fehlern reden, und so verabschiedeten wir uns auf der Rückreise an seinem Grab in Birr vom grossen Menschenfreund. Es bleibt der Dank für die sorgfältige und vorausschauende Planung unserer Sozialdiakonin Bea Graf, die immer an alles gedacht hat, und für die liebevolle Begleitung von Martha Pfeiffer.
Markus Sieber
Sainte Croix
15.06.2018
48 Bilder
weitere Bilder anzeigen