Was ist eigentlich Seelsorge?
Auch wenn der Begriff in aller Munde ist, lohnt es sich, ihm auf den Grund zu gehen. Es wird niemand den Wert und die Notwendigkeit von Seelsorge bestreiten, auch Atheisten nicht, obschon der Begriff Seele eigentlich religiöser Natur ist.
Peter Vogelsanger,
Wir Menschen bestehen aus einem Körper. Dieser wird von einem Geist bewegt. Aber da ist noch etwas Drittes. Auch ein verwirrter Geist hat, resp. ist eine gute Seele. Wir Menschen sind mehr als nur Körper und Geist. Bei diesem Dritten wird es religiös. Man kann dieses Dritte nicht naturwissenschaftlich fassen. Sitzt es im Herzen oder im Kopf - oder in der Leber, wie antike Forscher vermuteten? Die Seele ist offenbar unabhängig von Körper und Geist. Der Körper kann alt und der Geist verwirrt sein. Die Seele wird davon nicht betroffen. Wir Christen gehen davon aus, dass die Seele ewig ist. Sie ist das Subjekt unserer Empfindungen und das Gegenüber unserer menschlichen Beziehungen. Psychologisch können wir die Seele mit dem "Ich" identifizieren. Das Wort Gottes bei der Taufe zielt weniger auf den Körper und auch nicht auf den Geist, sondern auf die Seele: "Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du gehörst zu mir" (Jes 43/1).
Der Begriff "-sorge" geht davon aus, dass wir unserer Seele Sorge tragen sollen. Die Seele braucht Aufmerksamkeit, Raum und Zeit. Sie muss vor Verletzungen geschützt werden. Eigentlich erstaunlich, mit wie viel Geld und Zeit wir unseren Körper und unseren Geist umsorgen, und wie wenig unsere Seele. Seelsorge ist in erster Linie Aufgabe von jedem Einzelnen. Wir bewahren unsere Seele vor dem Bösen und schützen sie vor Versuchungen. Im Gebet bitten wir Gott, unsere Seele aus den Verstrickungen von Teufelskreisen zu befreien. Wenn jemand gestorben ist, bitten wir darum, dass die Seele ihren Weg zurück zu Gott findet.
Wie in der Medizin für den Körper und in den Hochschulen und den Künsten für den Geist gibt es Fachleute, die sich professionell um die Seele kümmern. Wir sind speziell ausgebildet und stehen unter einer strengen Schweigepflicht, dem Seelsorgegeheimnis. Dieses wird bis heute durchgehend von Polizei, Verwaltung, Spitälern usw. respektiert und öffnet uns manche Tür. Die Seelsorge findet einerseits in vertraulichen Vier-Augen-Begegnungen statt. Eine gute Seelsorgerin, ein guter Seelsorger drängt sich aber nicht auf. Wir lassen uns hingegen gern einladen.
Andererseits laden wir Seelsorger regelmässig zu Anlässen ein, in denen es um die Seele geht. In der Stunde des Gottesdienstes setzen wir uns guten Worten aus, lassen uns von positiver Musik erfassen, beten für unser "Seelenheil" und singen bewegende Lieder. In der Weihnachtsgeschichte, den Diskussionskreisen, Kalenderblättern usw. geht es um die Care-Arbeit für die Seele. Wir richten unsere Seelen gemeinsam auf Gott aus: unserem seelischen Vater, dem grossen "Ur-Seelsorger".
für die Seelsorgerinnen und Seelsorger in der la Résidence, Peter Vogelsanger