Gedenken an Münsterpfarrerin Sylvia Kuster

Alfred Richli,
Sylvia Kuster 1922-2012, Münsterpfarrerin 1982-1988<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>ref-sh.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>2053</div><div class='bid' style='display:none;'>14089</div><div class='usr' style='display:none;'>330</div>

Sylvia Kuster 1922-2012, Münsterpfarrerin 1982-1988

Am 22. April ist die ehemalige Münsterpfarrerin Sylvia Kuster verstorben. Sie galt als erste Pfarrerin im Kanton. Der ehemalige Kirchenstandspräsident der Münstergemeinde, Dr. Alfred Richli, würdigt ihren Lebensweg.
Sylvia Kuster-Giroud (1922-2012)
Pfarrerin am Schaffhauser Münster

Im 90. Lebensjahr ist Pfarrerin Sylvia Kuster in Schaffhausen verstorben. Nach dem Tod ihres Ehemannes übernahm sie seine Pfarrstelle und wirkte 1982-1988 am Schaffhauser Münster als erste Pfarrerin im Kanton. Der damalige Kirchenstandspräsident Dr. Alfred Richli würdigt die Münsterpfarrerin, die ihre letzten Jahre völlig zurückgezogen im Altersheim Steig verbrachte.
Die Frauen und Männer der Münstergemeinde erinnern sich an eine aussergewöhnlich engagierte Persönlichkeit, welche als Ehefrau und Mitarbeiterin ihres Mannes Walter Kuster, nach dessen Tod als gewählte Pfarrerin im Dienst der Schaffhauser Kirche stand und für die christliche Botschaft mit Wärme und Hingabe eintrat.
Die Theologiestudentin:
In einer betont kirchenfreundlichen Familie –wie sie selbst formulierte „im Schatten der Matthäuskirche im Kleinbasel“ – aufgewachsen, entschied sich Sylvia Kuster-Giroud bereits während ihrer Schulzeit am Mädchengymnasium für das Studium der Theologie. Ihre Eltern warnten sie allerdings davor, einen für Frauen aussichtslosen Beruf anzustreben. Doch sie folgte ihrer Berufung und schaffte sich mit ihrem Taschengeld theologische Bücher an. Damals leuchtete Karl Barth als Stern der Reformierten. Sylvia war derart von ihm fasziniert, dass sie, laut ihrem Selbstzeugnis, „seine Dogmatikbände verschlang wie andere Leute Kriminalromane.“ Dass sie sich nebenher zur Organistin ausbildete, entsprach wohl ihrem Interesse für Musik, doch zielte auch dieses „Nebenfach“ auf den Gottesdienst.
Noch während ihres Studiums begegnete sie dem Mann, der ihrem Leben „Reichtum und Spannung geben konnte“. 1947 zogen die beiden als Ehepaar nach Hemmental, wo Walter Kuster seine erste Stelle als Gemeindepfarrer gefunden hatte.
Die Pfarrfrau am Münsterplatz:
Nach einer Kampfwahl gewann Walter Kuster 1954 die Münsterkanzel. In der Gemeindearbeit wirkten beide eng zusammen. Sylvia Kuster sprach von einer „totalen Lebensgemeinschaft“. Neben dem kirchlichen Alltag mit Predigt, Seelsorge, Unterricht wurden besondere Gemeinde-Anlässe geradezu legendär. So das Zelglifest auf dem Randen, das Scharen anlockte, oder die Abende im dicht besetzten Kronenhof mit den „Münstermüsterli“, einer Revue von Cabaret-Nummern, welche von den jeweiligen Konfirmanden dargeboten wurden, nach Texten von Sylvia Kuster. Darin kamen der ansteckende Optimismus und der Schalk der Verfasserin zum Zuge, und ihre Sprache blühte. Wie sie denn auch bei mancher Gelegenheit glänzende Verse schrieb.
Und immer stand ihr Haus gastfreundlich offen. Wenn ab und zu erlauchte Professoren wie etwa Helmut Thielicke eintrafen, aber auch nach dem regulären Sonntagsgottesdienst versammelte sich in ihrer Stube stets eine diskussionsfreudige Gruppe, welche die Atmosphäre des Pfarrhauses am Münsterplatz zu schätzen wusste.
Am 2. Mai 1979 durfte das Ehepaar Kuster auf 25 Jahre gemeinsamen Wirkens zurück schauen. Das Jubiläum wurde mit einem Liebesmahl im Kreuzgang gefeiert. Zwei Jahre danach starb ihr Mann. Sylvia schrieb in ihrem Lebenslauf: „Der Tod meines Mannes war die Erschütterung meines Lebens – und zugleich die tiefste Erfahrung der Nähe Gottes und seiner Kraft und Hilfe. Es ist darum meine Bitte an Gott, dass ich von meinem wunderbaren Erleben und von aller erfahrenen Liebe andern noch einen Segen weitergeben darf.“
Aus dieser Haltung heraus übernahm sie ganz selbstverständlich die bisherigen Aufgaben des Pfarrers als Stellvertreterin, widersetzte sich aber einer Wahl. Schliesslich überwand Sylvia Kuster ihren inneren Widerstand und fand doch noch zu einem Ja. Aus der Frau Pfarrer wurde definitiv unsere Pfarrerin.
Pfarrerin am Münster:
Mit ihrer Wahl und ihrer Amtseinsetzung am 10. Januar 1982 wurde sie zur ersten Pfarrerin im Kanton Schaffhausen. Vom Kirchenstand vernahmen die Leser der Schaffhauser Nachrichten dazu: „Das evangelische Wort behält in unserer Kirche seine klare, eindringliche Stimme. Darüber wollen wir im ganzen weiten Umkreis des Münsterturms froh sein.“ Das Vertrauen auf Gott, das sie in der Predigt pries, sie strahlte es selber aus. Dabei hätte es durchaus Gründe, sich zu sorgen, gegeben. Die Mitgliederzahl der Münstergemeinde war von 1979 bis 1983 von knapp 1700 auf gut 1300 zurückgefallen – ein durch die Citybildung und Zuwanderung von katholischen Christen, aber auch durch Kirchenaustritte verursachte Schrumpfung um ein Viertel innerhalb von vier Jahren. Dazu kam es zu ersten finanziellen Engpässen. Nichts vermochte Sylvia zu erschüttern. Auch Peinlichkeiten des Kirchenlebens konnten sie nicht aus der Fassung bringen. Als bei einer Abendmahlsfeier die Brote auf den Münsterboden fielen, zuckte sie nicht mit der Wimper, und als bei einer Hochzeit ein Fahnenträger umsackte, zog sie kurz entschlossen ein Fläschchen Cognac aus der Tasche und holte so den Ohnmächtigen zurück. Es gab sie schon, die Leute, denen solche Sicherheit und die positive Weltsicht ihrer Pfarrerin etwas unheimlich vorkamen; dass ihre Zuversicht erkämpft war, sah man ihr eben nicht an.
Nach Dienstschluss:
Auch nach ihrer 1988 erfolgten altersbedingten Pensionierung kehrte sie, nun als Stellvertreterin, auf die Kanzel zurück. Und immer wieder wurde sie für Hochzeiten oder Abdankungen verpflichtet. Diese Einsätze dauerten an, bis ihre Kräfte aufgezehrt waren und ihr Rückzug aus dieser Welt offensichtlich wurde. Im Altersheim auf der Steig durfte sie, die so viel Liebe geschenkt hatte, sich der Liebe der Pflegerinnen überlassen. Ihr Tod am 22. April 2012 traf einen Menschen, der das Leben ausgeschöpft hatte.
Alfred Richli
Autor: Doris Brodbeck     Bereitgestellt: 02.05.2012    
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