Marianne Näf-Bräker

Nützt mein Verzicht anderen?

Suppenzmittag 2019<div class='url' style='display:none;'>/kg/gaechlingen/</div><div class='dom' style='display:none;'>ref-sh.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>4935</div><div class='bid' style='display:none;'>51072</div><div class='usr' style='display:none;'>276</div>

Eine einfache Aufgabe: Vor den Kindern, die den Gottesdienst besuchen, steht je ein Teller mit zwölf Smarties. Am Ende des Gottesdienstes bekommen sie nochmals so viele Smarties, wie am Schluss noch auf dem Teller liegen. Wie viele Smarties werden wohl am Schluss noch übrig sein?
Anja Ryser,
Am Sonntag, dem 17. März fand in Gächlingen der Gottesdienst mit anschliessendem Suppenzmittag statt. Unter der Mitwirkung der Viertklässler und der Mitenandband entstand ein bunter Gottesdienst, in dem es um die Fragen: „Nützt mein Verzicht? Und wenn ja, wem?“ ging. Die Viertklässler führten vor dem Gottesdienst eine Umfrage zum Thema Fasten und Verzichten durch. Fast ein Drittel der Leute verzichtet in dieser Fastenzeit auf etwas. Der absolute Favorit ist dabei der Verzicht auf Süssigkeiten. Aber für wen fasten wir?

Ich könnte ja eines nehmen, dann habe ich am Schluss immer noch zweiundzwanzig Smarties. Aber wenn ich durchhalte und keines esse, habe ich am Schluss vierundzwanzig – Mit diesem Gedanken sassen die Kinder während der Predigt vor ihren Smarties- und schoben den Teller soweit es ging von sich weg. Nicht hinschauen, denn wenn ich sie nicht sehe, will ich sie auch nicht essen…

Im Mittelalter war das Fasten von der Kirche vorgeschrieben: Es galten strenge Regeln, wie und auf was man verzichten musste, und jeder musste sich daran halten. Das Ziel: Durch strengen Verzicht Gott näher zu kommen und sich auf Karfreitag zu besinnen. Statt zu essen nutzte man die Zeit, um zu beten. Umso grösser war die Empörung, als der Zürcher Reformator Zwingli in der Fastenzeit einem Wurstessen beiwohnte (Fleisch war in der Fastenzeit streng verboten). Heute sind wir freier in der Entscheidung, auf was wir verzichten wollen. Aber diese Zeit nutzen, um sich wieder auf die wichtigen Dinge zu besinnen – und Gott näher zu kommen, das können wir auch heute noch.

Ein Angebot: Wer möchte einen Apfel haben? Er sieht verlockend saftig und rot aus. Der Haken an der Sache: Für den Apfel müsste man alle seine Smarties eintauschen. Nun sieht er doch nicht mehr ganz so verlockend aus.

Heute fasten wir meist aus anderen Gründen: Zum Beispiel zur Selbstoptimierung. Man verzichtet auf Süssigkeiten, weil diese ungesund sind. Oder wir verzichten auf dieses und jenes, weil das unsere Produktivität steigern soll. Dieser Verzicht nützt vor allem uns selber.

Pfarrer Werner Näf macht darauf aufmerksam, dass zwei, die vor einem Smarties-Teller sitzen, je nur ein einziges Smarties haben. Möchte eines der Kinder von seinen Smarties abgeben, um ihnen zu helfen? Aber Achtung: gibt man ein Smarties ab, bekommt man es auch am Schluss nicht wieder zurück. Nach kurzem Zögern ist der Fall für alle klar: Jedes der Kinder nimmt mindestens eins seiner Smarties und gibt es jemandem von den beiden. Nun ist die Differenz der Smarties von ihnen und allen anderen nicht mehr so gross.

Verzicht kann auch explizit anderen helfen: Ich gebe ein Teil, von dem was ich habe ab, um es jemand anderem zu geben. Auch Spenden ist somit eine Art von Verzicht. Das nützt allen: der Geber fühlt sich gut, weil er etwas Gutes getan hat, dem Beschenkten geht es besser, wenn ihm etwas gegeben wird, das er braucht. So profitieren alle.

Je länger die Zeit vergeht, desto verlockender liegen die Smarties da. Vielleicht könnte man kurz an einem Lecken, nur um zu sehen, ob es wirklich nach Smarties schmeckt. Danach wird es aber ganz schnell zurückgelegt.

Doch was machen wir, wenn das Verzichten, das nötig wäre, plötzlich grösser ist, als das in unserer Vorstellung? Wenn mein Auftrag von mir viel mehr verlangt, als ich zu geben bereit bin? So ging es wohl Albert Schweitzer- er hätte hier in der Schweiz wahrscheinlich eine grossartige Karriere vor sich gehabt. Doch auf diese verzichtete er, als er sich entschied, in die armen Länder in Afrika zu reisen und dort Spitäler aufzubauen. Dasselbe gilt schon im Kleinen: Man denke nur an all die Leute, die auf ihre Freizeit verzichten, um in der Kirche freiwillig zu helfen. Diese machen solche Anlässe wie den Suppenzmittag erst möglich. Dies ist wahrscheinlich der schwierigste Verzicht. Wir müssen uns die Frage stellen: Gehe ich meinem Auftrag nach, wie ich es sollte, oder drücke ich mich davor aus Angst, dass ich auf etwas verzichten müsste?

Endlich werden die Kinder erlöst: Nun werden die übriggebliebenen Smarties gezählt und verdoppelt. Strahlend, mit Tütchen voller Smarties dürfen die Kinder wieder auf ihre Plätze sitzen. Alle Kinder haben durchgehalten – Keines hat ein Smarties gegessen. Umso besser schmecken die nun hart verdienten Smarties.

Nun stellt sich die Frage: Müssten wir nicht auch am Suppenzmittag für andere Verzichten – und wieder zurückkehren zur wässserigen Fastensuppe mit Brot? Das könnten wir – mehr Geld für das Projekt von Brot für alle, dem der Erlös dieses Sonntags zugutekommt würde es aber wahrscheinlich nicht geben. Also schlemmen wir lieber und geniessen eine gute Suppe mit Wienerli und noch ein Stück Torte am Schluss. Und stecken vielleicht am Schluss ein bisschen mehr ins Kässeli. So glustig gemacht und langsam hungrig, machten sich die Gächlinger nach dem Gottesdienst auf den Weg ins Gemeindehaus zum Suppenzmittag. Dort warteten eine auf dem Feuer gekochte Rieslingsuppe und eine Gemüsesuppe. Natürlich mit Wienerli. Bei guten Gesprächen, einer Tasse Kaffee und einem Stück von einer der vielen wunderschönen Torten blieb man gerne noch etwas sitzen.
Bereitgestellt: 23.03.2019     
aktualisiert mit kirchenweb.ch