Jesus und die Frauen - Predigt vom 10. Mai 2020

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Bei Jesus ist manches etwas anders.
Er steht zwar mit beiden Beinen in seiner jüdischen Tradition. Doch geht er anders da-mit um. Auch bezüglich der Frauen. Und das beginnt damit, dass Maria wichtiger ist als Joseph.
Joachim Finger,
Jesus heisst nirgends Jeschuˁa bar Joßef (Jesus, Sohn des Joseph), sondern er wird Sohn der Maria genannt (Mk 6,3) und auch später ist nicht von Joßef die Rede, sondern von Maria und vom Haus der Maria der Mutter, wo sich die Anhängerinnen und Anhänger Jesu versammelten (Apg 1,14; 12,12)
Und die Geschichten am Anfang des Lukas-Evangeliums, sowohl von die Elisabeth (Mutter des Johannes) als auch die von Maria, erinnern an Chana, die Mutter Samuels:
Die Unfruchtbarkeit von Chana (1Sam 1,10) und Elisabeth (Lk 1,17),
das Lied der Chana (1Sam 2,1ff) und das Magnifikat der Maria (Lk 1,46ff),
Chana weiht ihren Sohn Gott und Jeschuˁa „wird Sohn des Höchsten genannt werden“.
Es ist Chana, die Gott um ein Kind bittet, und es ist Maria, der Gott ein Kind ankündigt. (Johannes wird vom Gottesboten seinem Vater Zacharias versprochen, und auch z.B. Isaak seinem Vater Abraham).
Wenn wir davon ausgehen, dass Jesus mit Gott irgendwie eins ist, dann wird Gott also von einer Frau geboren. Wow!
Er ist ein Säugling, er muss von ihr gestillt und gewickelt werden, er ist auf sie angewiesen. Indem Gott sich mit dem Kleinen verbindet, macht Gott die Frau gross.
Und macht zudem zweierlei deutlich: Wenn Leben in die Welt kommt, dann geschieht das durch die Mutter.
Und: Der Mann kann zwar , das wird in der Vorgeschichte des Lukas deutlich, nach dem Ge-setz die Identität verleihen. Das Menschsein aber kommt von der Mutter.
Damit stellt Gott sich der vorherrschenden Rechtlosigkeit von Frauen entgegen. Gott erklärt die Frau als wesentlich, Wesen-bestimmend.
In Rom, Griechenland und den jüdischen Provinzen waren die Frauen nicht erbberechtigt und waren nicht an der Politik beteiligt. In Rom wie in Griechenland konnten unerwünschte Töchter ausgesetzt werden.
Der Mann konnte die Frau nach dem Recht der jüdischen Schriftgelehrten aus nichtigen Grün-den fortschicken, eine Frau, die fremdging, wurde gesteinigt, nicht aber der Mann.
Geschäftsfähig war sie in der Regel mit einem Beistand (so etwa Babatha, Anfang des 2. Jh’s, Schriftstücke von ihr wurden in einer Höhle am Toten Meer gefunden).
Das ist nicht Gottesrecht, das ist nicht Menschenrecht, sondern nur menschliches Recht.
In Mazedonien hatten die Frauen vererbbare Bürgerrechte, waren auch an der Regierung beteiligt. Die Stadt Thessaloniki wurde nach einer Frau benannt. Lydia, die Purpurhändlerin, war eine Frau aus Mazedonien (Apg 16).
Sie steht in der Apostelgeschichte der Frau gegenüber, deren wirtschaftliches Potential fremd-bestimmt wurde und von Männer ausgebeutet wurde (Apg 16,16). Paulus zerstört diese Bin-dung – mit Folgen natürlich: Er wird verhaftet.
Nach der Krise (Verhaftung, Gefängnis) geht gewissermassen ein Erdbeben (Apg 16,26) durch die Gesellschaft – ja das würde es wirklich, wenn man(n) dem Beispiel von Paulus folgt) und – glücklicher Ausgang – Paulus findet wieder Zuflucht – bei Lydia.
In Ägypten war die älteste Tochter erbberechtigt und Frauen waren selbstverständlich ohne Beistand geschäftsfähig. Wie war das gleich mit dem Asyl der Jesusfamilie in Ägypten? Gott hat die Frau weder zu einer blossen Gehilfin (wie es Luther übersetzte) gemacht noch zum „Abglanz des Mannes“ (wie es Paulus anscheinend nach Korinth schrieb, 1Kor 11,7). „Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, männlich und weiblich schuf er sie“ (1Mose 1,27). Und erst nach der Teilung des Menschen in die eine Seite und die andere Seite behielt die eine Seite ihren Namen, um daran zu erinnern, wo sie herkam, von der Erde. Und wurde Adam, der Mann.
Und die andere Seite erhielt, da der geteilte Mensch sich nun mit verteilten Rollen um die Fortpflanzung kümmern musste, den Namen für ihre grosse und anstrengende Aufgabe (mindes-tens so anstrengend wie im Schweisse seines Angesichtes Ackerbau zu betreiben): Mutter des Lebens, Chava (= Eva).
Dementsprechend würdigte Jesus die Frauen: Als ganze Menschen, als ebenbürtigen Teil der Menschheit.
Wahrscheinlich gab es eben darum so einige Frauen, die ihn unterstützten (Lk 8).
Er besucht nicht Lazarus, sondern seine Schwestern Maria und Martha (Lk 10,38). Er kümmert sich um Frauen, selbst wenn sie Ausländerin (Mt 15,28) oder Samaritanerin (Joh 4,9) sind. Er verurteilt sie nicht, selbst wenn sie ihm gegenüber gesellschaftliche Schranken durchbrechen (Mt 9,20).
Und eine Frau war mit die wichtigste Zeugin seiner Auferstehung (Joh 20,18).
In einer der Jesusverfilmungen kniet die geknickte, aber vor der Steinigung gerettete Frau, die fremdgegangen war (Joh 8,9), vor Jesus und sagt: „Was tust du? Du behandelst mich ja wie einen Menschen!“ Und Jesus antwortet: „Das bist du doch auch!“
Amen.