Das Blaue vom Himmel - Predigt vom 17.5.20

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„Das Blaue vom Himmel versprechen“ nennen wir es, wenn unrealistische Versprechungen gemacht werden. Das Blaue vom Himmel versprechen – das machen Politiker ab und zu im Wahlkampf und manchmal auch die Werbung. „Den Himmel auf Erden“ zu erwarten, ist jedoch ziemlich „blauäugig“. Wie aber, wenn der Himmel doch durchaus geerdet auf dem Boden der Tatsachen zu finden wäre?
Joachim Finger,
Der Himmel ist über uns, wir leben unten auf der Erde und das Wasser ist noch weiter unten. Im Grunde unterscheidet sich das Weltbild unserer alltäglichen Erfahrung kaum von dem, das die meisten Menschen zur Zeit Jesu hatten., Auch wenn wir mit beiden Füssen auf dem Boden stehen geht ein Himmelfahrtsblick immer noch nach oben und es gibt andrerseits Zeiten, in denen wir abtauchen möchten.
Darum ist es nicht verwunderlich, dass wir das Fest „Christi Himmelfahrt“ bei uns Auffahrt nennen und es traditionell aus den Randengemeinden „in Randen ue hauet“, um es mit Otto Uehlingers Randenlied auszudrücken – in diesem Jahr halt nicht zum Zelglitreffen, sondern zum individuellen Zelglispaziergang.
Und das Bild eines Jesus, der auf einer Wolke emporgehoben wird, lässt sich genauso schön darstellen wie das des Jesus, der am Ende der Zeiten auf einer ebensolchen Wolke wiederkommen wird (Apg 1,11), „zu richten die Lebenden und die Toten“.
Aber will uns die Bibel tatsächlich erzählen, dass Jesus jetzt erst einmal für eine gewisse Zeit auf Distanz zur Erde geht wie die die Astronauten, die zur Raumstation fliegen?
Seine Schülerinnen und Schüler sprechen Jesus oft mit Rabbi oder Lehrer an. Sie betrachteten ihn als einen, der sie die Weisung Gottes, die Torah, die Schriften und Propheten lehrt. Und genau das tat er. Mit seinem ganzen Leben – auch mit der Himmelfahrt.
Die bekannteste Himmelfahrt damals war die des Propheten Elijahu, der vor den Augen seines Jünger Elischa entrückt wurde. Auch Elija versprach vor seinem Abschied etwas, aber nicht „das Blaue vom Himmel“, sondern sehr realistisch: Wir werden sehen, je nachdem, wie du meinen Abschied wahrnimmst, wird sich zeigen, ob dir meine Gabe zuteil wird oder nicht (frei nach 2Kö 2,10).
Erstens nimmt also Elija die Gabe, die ihm verliehen wurde, nicht einfach mit in den Himmel, zweitens sagt er, dass es auf eine gewisse Wahrnehmung ankommt, dass es also auch auf das ankommt, was auf der Erde weitergeht, und drittens sagt er auch noch, dass diese Begabung durchaus auch mit Plackerei verbunden ist.
Wenn wir uns nun deutlich machen, dass Himmel auch zur Zeit Jesu nicht nur einfach „das da oben“ meinte, sondern ein Bildwort für Gott bzw. das Reich Gottes war;
wenn wir nun daran denken, dass Jesus sagte, „das Reich Gottes ist mitten unter euch“ und sowohl dieses Reich als auch die Anwesenheit Gottes nicht fern am Firmament ist, sondern um uns wie die Luft die wir atmen;
wenn wir uns daran erinnern, dass Jesus Gott nicht nur predigte, sondern lebte, indem sich überall, wo er wirkte, ein Stück Himmel auf Erden ereignete ….
Ja, wo ist dann der Himmel, in den Jesus „auf“fährt?
Die Kirchen haben über die Jahrhunderte daraus ein übernatürliches Geschehen gemacht, das sich schön darstellen lässt, und zugleich eine Hoffnungsbotschaft: So wird es euch auch gehen, wenn ihr brav seid.
Doch der Himmel, wo nur die Braven und Angepassten sind, ist nicht im Himmel und daher ist es nicht richtig, wenn Menschen auf den Himmel vertröstet werden. Der Himmel kann durchaus hier sein, die Luft, die wir atmen, das Leben, das wir führen. Weil Himmel eben nicht da ist, wo das Blaue vom Himmel versprochen wird (also quasi das Paradies), sondern wo versucht wird, Gott zu leben, ohne dass das Gottesreich dabei schon vollkommen werden muss. Wenn es nur anfängt.
Jesus ist nicht mehr als Einzelmensch sichtbar, aber in dem Beziehungsbereich, den er schon immer gelebt hat. Wo Menschen handeln und sich zueinander beziehen, wie er es gemeint hat, da ist ein Stückchen Himmel.
Und so wird er wieder kommen, im himmlischen Handeln, im himmlischen Ereignet-werden inmitten unseres grauen und manchmal krisenhaften Alltags, so wie es im Schweizerpsalm heisst: «aus dem grauen Luftgebilde bricht die Sonne klar und milde und die fromme Seele ahnt Gott im hehren Vaterland».
Ausserdem: Die Wolke, die Jesus den Blicken der Anwesenden entzog – in der Wüstenzeit Israels (in den wüsten Zeiten) war Gott in einer Wolke anwesend. Oft ist Gott, oft ist der Himmel hinter Wolken verborgen. „Ziehst im Nebelflor daher, such' ich dich im Wolkenmeer.“ Aber auch Nebel und Wolken enstehen durch die Kraft der Sonne am Himmel.
Der Himmel, in den Jesus „auf“gefahren ist – der ist auf der Erde. Zwischen den „Menschen, an denen Gott Wohlgefallen hat“, wie die Engel zu Weihnachten singen. Dieser Himmel ist gar nicht immer blau. Ja oft durch Sturm verhüllt, wie bei der Auffahrt von Elijahu (schauen Sie dazu einmal die 4. Strophe des Schweizerpsalms an). Aber dieser Himmel ist nah, er kann auf dem Boden der Tatsachen bestehen.