Ukrainisches Essen in Beringen

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«Ukrainisches Essen von Flüchtlingsfrauen gekocht» war die Überschrift der Spendenveranstaltung in Beringen, die erfreulicherweise weitaus mehr zu bieten hatte als Mitgefühl und Worte der Solidarität.
Scarlett Martin
Beringen Das Restaurant Gemeindehaus ist jedem bekannt, diese Tatsache machte man sich für einen Spendenanlass der besonderen Art zu nutze. «Ukrainisches Essen von Flüchtlingsfrauen gekocht» lautete der Titel des Flyers, welcher zum Anlass am Freitag, dem 8. April 2022 einlud. Dort haben, aus der Ukraine geflüchtete Frauen, original ukrainische Speisen zubereitet, um die Gäste zu verköstigen. Die Infrastruktur wurde von der Familie von Euw zur Verfügung gestellt, während die Evang. – ref. Kirchengemeinde die Kosten sämtlicher Lebensmittel trug. Ziel war es, den Menschen zu helfen, welche nicht die Möglichkeit hatten – oder sich dagegen entschieden haben – aus der Ukraine zu flüchten. Diesbezüglich versuchte man Spenden für die Protestantische Solidarität Schaffhausen zu sammeln. Auf meine Frage hin, ob die Spendengelder aus der Kirchenkasse auch für anderes eingesetzt werden, erklärte Frau Lüthi (Mitarbeiterin Sozialdiakonie): «Nein, nein. Die Spenden, die heute eingehen, werden auch so gekennzeichnet und kommen entsprechend nur der «Nothilfe Ukraine» zugute!» Auch Pfarrerin Jutta Schenk ging bei ihrer Ansprache näher auf den Einsatz der Spendengelder ein. «Wenn man schon Geld spendet, dann möchte man gern wissen, wohin denn das Geld geht.», mit diesem Satz wurde eine informative Rede eingeleitet, die sowohl die nötigen Hintergrundinformationen als auch einige zukünftige Pläne in Bezug auf die Nothilfe Ukraine enthielt. Am Ende bat sie darum, dass man in dieser Sache grosszügig sein möge. Und ihre Bitte wurde gehört! Neben wiederholten Lobeshymnen auf das Essen, gingen Spenden von zirka 50 Franken pro Gast ein. Diese Summe klingt an sich schon beeindruckend, nun kommt die Tatsache hinzu, dass (bei bis zu 80 erwarteten Gästen) über 100 Personen am Spendenessen teilnahmen! In einer mittelgrossen Gemeinde wie Beringen, übertreffen diese Zahlen alle Wunschvorstellungen. Doch nicht nur spendenfreudige Schweizer nahmen sich die Zeit, um das Ereignis mitzuerleben. Auch Ukrainerinnen, die zurzeit bei Privatfamilien in Beringen oder Umgebung leben und das Inserat gesehen hatten, besuchten die Spendenaktion um ihre Hilfe anzubieten. Die 27jährige Natalia ging von sich aus auf die Leute zu, um zu platzieren, dass sie gerne für etwaige Übersetzungen zur Verfügung stehe. Natalia hatte einen Schweizer Bekannten übers Internet kontaktiert, als der Krieg immer näher rückte. Glücklicherweise konnten sie und ihre Mutter auf diese Weise dem Schlimmsten entgehen. Viele Ukrainerinnen kamen durch Freude über Facebook und andere Netzwerke bei Gastfamilien im Klettgau unter, doch der Weg hierher ist weit. Manche waren bis zu eine Woche oder länger mit Reisebussen und Zügen nach Schaffhausen unterwegs. Die Veranstaltung empfanden viele geflüchtete Ukrainerinnen als wohltuende Ablenkung. Besonders gefreut haben sie sich darüber, dass sie an diesem Abend Gleichgesinnten begegnen, Nummern austauschen und sich in ihrer Landessprache unterhalten konnten. Die Themen waren vielseitig. Geteilt wurden positive Erlebnisse und Schwärmereien über die Schweizer Landschaft aber auch negative Erfahrungen und ernüchternde Schilderungen fanden sich in den Gesprächen des 8.4. im Restaurant Gemeindehaus wieder. Einige Frauen berichteten von Bombeneinschlägen in der Nachbarschaft, Teppichen, die durch die Decken zerstörter Wohnungen in die unteren Etagen fielen, sowie von weitaus Schlimmerem. «Doch die Unterstützung ist überall sehr gross!», so Natalia. Sie sprach von der Herzlichkeit der Menschen in den schlimmsten Situationen. Sie erzählte nicht nur von hilfsbereiten Mitreisenden im Bus, sondern auch von einem Nachbarn der den Kellerraum, in dem sie und ihre Mutter Unterschlupf fanden, mit Plachen auslegte, um Mitmenschen mit allergischen Reaktionen vor dem Staub zu schützen und dem liebevollen Empfang der Schweizer an der Grenze. Immer wieder sprachen die ukrainischen Frauen an diesem Abend über die Hilfsbereitschaft der Schweizer und den grossen Herzen ihrer Gastfamilien. Ihr Wunsch etwas zurückzugeben ist gross. Natalia sagt: «Ich konnte nicht viel machen heute Abend. Sie sind schon so viele in der Küche. Den Gästen helfen und Brot verteilen konnte ich. Es ist wenig.», darum bot sie ihre Dienste als Dolmetscherin an. Mit dem Gefühl etwas zurückgeben zu wollen und dem Wunsch mehr zu tun steht sie nicht allein da. Dieser Gedanke setzte schliesslich den Grundpfeiler für die Idee eines ukrainischen Essens als Spendenanlass. «Sie möchten unbedingt mithelfen, sie wollen etwas tun, aktiv sein, dass sagen mir die Frauen immer wieder!», so Herr von Euw, der selbst sofort handelte und die Initiative ergriff, um mehrere Ukrainerinnen bei sich aufzunehmen. Auch sie hatten ausschliesslich positive Worte in Bezug auf ihre Gastgeber und die Freundlichkeit der Besucher am Freitagabend. Trotz aller Dankbarkeit wären die meisten im Restaurant anwesenden Ukrainerinnen aber lieber Zuhause. Nicht in einem zerstörten, brennenden, gefährlichen Zuhause wohlgemerkt – sondern in dem gesellschaftlich-, wirtschaftlich-, funktionierenden Land, indem sie aufgewachsen sind. Begleitet von der Hoffnung, dass dieser Wunsch sich so bald als möglich manifestieren kann, findet im Juni das nächste gemeinnützige Event statt: «Gebäck für Nachbarn in Not». Der Gebäck-Verkauf, der von der Evang. – ref. Kirchengemeinde organisiert und durchgeführt wird, soll ebenfalls der protestantischen Solidarität SH zugutekommen, welche u.a. ein Diakonisches Zentrum in Beregszàsz (West Ukraine) unterstützt, das momentan für Geflüchtete arbeitet. (sta)
Scarlett Martin