Nicht vom Winde verweht - Predigt vom 17.+24.1.21

Bild wird geladen...
Wohl dem, der nicht wandelt nach dem Rat der Gottlosen … sondern hat Freude an der Weisung des Ewigen und beschäftigt sich mit dieser Weisung bei Tag und bei Nacht … (Psalm 1).
Dieses Privileg, liebe Gemeinde das habe ich – dank Ihnen. Ich darf mich mit Gottes Weisung beschäftigen, ja soll es sogar. Und ich habe tatsächlich viel Freude daran, bei Tag und bei Nacht.
Joachim Finger,
In den Jahren hier in Beringen habe ich so viel gelernt aus diesem Buch. Es spricht von menschlichen und allzu menschlichen Erfahrungen mit Gott, von Versagen und Missverständnissen und Rebellion und Konsequenzen, vom menschlichen Leben eben, wie es ist – und von dem Gott, der die Menschen trotz-dem nicht aufgibt und das noch mit der grösstmöglichen Konsequenz zeigt.
„Man scheint sich darin einig zu sein, nur dann übers Verlieren zu reden, wenn man nie oder fast nie oder seit Ewigkeiten nicht mehr verloren hat. Interessant zum Beispiel, dass die längsten Zeitungsinterviews übers Verlieren mit Menschen geführt werden, die praktisch nur gewinnen.“ (AZ 14.1.2021, Kevin Brühlmann, Kolumne, S. 23)
Die Bibel spricht von Verlierern, erzählt nicht nur Heldengeschichten. Erzählt von Trotzköpfen, nicht nur von Frommen und Gehorsamen. Berichtet von mangelndem Weit- und Durchblick, nicht nur von Allwissen und-macht. Und zwischen den Zeilen dieser Erlebnisse und Erfahrungen finde ich die Weite Gottes.
Bibel lesen richtet aus, stellt Fragen, regt zum Nachdenken an. Bibel lesen heisst nicht, dass ich alles für wahr halten muss, was drin steht. Die Bibel ist nicht gleich die Weisung Gottes, aber die Weisung Gottes erklingt in der Bibel und regt sie an, in mir zu schwingen, zu klingen, zu singen. Sie damit bei Tag und bei Nacht zu beschäftigen heisst nicht, sie auswendig lernen, sondern sie in mich aufnehmen, damit ich spüren kann, wo ich hängen bleibe, wo et-was in mir anklingt, wo ich nachforschen muss, was ich Gott dazu fragen will. Sich ständig damit zu beschäftigen kann sogar heissen, sie gegen den Strich bürsten oder mit Gott streiten.
Denn manches, was in der Bibel steht, ist doch wirklich allzu menschlich.
Aber gerade weil die Bibel menschlich ist, ist sie göttlich. Sie entspricht dem menschgewordenen Gott, der sich auf alle Niederungen einlässt.

Ja, also, wer die die Bibel liest, „der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasser-bächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, seine Blätter fallen nicht und alles, was er tut, gelingt ihm wohl“. So etwa habe ich Psalm 1 einmal auswendig gelernt im Konfunti. Vor ein paar Tagen habe ich etwas Interessantes im TV gehört: Gläubige Menschen neigen deutlich weniger zu Depressionen, zum Absinken in Sorgen, haben mehr „Resilienz“ wie man heute sagt.
Aber dann geht heisst es weiter in Psalm 1:
«Nicht so die Gottlosen – sie sind wie Spreu, die der Wind verweht.»
Tja, Bibel lesen nützt nichts, wenn es nicht ins Herz dringt. Und vor allem auch dann nichts, wenn es selbstgerecht macht.
Aber die Spreu ist doch auch für etwas gut – sie dient als Einstreu, das Vieh frisst sie, man kann damit mulchen oder düngen, oder? Nein, ein «Gottloser» ist nicht einfach „vom Winde verweht“ – er hinterlässt Spuren, leider, manchmal sehr nachhaltige. Das zeigt auch die Bibel selbst, denn Könige, die so qualifiziert werden, wie etwa Ahab, ja, die werden nicht ausgelassen sondern wir lesen von ihnen bis heute. Wir erinnern uns an solche Menschen allerdings mit Schaudern, nicht mit Dankbarkeit.
Aber vielleicht geht es da ja noch um etwas ganz anderes:
Wenn der Wind einen Weg verweht, dann ist er nicht mehr sichtbar. Bei uns kann man vielleicht an einen Schneesturm denken, in Wüsten- und Steppengebieten aber an einen Sandsturm. Wenn ich keinen Weg mehr vor mir habe, dann kann ich mich verirren, dann verliere ich das Ziel aus den Augen, dann habe ich nur noch den Weg, den ich mir selbst mache.
Ist das der Weg der Gottlosen? Solcher Menschen, die nur noch ihren eigenen Weg sehen, die sich an keinen vorgegebenen Weg halten wollen, nur noch „ich, ich, ich“?
Dann ist die Aussage von Psalm 1 nicht eine Aussage über die Vergänglichkeit gottloser Wege, sondern über die Qualität gottloser Wege.
Und darüber, dass es sich lohnt, sich einen Weg zu suchen, der Bestand hat, der mir auch im Sand- oder Schneesturm sichtbar bleibt, damit ich buchstäblich auch in stürmischen Zeiten einen Weg unter den Füssen habe, Boden unter den Füssen habe.
Und dann wird einsichtig, warum das so ist, was der Bericht im TV aussagte:
Das gläubige Menschen nämlich resilienter sind – sie haben Wegmarken, die der Wind nicht verweht.