Warum heisst Jesus Jesus? - Predigt vom 3.5.20

Bild wird geladen...
Es gibt nur wenige Personen in der Bibel, für die Gott selbst einen Namen vorschreibt. Neben Isaak, Johannes und anderen natürlich auch Jesus. Der „Name Jesu“ spielt in der Bibel und in der Liturgie eine grosse Rolle, er soll verherrlicht werden (2Thess 1,12) und ist über allen Namen (Phil 2,9). Warum der Name und nicht die Person?
Joachim Finger,
Weil der Name Jesu ein Programm ist. Und weil der Name Jesu bedeutet, dass dieses – Gottes – Programm sich ereignet.
Weil der Name Jesu eine der Klammern ist, welche die neutestamentliche Zeit mit dem Sinai verbindet. Und weil der Name Jesu seine Taten, seine Lehren und seine Person mit dem verbindet, was Gott wieder und wieder verheissen und geschehen lassen hat.
Unter den Personen, für die Gott selbst einen Namen bestimmt (Isaak, Ismael, Israel, Josia, Immanu-El, Johannes, Jesus) sind drei, die im wesentlichen dasselbe ausdrucken: Gott ist bei uns, hilft uns, macht uns heil. (Josia, Immanu-El, Jesus).
Jesus – das ist die griechische Form des aramäischen Namens Jeschuˁa, in abgekürzter und etwas herablassender Form Jeschuˁ. Die ausführliche hebräische Form ist Jehoschuˁa – Jesus trägt also denselben Namen wie der Nachfolger von Moses, Josua. Aber auch Hoscheˁa = der Prophet Hosea trägt diesen Namen, er kommt vom Verb jaschaˁ = helfen, retten, befreien. Und auch der grosse Prophet Jesaja ‒ Jeschaˁjahu ‒ trägt die Botschaft in seinem Namen. Der Name des Königs Josia (= Joˀschijahu) gehört nicht dazu, obwohl er eine vergleichbare Bedeutung hat: „JHWH heilt“.
Wen wundert es, dass Jesus, also Jeschuˁa, ein verbreiteter Personenname war und in zahlreichen Inschriften vorkommt, rund hundert Mal? Die Botschaft der Bibel und die Sehnsucht von Generationen klingen darin. Er ist Verheissung, aber auch ein Hilferuf – den auch wir heute noch verwenden: Jesses!, Jéminé! (= o Jesu Domine), Herrje! Und selbst im oft als Lobpreisruf verstandenen «Hosianna» steckt er: Hosch(i)aˁh-naˀ =JHWH hilf doch!
Nur als Zwischenbemerkung: Die verkürzte Form Jeschuˁ wurde in der Auseinandersetzung zwischen Juden und Christen von der jüdischen Seite gebraucht, um eine Verwechslung mit den biblischen Personen gleichen Namens auszuschliessen. Möglicherweise ist es auch die dialektale galiläische Form von Jeschuˁa – das würde durchaus passen, da man sich in Jerusalemer Kreisen über den galiläischen Dialekt, seine Verkürzungen und unklare Aussprache lustig machte.
Über 200 Mal kommt die Wortwurzel j-sch-ˁ im Alten Testament vor. Und die Anhänger Jesu, die gewohnt waren, die Bibel auf Hebräisch zu hören, erkannten darin seinen Namen wieder. Jesus selbst wies z.B. die Jünger auf dem Weg nach Emmaus darauf hin, da er nicht nur aus den Propheten zitierte, sondern auch aus den Psalmen, wo sich weitaus die meisten Stellen mit j-sch-ˁ finden. Da verstanden sie, dass Jesus lebt, was Gott schon zur Zeit des Auszugs aus Ägypten tat: Es herrscht Not, Ungerechtigkeit, Krise. Aber Gott sah und hörte und «rettete Israel aus der Hand der Ägypter» (Ex 14,30).
Wieder und wieder rettet Gott und macht heil, was zerbrochen ist – in der Zeit der Richter und der Könige. König David betet und dankt Gott: «Und du hilfst dem elenden Volk, … (2Sam 22,28) und König Hiskia fleht: «Und nun, JHWH, unser Gott, rette uns doch aus seiner Hand, damit alle Königreiche der Erde wissen, dass du, JHWH, allein Gott bist!» (2Kön 19,19). Jesaja verheisst: «… von mir kommt die Hilfe» (Jes 51,5).
Und die Emmausjünger (z.B.) verstanden: Ach, natürlich, da ist von Jesus (= Gotthilft) die Rede. Mitten in der Krise zeigt uns Gott durch Jesus, dass und wie er hilft.
Das Besondere bei Jesus ist, dass sich in ihm Gott mit dem Menschen untrennbar verbindet und damit zeigt, dass die Hilfe Gottes sich in einem Menschen ereignen kann. Der Sohn von Maria (und Joseph) heisst nicht nur Jesus, er lebt Jesus.
Und wenn Paulus Dinge schreibt wie «So soll der Name unseres Herrn Jesus verherrlicht werden unter euch und ihr in ihm, wie es der Gnade unseres Gottes und unseres Herrn Jesus Christus entspricht.» (2Thess 1,12) und «Deshalb hat Gott ihn auch über alles erhöht und ihm den Namen verliehen, der über allen Namen ist, damit im Namen Jesu sich beuge jedes Knie, all derer, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind,» (Phil 2,9f), dann geht es nicht einfach darum, seinen Namen in Ehren zu halten, sondern das Programm, das darin steckt, soll verherrlicht werden (wörtlicher: dem Programm soll Gewicht verliehen werden) und das Programm ist grösser als alle Namen.
Denn es bedeutet: Lasst uns nicht beten und warten, dass Gott etwas tut. Lasst uns Jesus nicht nur anbeten, sondern lasst uns Jesus tun. Das Gottesreich leben, so wie Jesus es gelebt hat. Deswegen heisst er nämlich Jesus.
Mit Zwingli gesprochen: «Ein Christ sein heisst nicht, von Christus zu schwätzen, sondern ein Leben zu führen, wie er es geführt hat.»
Und mit Kurt Marti: «Wunsch: Daß Gott ein Tätigkeitswort werde.»