Täuferzimmer Schleitheim

Schleitheim, das Rom der Täufer

kein Papst, kein Petersdom, keine Schweizergarde - aber ein Täuferzimmer

Inhalt:
Bericht Vernissage
SEK Papier
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Kommentar W.Näf
Forumdiskussion dazu
SH Täufergeschichte

Das Täuferzimmer im Museum Schleitheim ist eröffnet. In einer würdigen Feier mit zahlreichen Gästen konnte das Täuferzimmer zugänglich gemacht werden. Taufe und Wiedertaufe ist nicht nur ein Thema der Geschichte, sondern auch der Gegenwart: der SEK wird nächstens ein Positionspapier zur Wiedertaufe publizieren.
Lesen Sie einen kurzen Bericht zur Vernissage, Informationen zum SEK-Papier und einen Kommentar dazu. Natürlich finden Sie auch weiterführende Links.

Werner Näf (Text und Bilder)

Urs B. Leu (Hisoriker), Erwin Gloor (Grafik der Ausstellung), Christian Scheidegger (Historiker), Willi Bächtold (Präsdient Verein für Heimatkunde), Täufernachfahre

Das Täuferzimmer im Museum Schleitheim ist eröffnet. Schmuckstück der permanenten Ausstellung ist eine um 1550 gedruckte Ausgabe der Schleitheimer Artikel. Neben dem ausgestellten Exemplar im Täuferzimmer ist nur noch eines in Goshen (Indiana, USA) bekannt. Das wertvolle Büchlein konnte mit Hilfe der Zentralbibliothek Zürich und hiesigen Sponsoren für Schleitheim gesichert werden.

Schleitheimer Bekenntnis, Druck 1550

Ausstrahlung.  Nach verschiedenen Verzögerungen konnte das Themazimmer im Ortsmuseum fertiggestellt und Ende September mit einer würdigen Vernissage eingeweiht werden. Die Ausstrahlung geht weit über den Kanton Schaffhausen hinaus: die zusätzliche englische Beschriftung der Ausstellungsstücke ist nicht dem Frühenglisch zu verdanken, sondern zeigt, dass das Interesse an der Geschichte der Täufer international ist. Immer wieder besuchen Reisegruppen aus den USA das Dorf hinter dem Randen.

Willi Bächtold,   Präsident des Vereins für Heimatkunde, sah ein voll besetztes Gemeindezimmer vor sich, als er die Vernissage eröffnete. Der Erwerb des raren Drucks hat die Einrichtung des Täuferzimmers ermöglicht und verschiedene Personen und Institutionen haben zum neuen Raum beigetragen.

Dr. Urs B. Leu,   Historiker, profunder Kenner der Täufergeschichte und Leiter der Abteilung Alte Drucke in der Zentralbibliothek Zürich, führte in die Materie ein.

Wiedertaufe: Positionspapier des SEK
Wiedertaufe ist wieder (einmal) ein Thema. Aufstände gibt es keine mehr, Ertränkungen auch nicht. Aber emotionale Diskussionen stehen auf Papier und in Internetforen; Worte werden kräftig vorgetragen, von Podesten und an Sitzungstischen. In den Kantonen Solothurn, Basel-Stadt und Bern sind die Diskussionen am deutlichsten. Der Schweizerische Evangelische Kirchenbund (SEK) nimmt die Streitgespräche auf und wird nächstens in einem Papier zur (Wieder)Taufe Stellung beziehen.
Die Stossrichtung des SEK kann jetzt schon kommuniziert werden, auch wenn das Papier noch nicht zur Publikation freigegeben ist: Die Wiedertaufe sei unbedingt abzulehnen. Biblisch-theologische, ekklesiologische sowie ökumenische Gründe werden angeführt. Der SEK empfiehlt seinen Mitgliedkirchen dringend, keine Wiedertaufen durchzuführen.
Einen Kommentar zur laufenden Diskussion finden Sie hier.
Die Dokumente zur Diskussion in der "reformierten Presse", in Solothurn und auf ref-sh.ch: hier.
Nein, die Täufer seien nicht in erster Linie sozialrevolutionär motiviert gewesen. Im Innersten der Bewegung komme die Kraft aus dem Glauben und der theologische Andersdeutung verschiedener Äusserungen des Glaubens im persönlichen und öffentlichen Leben.
Urs B. Leu wehrte sich damit in seinem Referat zu den Schleitheimer Artikeln gegen eine revisionistische Sicht der Täufer und ihrer Glaubenssätze. In der Einleitung zur neu erschienenen Broschüre "Das Schleitheimer Bekenntnis 1527" führt er diese Gedanken weiter aus. Mitautor des Buches ist der in Schleitheim aufgewachsene Christian Scheidegger, der ebenfalls bei der Ausstellung mithalf.

Willi Fischer,  Schleitheimer Gemeindepräsident, kritisierte in seiner Ansprache die aktuelle Stimmungslage in der Politik und die Diskussions(un)kultur. Die Debatten seien heute ebenfalls sehr intolerant.
Die musikalische Begleitung der Vernissage durch ein Bläserquintett aus Schleitheim war präzise, dem Anlass gut angepasst und die Stücke mit Engagement vorgetragen. Den Schreibenden hat die Musik erfreut.

Buchhinweis: Urs B. Leu und Christian Scheidegger, "Das Schleitheimer Bekenntnis 1527 - Einleitung, Faksimile, Übersetzung und Kommentar", Zug: Achius Verlag 2004, 116 S.

weiterführende Links

» _Verein für Heimatkunde
» Museum Schleitheim
» Museen im Randental
Täuferstein, Täufertag, Täuferzimmer: 2004 ist ein Täuferjahr mit den Aktionspunkten Randen (Täuferstein, Frühling 2004), Zürich (Täufertag Sommer 2004) und Schleitheim (Täuferzimmer, Herbst 2004). Eine Linksammlung finden Sie hier:
» Bericht vom Täufertag (26. Juni)
» Bericht Regionaljournal Radio DRS vom Täufertag (RealPlayer)
» Bericht von der Einweihung des Täufersteins und weitere Links
» Täuferjahr, Bericht auf ref-sh.ch inkl. Linksammlung
» Linksammlung zur laufenden (Wieder)Tauf-Diskussion
» Histor. Lexikon, Artikel "Täufer" von HP Jecker

Kommentar von Werner Näf

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Kommentar W.Näf
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SH Täufergeschichte

"Ich habe nie Mühe gehabt mit der Kindertaufe als solche, möchte aber herausfinden, warum die Wiedertaufe das Schlimmste ist, was im landeskirchlichen Umfeld passieren kann. Irgendwie reagiert die Kirche hier unverhältnismässig empfindlich." Pfr. J. Hermann, Kirchenrat AG in seinen Empfehlungen an seine Kantonalkirche.

Vermutlich können die Theologen verschiedener Kirchen mit dem Satz übereinstimmen, dass die Taufe einmalig und nicht wiederholbar ist. Dann aber fangen die Differenzen an: Was macht denn ein Ritual zu einer Taufe? Ist gänzlich gesichert, dass das Wasserritual mit einem Säugling innerlich und äusserlich eine Taufe ist? Welches sind die Kriterien einer Taufe?

Grosskirchliche Wiedertaufe.  Es ist noch nicht allzu lange her, da wurde beim Übertritt von einer Kirche in die andere auch hierzulande eine Wiedertaufe vollzogen (nota bene nicht von Wiedertäufern, von den Landeskirchen). Auch heute noch ist in diesem Bereich nicht alles klar. Das zeigt eine Meldung des reformierten Nachrichtendienstes, die dieser Tage eintraf (» Originalmeldung): Soeben hat die Evangelische Kirche in Deutschland und die griechisch-orthodoxe Kirche eine Vereinbarung getroffen. Die Taufe wird gegenseitig anerkannt. Ausdrücklich wird als festgehalten: "Wir betrachten unsere Gemeindeglieder gegenseitig als getauft und lehnen es ab, im Falle eines Konfessionswechsels eine neue Taufe vorzunehmen."
Ja, und was war vorher? Hat etwa die deutsche Evangelische Kirche die griechisch-orthodoxe Taufe nicht als Taufe, sondern als Säuglingswasserritual eingestuft?

Täuferin oder Wiedertäuferin?  Schon die Verwendung der Worte zeigt verschiedene Standpunkte an: Haben sich in Schleitheim zur geheimen Synode nun Täufer oder Wiedertäufer getroffen? Es ist noch nicht lange her, da hat mir eine Konfirmandin meiner letzten Klasse gesagt, sie wolle sich taufen lassen. Das was mit ihr als Säugling geschehen sei, sei keine Taufe. Die innere Bereitschaft habe gefehlt und das mache die Taufe ungültig. Sie sei ungetauft. Biblische Argumente dagegen sind rar. Mit anderen muss man ihr nicht kommen. Ist sie jetzt Täuferin oder Wiedertäuferin? Wer entscheidet?

SEK hat recht. Und trotzdem ...  Ich kann die Argumentation des SEK (vgl. Kasten) nachvollziehen und eigentlich auch befürworten. Das genannte Dilemma ist deswegen allerdings nicht aufgelöst und das Problem nicht aus der Welt geschafft.
Nur zur (Wieder)Taufe etwas zu sagen, wird der Fragestellung eigentlich nicht gerecht. Die Taufpraxis in unserer Kirche widerspricht in vielen Fällen den hehren Worten von der Taufe als "einmaligem Anfang christlicher Existenz". Die offensichtliche Diskrepanz zwischen einem theologischen Verständnis der Taufe und der Taufpraxis landauf landab rüttelt heftig an den Säulen der Argumentation.

Erlebnis.  Das folgende Erlebnis führt ebenso dazu, dass ich in dieser Frage ratlos vor Tastatur, Bildschirm, Bibel und theologischen Büchern sitze: Anfang der Neunzigerjahre hat ein deutschschweizer kantonaler Pfarrkonvent heftig um die Kindersegnung gestritten. Referat, Gegenreferat, Diskussion. Befürworter der Kindersegnung wurden abgekanzelt und die Abstimmung war eindeutig: mit allen gegen zwei Stimmen wurde die Einführung der Kindersegnung abgelehnt.
Etwa acht Jahre später war von all den edlen theologischen Argumenten im Konvent kein einziges mehr zu hören: Als Nebenwirkung der Segnungen in verschiedenen Lebenslagen wurde die Kindersegnung ohne Wimpernzucken eingeführt. Wo sind die Abkanzler und ihre Argumente geblieben?

Rhetorisch.  Deshalb die rhetorischen Fragen: Wie hieb und stichfest sind theologische Argumentationen? Mischen ungenannte und oft unreflektierte Emotionen mehr mit, als uns lieb ist und passt deshalb die eingangs zitierte Aussage von Pfr. Joachim Hermann nicht doch besser, als es auf den ersten Blick scheint? Könnte es sein, dass die Wiedertaufe nur der sichtbare Schauplatz einer Auseinandersetzung ist, die weiter herum reicht und tiefer geht?

Geysir.  Mit dem kommenden Wort des SEK wird zwar der Geysir "Wiedertaufe" zugestopft. Das darunter liegende heisse Wasser hat sich deswegen aber nicht abgekühlt.

publiziert am 30. September 2004




Die Frontseite von ref-sh.ch zeigte zur Publikationszeit folgenden Einstieg:

Täuferzimmer Schleitheim

Dr. Urs B. Leu

Schleitheim, das Rom der Täufer

kein Papst, kein Petersdom, keine Schweizergarde - aber ein Täuferzimmer

Das Täuferzimmer im Museum Schleitheim ist eröffnet. In einer würdigen Feier mit zahlreichen Gästen konnte das Täuferzimmer zugänglich gemacht werden. Taufe und Wiedertaufe ist nicht nur ein Thema der Geschichte, sondern auch der Gegenwart: der SEK wird nächstens ein Positionspapier zur Wiedertaufe publizieren.
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