Bettina Hitz-Bovey: Diakonin der ersten Stunde

Adriana Schneider (Kirchenbote),
Bettina Hitz-Bovey —  Foto: Adriana Schneider<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>ref-sh.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>2954</div><div class='bid' style='display:none;'>36487</div><div class='usr' style='display:none;'>330</div>

Bettina Hitz-Bovey, langjährige Sozialdiakonin der Kirchgemeinde Burg in Stein am Rhein, tritt im Sommer in den Ruhestand. Der Kirchenbote nimmt dies zum Anlass, auf ihr Berufsleben zurückzuschauen und auf das, was sich verändert hat.
Wenn Bettina Hitz-Bovey aus ihrem
Berufsleben erzählt, blitzen ihre wachen
Augen. Sie berichtet lebhaft, ist ganz in ihrem Element. Gleichzeitig strahlt sie Ruhe aus. Sie scheint angekommen, steht vor dem Schritt in den Ruhestand. Im Gespräch blickt sie zurück auf 24 Berufsjahre als Sozialdiakonin der Kirchgemeinde Burg in Stein am Rhein. Dem Ort, in dem sie aufgewachsen war, als Tochter eines Mesmer-Ehepaares. «Schon mein Grossvater war Mesmer», sagt sie, «die kirchliche Sonntagskultur war mir sehr vertraut, unser privater Sonntag begann jeweils um 14 Uhr.»

Stelle ganz neu aufgebaut
Als Bettina Hitz-Bovey im Jahr 1993 die frisch geschaffene Stelle in der
Kirchgemeinde Burg antrat, stand der Gemeindeaufbau im Zentrum. «Früher gehörte zum Berufsbild einer Sozialdiakonin ganz klar der Gemeindeaufbau», sagt sie. Das sei heute anders. «Heute stellen wir uns die Frage, was können wir uns noch leisten? Das ist eine völlig andere Ausgangslage.» Während heute der finanzielle Druck in der Kirche überall spürbar sei, herrschte früher der Idealismus. «Neue Projekte wurden nicht sofort durch Budgetfragen ausgebremst, man hatte mehr Raum, Ideen zu entwickeln.»
Das Arbeitsfeld sei weit gefächert gewesen, umfasste Kinder-, Jugend- und Familienarbeit, Erwachsenenbildung, Bibel- und Glaubensseminare sowie Seniorenarbeit und Sterbebegleitungen. Sie habe alles gerne gemacht. «Der Wechsel zwischen den Altersgruppen hat mich frischgehalten», sagt sie.
Bettina Hitz-Bovey hat viele ins Boot geholt: «Für jedes Projekt habe ich andere Menschen angefragt, ob sie mitarbeiten wollten.» Von Vorteil war, dass sie schon so gut in der Gemeinde verankert war, als sie ihre Stelle antrat. Auch ihr Engagement in der Freiwilligenarbeit, das sie vor ihrem dreijährigen Studium an der Ausbildungsstätte für kirchliche Mitarbeitende in Zürich betrieben hatte, sei hilfreich gewesen. Damals war sie Präsidentin der Pro Juventute, Vorstandsmitglied des Gemeinnützigen Frauenvereins und freiwillig Mitarbeitende bei Terre des Hommes, Vertrauensperson der Pflegekinderaufsicht und arbeitete schliesslich als sozialpädagogische Familienbegleiterin mit Familien, die Schwierigkeiten hatten.


Berufsbild mitgeprägt

«Ich war hier zu Hause, das hat mir viele Türen geöffnet», erzählt sie. Diese Nähe ermöglichte ihr, Menschen in ihrer letzten Lebensphase zu begleiten. «Das war ein grosses Privileg.» Auf der anderen Seite musste sie auch lernen, sich abzugrenzen und keine seelsorgerischen Gespräche zwischen Laden-Regalen zu führen. Das rät sie auch einer jungen Kollegin. Sich abgrenzen. Sich nicht für alles verantwortlich zu fühlen. Und sich gut ausbilden lassen. Bettina Hitz-Bovey hat sich in ihrem Berufsleben dafür eingesetzt, das Berufsbild der Sozialdiakonin in eine Form zu bringen, die eine Akzeptanz hat. Sei es als Mitbegründerin und Vorsitzende des
Kantonalen Diakoniekonvents oder als Mitglied der Synode. «Die Arbeit,wird stärker wertgeschätzt, wenn man dem Berufsbild ein Gesicht gibt», sagt sie. Mittlerweile hat sich die Berufsbezeichnung verändert: Von der «Gemeindehelferin» über «sozial-diakonische Mitarbeiterin» zur «Sozialdiakonin». Bettina Hitz-Bovey nimmt wahr, dass junge Sozialdiakoninnen ein gutes Selbstvertrauen mitbringen. «Sie haben klare Vorstellungen von ihrem Beruf und begreifen sich als gleichwertiges Team-Mitglied.»

Heute mehr Seniorenarbeit
Das Stellenprofil habe sich allerdings stark verändert. «Heute liegt
der Schwerpunkt in vielen Kirchgemeinden auf der Seniorenarbeit», sagt Hitz-Bovey. Das hänge mit der Altersstruktur der Kirchgemeindemitglieder zusammen. Und manchmal auch mit der Verteilung der Aufgaben beim Arbeitsteam. Besonders intensive Erinnerungen habe sie an die früheren Konf-Lager. «Ich reiste während mehr als zehn Jahren mit den Jugendlichen nach Italien.» Während der langen Zugfahrten sei man sich nahe gekommen. «Ich habe eine Art Mutterrolle übernommen», sagt sie. «Heute erfüllt mich eine Seniorenwoche jedoch genau so.»

An ihre Ordination im Jahr 2004 denkt die Fachfrau gerne zurück. «Ich habe meine Ordination als Legitimation für meinen Beruf empfunden. Als Möglichkeit, meine innere Berufung in eine Form zu bringen.» Die Sozialdiakonie sei für sie nie nur ein Job gewesen. «Ich habe diese Arbeit nicht gesucht, sie ist auf mich zugekommen», erzählt sie. Fasziniert habe sie daran die Möglichkeit, Hilfe zur Selbsthilfe leisten zu können. Eine «Ablöscherphase» oder Gelüste nach einer beruflichen Veränderung habe sie in den 24 Jahren nie verspürt. «Ich war einfach am richtigen Platz.»
Der bevorstehende Ruhestand macht ihr keine Angst. Sie wird dann den Rollenwechsel von der Sozialdiakonin zum Gemeindemitglied vollziehen. «Ich weiss noch nicht, was auf mich zukommt. Vielleicht gibt es zunächst eine gewisse Leere», sagt sie. «Vielleicht freue ich mich einfach darauf, einmal ohne Erklärung irgendwo einen Gottesdienst besuchen zu können.»

aus: Kirchenbote April 2017 (E-Paper)
Autor: Doris Brodbeck     Bereitgestellt: 05.04.2017    
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