Bruder Klaus - aber wo bleibt Dorothea?

Silvia Pfeiffer,
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Flüeli Ranft OW: Haltestelle St. Dorothea

Im Kirchenboten war bereits der erste Teil des Beitrags von Silvia Pfeiffer, Buchthalen, zu Bruder Klaus abgedruckt. Hier stellen wir den vollständigen Beitrag zur Verfügung einschliesslich dem zweiten Teil zu seiner Frau Dorothea. Diese ist zwar nicht heilig gesprochen worden, aber die Bus-Haltestelle in Flüeli Ranft erinnert an ihre Namensbase!
Bruder Klaus: Nationalheld, Heiliger, Friedensstifter, Ratgeber den Ratsherren – aber wo bleibt Dorothea?

Seine Biografie fasziniert: Der Obwaldner Bergbauer, geboren um 1417 in Sachseln, hat keine Schulbildung; - weder lesen noch schreiben hat er gelernt. Er beherrscht das Handwerk eines Bergbauern. Mit seinem Vater besucht er regelmässig die Landsgemeinde und lernt seine staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten kennen. Als angesehener Bauer wird er Ratsherr in Obwalden und als solcher oft Schiedsrichter in weltlichen und kirchlichen Streitsachen. Mit achtundvierzig Jahren legt er alle Ämter nieder. In innerem Ringen, das ihn immer wieder in tiefe Krisen stürzt, kommt er mit 50 Jahren zur inneren Gewissheit, dass Gott ihn zum Eremitenleben berufen habe. Nach dreimonatiger Pilgerreise, die ihn nach Liestal führt, kehrt er in sein Bergtal zurück und lässt sich im Ranft in der Einsamkeit nieder. Die Landsgemeinde lässt ihm eine Zelle mit einer Kapelle errichten.

Im Dezember 1481 kommt seine grosse Stunde, die ihn zum Friedensstifter und Nationalhelden macht: Die Tagssatzung zu Stans. Sie zeigt die innere Zerstrittenheit zwischen den Stadt- und Länder-Orten der alten Eidgenossenschaft. Solothurn und Freiburg sollen dem Bund angegliedert werden. In der Stunde der Gefahr eines Bürgerkrieges holt der Geistliche Heimo Amgrund von Stans den Rat des Einsiedlers, der in weltlichen und kirchlichen Dingen erfahren ist und diese Erfahrung ins Ranft mitgenommen hat. Wir kennen den Rat des Bruder Klaus nicht. Das Resultat aber kennen wir: Nach zwei Stunden haben sich die Ratsherren geeinigt: Der Bund der 8 Orte, bis anhin nur locker verbündet, wird besiegelt, Freiburg und Solothurn aufgenommen, und damit die Mehrsprachigkeit der Eidgenossenschaft eingeleitet. Damit beginnt die eigentliche Geschichte der Eidgenossenschaft auf ihrem Weg zum mehrsprachigen Staatenbund und zum Bundesstaat 1848 inmitten der europäischen Nationalstaaten. Ein gottergriffener Mystiker wird zum Vater eines Staatsgebildes, das bis heute seine Einzigartigkeit bewahrt hat.

Ein Jahr nach dem Stanser Verkommnis, am 4. Dezember 1482, lässt er dem machtbewussten Rat von Bern schreiben: „Gehorsam ist die grösste Ehre, die es im Himmel und auf Erden gibt, weshalb ihr trachten müsst, einander gehorsam zu sein, und Weisheit ist das allerliebste, denn sie fängt alle Dinge am besten an. Friede ist allweg in Gott, denn Gott ist der Friede. Darum sollt ihr schauen, dass ihr auf Frieden stellet, Witwen und Waisen beschirmet, wie ihr noch bisher getan.“ Eingeleitet wird dieser Abschnitt mit den Worten: „Von Liebe wegen schreibe ich euch“. (Brief des Bruder Klaus, Original Historisches Museum Solothurn)

Wer möchte diesen weisen Worten widersprechen. Wer möchte sie nicht fruchtbar wissen und wissen wollen für unser Land, für Europa, für die Welt. Und so wird der Geist von Bruder Klaus in aller Mund geführt: Dichter, Politiker, Geistliche, Philosophen, Päpste und Staatsmänner sind seines Lobes voll.

Bundesrat Giuseppe Motta 1911 bis 1941 beurteilt Bruder Klaus als „die grösste moralische Macht im Schweizerlande“. Wahr ist’s, wenn man die Stimme aus den Nebeln des 15. Jahrhunderts hört, die hineinbricht in die Zeit der Bedrohung durch die deutsche Allmacht an der einen Grenze und die ideologische Versuchung auf der Südseite durch den Faschismus. Der Nachklang des bundesrätlichen Urteils mutet an, als ob dieser Bundesrat sich diese moralische Autorität zu eigen gemacht. Hat er? Nein.
Giuseppe Motta hat am 23. Dezember 1936 als damaliger Aussenminister die De-iure-Anerkennung der italienischen Eroberung Abessiniens ausgesprochen und das als erstes demokratisches Land im Gefolge der italienischen Faschistenpartner Deutschland, Österreich, Ungarn und Japan. Damit hat die Schweiz als Mitglied des Völkerbundes eines der schlimmsten Verbrechen sanktioniert, das ein Mitglied des Völkerbundes gegen ein anderes Mitglied verüben konnte. Mottas Verehrung des Duce verführte ihn dazu, das Verbrechen gegen Abessinien zu rechtfertigen, obwohl er dadurch Verrat beging gegenüber den Satzungen des Völkerbundes. Diese sollten den Schutz kleiner Staaten gegenüber den Grossen garantieren und damit auch den Schutz der Schweiz inmitten der Faschistenstaaten. Der Schweizer Aussenminister und Verehrer von Flüe’s hat dieses Recht mit Füssen getreten, weil er sich nicht dem Recht verpflichtet wusste, sondern dem italienischen Diktator.

Papst Johannes Paul II. hat 1984 in Flüeli Ranft einen Friedensgottesdienst zu Ehren des Heiligen gefeiert. Er sagte: „Niklaus von Flüe mahnt uns zum Frieden im eigenen Land und zum Frieden in der Welt, er ermahnt uns aber vor allem zum Frieden im eigenen Herzen.“ Das haben wir heute so nötig wie 1984 und nötiger als je. Der Kulturphilosoph Denis de Rougemont hat richtigerweise 1938 die Bedeutung des Niklaus von Flüe für den Frieden der Welt erkannt: „Nicolas a fui le monde, et voici, le monde vient à lui“ (Bruder Klaus floh die Welt und nun kommt die Welt zu ihm). („Nicolas de Flue“ Dramatische Legende, vertont von Arthur Honegger, Acte II)

Wenn wir über Bruder Klaus und seine Wirkung auf die heutige Politik nachdenken, erinnern wir uns an sein berühmtes Wort: „Mischt Euch nicht in fremde Händel“. Wenn man diesen Satz als Suchbefehl im Internet eingibt, kommt einem dies und jenes entgegen. Unter anderem ein Parteitag zur Parolenfassung über die Militärgesetzrevision vom 10. Juni 2001, die auf dem historischen Platz der damaligen Obwaldner Landgemeinde stattfand zum Gedenken an Niklaus von Flüe. Dort bekämpften sich der Vorsteher des Eidgenössischen Militärdepartements, Bundesrat Samuel Schmid SVP und die Parteispitze. In der UNO-Beitrittsdebatte taucht der gleiche Satz immer wieder als Mahnung auf. „Macht den Zaun nicht zu weit“, verschwiegen wird der zweite Teil „aber scheut euch nicht, über den Zaun hinauszuschauen, macht euch die Sorgen anderer Völker zu euren eigenen und bietet über Grenzen hinweg eine helfende Hand, und dies auch auf der Ebene eurer staatlichen Organe und Finanzmittel.“ Dies waren die Worte des Papstes in Anlehnung an jene Worte, die dem Heiligen zugeschrieben werden, obwohl er des Schreibens unkundig war.

Je weiter weg – zeitlich gesehen – eine Aussage ist in ihrem historischen Kontext, umso leichter lässt sie sich für die Gegenwart nutzbar machen, vereinnahmen und zur eigenen Maxime erheben. Jeder kocht sein Süpplein damit, nimmt was ihm gefällt und macht es zu seiner eigenen Wahrheit.

Ein grosser Mann hat im 15. Jahrhundert gelebt und die Eidgenossenschaft befriedet. Richtig ist, dass man ihn ehrt; nicht richtig ist, dass man seine überlieferten Worte für dieses oder jenes politische Anliegen vereinnahmt oder soll ich sagen „missbraucht“. Der reformierte Theologe Walter Nigg hat es so ausgedrückt: “Der Gottesfreund darf nicht zum Sonderbesitz einer Partei werden, würde es sich doch als sehr nachteilig auswirken, wenn er der einen Hälfte der Eidgenossenschaft verlustig ginge“. (Walter Nigg, „Grosse Heilige“, S. 184) Ist es wohl so, dass sich mystische Empfindungen von dieser oder jener Seite vereinnahmen lassen, weil es Empfindungen sind, die der Realität nicht standhalten wollen und können? Wollte Niklaus von Flüe deshalb nicht Landammann werden, weil er sich auf die politischen Realitäten, d.h. Sachgeschäfte nicht festlegen wollte? Sind darin auch seine inneren Anfechtungen zu orten, der Welt abzusagen und sich ganz Gott mit Beten und Fasten hinzugeben? Eine moderne Mystikerin hat sich in einer ähnlichen Grenzsituation befunden, bevor sie ins Kloster eintrat: Silja Walter. Sie hat jene Grenzüberschreitung beim Eintritt ins Kloster Fahr lyrisch beschrieben: „Ich weiss nicht, geht der Wind vom Fluss, dass ich im Herzen friere; ich denke mir, wer gehen muss, der steh nicht vor der Türe.“ (Frühe Gedichte, Zürich 1950). Hat sich Bruder Klaus die gleichen Gedanken gemacht in den zwei Jahren, die er für den Entscheid für ein Leben mit Gott benötigte? Und wo ist Dorothea geblieben?

Und wo ist Dorothea geblieben?
Sie war 15, als sie heirateten. Sie gebar ihm 10 Kinder. Niklaus war 15 Jahre älter als sie. Sie war 35, als Niklaus sie verliess, das jüngste Kind war 13 Wochen alt, das älteste noch keine 20. Was muss in dieser Frau vorgegangen sein in den zwei Jahren der Entscheidungsfindung, in der das jüngste Kind gezeugt wurde. Neben vielen Autoren, die das Leben des Einsiedlers beschrieben, hat sich auch eine Frau dem Leben Dorotheas zugewandt: Hedwig Beier aus Altötting in Bayern. Sie schreibt: “Wir kennen das grosse und gewiss schmerzlich errungene Ja-Wort des Jahres 1467, mit dem sie ihren Mann wegziehen lässt und ihm damit die Brücke baut für einen neuen Lebensweg.“ Das Sakrament der Ehe verlangte die Zustimmung der Ehefrau für die Trennung. Das erscheint unverständlich angesichts der Tatsache, dass er dem Rufe Gottes folgen wollte. Weshalb also musste Dorothea den Entscheid, sich von der Familie abzuwenden, mittragen?
Zeit der Unruhe, nennt Dorothea die Zeit der Entscheidung. „Ich wusste nicht, wohin sein Weg, unser Weg führte. So von einer Unruhe getrieben, niedergedrückt, wortkarg kann es nicht auf Dauer bleiben. Neunzehn Jahre waren wir jetzt verheiratet, aber so fremd und unnahbar war mein Mann noch nie. Manchmal spürte er meine Sehnsucht, dann bemühte er sich, zu bleiben. Ich war nochmals in guter Hoffnung. Nikolaus aber konnte auch durch dieses keimende Leben in mir keinen inneren Frieden finden. Diese meine Hoffnung erfüllte sich nicht. Ganz im Gegenteil: Er wurde noch unruhiger, noch rastloser, noch leidender...Erleichterung und Angst gleichermassen umfing mich, als er mich nach langer Zeit wieder mit meinem Namen ansprach und mir sagte, dass sein Ringen um einen Weg ein Ziel gefunden hat. Er müsse weggehen von uns, von dem Hof, er müsse Gott ganz dienen. Aber er könne nicht gehen ohne mein Ja-Wort. Er müsse mich ein zweites Mal darum bitten. Gerade als wenn er mir es übergeben hätte: Jetzt befiel mich die Niedergedrücktheit, die Unruhe und die Suche nach der richtigen Entscheidung. Ich fühlte das Glück unserer Ehejahre zerrinnen, ich fühlte noch grössere Einsamkeit, ich haderte mit seinem, mit meinem Gott, aber ich fühlte, dass mein Nikolaus nicht mehr daheim sein kann. Es treibt in weg von uns, manchmal konnte ich denken: Er treibt ihn weg! Es war eine unwiderstehliche Kraft, der ich mich dreinzugeben hatte, sonst würde mein Mann zerbrechen. Und ich sprach mein Ja.“

Schwierig wurde es für Dorothea als sich ihr Ehemann in der Nähe ihres Hofes niederliess. „Unerhört – nach so langem Ringen wieder die Ratlosigkeit!“ Sollte sie ihn besuchen? „Obwohl der Weg zur Ranft kurz ist, für mich war es ein langer Weg, als ich zum erstenmal zu Bruder Klaus hinunterstieg.“ (Hedwig Beier bei Werner T. Huber: Zusammenstellung der schriftlichen Äusserungen über Dorothea, Freiburg 1994)

Niklaus’ Biograf Heinrich Wölfling sagt dazu: „Im Gespräch mit seinen Vertrauten dankte er Gott oft dafür, dass er nach der Zustimmung seiner Ehefrau, die häuslichen Sorgen aufgeben zu können, auch nicht einmal vom Verlangen ergriffen wurde, wieder heimzugehen. Er erlaubte zwar manchmal der Frau und den Kindern, zu ihm in die Einöde zu kommen, um seinen heilsamen Rat zu hören, damit sie durch die väterliche Belehrung gestärkt ihr Leben demütig dem göttlichen Dienste widmeten.“ (Werner T. Huber: Bruder Klaus – Niklaus von Flüe in den Zeugnissen seiner Zeitgenossen, Zürich 1996)

Dorothea ist nie selig - oder gar heiliggesprochen worden. Papst Pius XII. hat sie aber anlässlich der Heiligsprechung von Niklaus ausdrücklich geehrt und Papst Johannes Paul II. hat ebenfalls zu ihrer Ehrung aufgerufen und sie als „heiligmässig“ bezeichnet. Bestrebungen sind seit langem im Gang, beide Ehegatten als heiliges Ehepaar zu verehren. Die Heiligsprechung von Dorothea lässt auf sich warten. Warum?
Wo ist Dorothea geblieben?

Wenn ich mir allerdings überlege, was mit Bruder Klaus in der Neuzeit alles angestellt wird, mag ich Dorothea die Ruhe und das Vergessen gönnen. Würde sie nicht für ein Frauenbild herhalten müssen, das dieser mutigen und starken Frau des 15. Jahrhunderts im 21. Jahrhundert nicht gerecht werden kann, weil es kein authentisches Kostüm für sie gibt. So bleibt ihr jede weltanschaulich zugeschneiderte Gewandung erspart. „Von Liebe wegen“ bleibt sie, was sie war: Dorothea, die selbstlose Ehefrau eines Heiligen und die Mutter seiner 10 Kinder.

Silvia Pfeiffer, Historikerin

(Die Zitate sind nachzulesen unter www.bruderklaus.eu)

http://kirchenbote-online.ch/fokus/600-jahre-niklaus-von-fluee/
Autor: Doris Brodbeck     Bereitgestellt: 04.04.2017    
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